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Montage im Ruhrgebiet
von Britta Peters

© Henning Rogge

Der Autor Wolfgang Welsch führt in seinem Buch Unsere postmoderne Moderne (1987) eine anschauliche Anekdote zum Verständnis des Begriffs der Postmoderne an: Er stellt seinen Leser*innen eine Person vor, die durch München streift.

Dabei fällt ihr Blick auf einen Werbetext, der im Vorfeld der Olympiade 1972 flächendeckend in der Stadt plakatiert worden war. „München wird modern“ steht dort in großen Lettern als Ankündigung für verschiedene städtebauliche Maßnahmen, unter anderem für den Ausbau der U-Bahn. Statt dem Zukunftsversprechen, liest die Person – vermutlich der Autor selbst – jedoch plötzlich das genaue Gegenteil, für ihn steht dort: München wird modern, im Sinne von verwesen. Besser und lustiger kann man die Funktionsweise unterschiedlicher Perspektiven kaum beschreiben. Der Kontext, also die Frage, in welchem Umfeld etwas zu interpretieren ist, aber auch die eigene Befindlichkeit – in diesem Fall vielleicht das Gefühl, dass in München wenig Neues passiert – tragen entscheidend zu den verschiedenen Lesarten bei.

Ohnehin könnte die Diskussion um die Postmoderne bald neu entfacht werden: „Architekt*innen erklärten den Vergnügungspark zur idealen Stadt, Designer*innen befreiten sich vom guten Geschmack, und an die Stelle der Systemkämpfe trat der Kampf um Selbstverwirklichung. Neue Medien synchronisierten den Globus, und Bilder wurden zur Bühne, auf der um Stil und Anerkennung gerungen wurde“, bringt es die Bundeskunsthalle Bonn in ihrer Ankündigung zur Ausstellung Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992 (29.09. 2023 – 28.01.2024) auf den Punkt. Selbst wenn unsere Gegenwart wesentlich düsterer und weniger verspielt daherkommt, braucht es nicht viel Fantasie, um die Entwicklung der genannten Linien – Kommerzialisierung der Städte, Globalisierung, Digitalisierung und das Schwinden der gesellschaftlichen Solidarität – von damals bis heute nachzuvollziehen.

Positiv gesehen wuchs mit dem Wissen um Pluralität allerdings auch das Bewusstsein dafür, dass es nicht eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt – wie der Begriff Kunst im öffentlichen Raumsuggeriert – sondern, dass die Wahrnehmung und Nutzung von öffentlichen Räumen auf unterschiedlichen Adressierungen und Erfahrungen beruht. Mehr noch, dass die öffentliche Sphäre durchzogen ist von subtilen und weniger subtilen Codes, die Auskunft darüber geben, welche Menschen und welches Verhalten an bestimmten Orten erwünscht sind oder eben gerade nicht. Aus der Perspektive von Frauen, queeren oder rassifizierten Personen, Senior*innen, Obdachlosen oder Menschen mit Behinderungen stellen sich dabei viele Orte als wenig einladend dar. Öffentliche Räume, in denen sich unterschiedlichste Menschen gleichermaßen wohl und willkommen fühlen, sind leider nicht per se gegeben, sondern müssen aktiv hergestellt werden.

Dieser Bogen bringt mich zu meiner Aufgabe im Ruhrgebiet, wo ich im Januar 2018 die Künstlerische Leitung von Urbane Künste Ruhr übernommen habe. Mein Ziel war es, und daran hat sich bis heute nichts geändert, durch Kunstprojekte in den öffentlichen Räumen der polyzentrischen Ruhrgebietsregion ästhetische und politische Zusammenhänge herzustellen und erlebbar zu machen. Das bedeutet auch, die Pluralität der dort erlebten Geschichten anzuerkennen, miteinander zu verweben und aufeinander zu beziehen. Bis heute ist der mit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA Emscher Park) in den 1990er-Jahren etablierte Kanon vom erfolgreichen Wandel der ehemaligen Industrieregion in eine üppige Kulturlandschaft vor allem eine Erzählung der weißen Mittelschicht.

Die von Urbane Künste Ruhr mit zahlreichen Künstler*innen und -gruppen an verschiedenen Orten gemeinsam umgesetzten Projekte setzen eine große Sensibilität für den jeweiligen Kontext voraus. Häufig sind sie so angelegt, dass sie verschiedene Zeitschichten miteinander verknüpfen: Spuren der Vergangenheit werden in der Gegenwart erkennbar. Gleichzeitig können sich über die Beschäftigung mit den lokalen Themen Wünsche für Gegenwart und Zukunft herausbilden. Die zeitgenössische Kunst fungiert wie ein Scharnier zwischen den beiden, im Ruhrgebiet geradezu übermächtigen Polen einer verklärten Vergangenheit und einer noch nicht eingelösten Zukunft. Künstlerisches Denken, Recherchieren und Handeln ist in viele Richtungen interdisziplinär anschlussfähig und vermag – wenn alles ideal zusammenkommt – als ein gleichermaßen kritisches wie wohlwollendes Gegenüber komplexe Zusammenhänge scharf zu stellen.

Das klingt alles wunderbar und die folgenden Seiten geben einen lebendigen Eindruck, wie viele herausragende Projekte in den letzten sechs Jahren stattgefunden haben. Trotzdem gab es auch Tage, an denen sich angesichts der massiven sozialen Probleme, der schieren Größe der Region und der städtebaulichen Tristesse die Melancholie einschlich. Irgendwann fing ich in solchen Situationen an, mich mit der Vorstellung an ein noch zu schreibendes Buch Montage im Ruhrgebiet bei Laune zu halten, wobei auch dieser Text wie ein Vexierbild funktioniert: Als Wochentag gelesen, sind Montage der Inbegriff eines Arbeitsalltags, hoffnungsvoller und quälender Neuanfang zugleich. Der Begriff der Montage dagegen beschreibt etwas Tatkräftiges, eine handwerkliche Tätigkeit, vor allem aber, beispielsweise im Filmschnitt, das Herstellen von spannenden Verbindungen. Im Vorgriff auf dieses imaginäre Buch, eine Art Beziehungsroman zwischen Kunst und Öffentlichkeit(en), das vermutlich nie erscheinen wird, borge ich mir den sprechenden Titel für dieses Vorwort.

In der chronologischen Abfolge der vorliegenden, in den Jahren 2018 bis 2023 mit Urbane Künste Ruhr veröffentlichten Publikationen lassen sich der Prozess der Annäherung an verschiedene größere Ausstellungsprojekte und das Verhältnis zu den Themen der Region gut nachvollziehen. Reaktionen auf die einschneidenden gesellschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre, wie die Corona-Pandemie oder der Krieg von Russland gegen die Ukraine finden sich unmittelbar abgebildet. Zum Zeitpunkt des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war das letzte Magazin bereits im Druck, weshalb die Eskalation der Gewalt und der Krieg im Nahen Osten hier nicht vorkommen. Die vorliegende Magazinsammlung ist das Gegenteil von einem bereinigten Coffeetable-Book, anhand der bereits gedruckten Magazine dokumentiert sie nachhaltig und in Echtzeit Irrungen, Wirrungen, Schock und Empathie.

Eine zentrale Rolle spielt die im Zweijahres-Rhythmus umgesetzte Ruhr Ding-Trilogie, die im Frühsommer 2023 zu Ende ging. Das für das Ruhrgebiet konzipierte Format verband als Wanderbiennale jeweils vier Städte in der Mitte, im Norden und im Süden der Region. Gezeigt wurden nahezu ausschließlich orts- und kontextspezifisch entwickelte Projekte, etwa zwanzig pro Ausgabe. Mit dieser Form der Großausstellung ging der Wunsch einher, ein breites, heterogenes Publikum innerhalb und außerhalb des Ruhrgebiets einzuladen. Nach einem gelungenen Auftakt mit den Territorien in 2019 folgten die Coronajahre. Für die Klima-Ausgabe im Mai/Juni 2021 bedeutete das eine nur stufenweise mögliche Eröffnung, allgemeine Verunsicherung und eine insgesamt verkürzte Laufzeit. Die Schlaf-Edition 2023 war dann wieder bis zum letzten Ausstellungstag sehr gut besucht.

Schon lange im Voraus stand fest, dass wir auch dieses Mal vertragsgemäß nach einer knapp achtwöchigen Ausstellungslaufzeit alle Projekte wieder abbauen müssen – nur die Wandbilder von Stefan Marx in mehreren Städten, drei von der Künstlerin Deborah Ligorio gepflanzte Bäume am Silbersee und die Photosynthese-Uhr des Kollektivs Club Real am Theater Consol in Gelsenkirchen, existieren als physische Ruhr Ding-Hinterlassenschaften bis heute weiter. Unter Nachhaltigkeitsaspekten erscheint mir eine solche Konstruktion mit langen Vorläufen und vergleichsweise kurzen Laufzeiten zunehmend anachronistisch. In den Jahren 2024 bis 2027 werden wir mit Urbane Künste Ruhr deshalb neue Wege gehen. Verraten sei hier so viel: Einerseits möchten wir die künstlerischen und kuratorischen Aktivitäten in unserem Umfeld zu komplexen Tiefenbohrungen verdichten und andererseits verschiedene künstlerische Ideen stärker mobilisieren und performativ beschleunigen.

Neben dem temporären Ruhr Ding taucht in den Magazinen der Emscherkunstweg als wiederkehrendes Thema auf, ein permanenter Skulpturenpfad entlang des Flusses Emscher, der als Kooperationsprojekt zwischen Emschergenossenschaft, Regionalverband Ruhr (RVR) und Urbane Künste Ruhr angelegt ist. Mit dem Emscher-ABC, einem wachsenden Glossar entlang fachspezifischer und assoziativer Begriffe, haben wir uns der modern(d)en Emscher von Anfang an aus unterschiedlichen Perspektiven angenähert. Die Ingenieure der Wasserwirtschaft, die in den letzten dreißig Jahren den Umbau des Flusses von der offenen Kloake zum naturnahen Gewässer umgesetzt haben, kommen darin genauso zu Wort wie Kolleg*innen des Regionalverbands und natürlich das Team von Urbane Künste Ruhr. Nachzulesen ist das vollständige Alphabet im kürzlich erschienenen Katalog Emscherkunstweg.

Mit dieser Gesamtpublikation würdigen wir schließlich das ganze Universum von Urbane Künste Ruhr, und damit alle beteiligten Künstler*innen, Kolleg*innen und assoziierten Autor*innen, erweitert um einen umfangreichen Index, der es ermöglicht, die vorliegenden neun Magazine nach Orten und Personen zu durchforsten. Die konzeptionelle Entwicklung des Kompendiums hat großen Spaß gemacht, mein Dank für die produktive Zusammenarbeit gilt Alisha Raissa Danscher und Kerstin Finkel von Urbane Künste Ruhr, dem Gestalter Florian Lamm, der mit seinem Partner Jakob Kirch auch für die Grafik aller Magazine verantwortlich ist, und June Drevet für die ebenso reflektierte wie akribische Erarbeitung des Index. Auch der Kultur Ruhr GmbH und unseren Förderern, dem Land Nordrhein-Westfalen und Regionalverband Ruhr, sämtlichen Kooperationspartner*innen sowie dem Verlag BOM DIA BOA TARDE BOA NOITE sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Das dicke, bunte Buch, das Sie gerade in den Händen halten, tarnt sich nur als Buch. Tatsächlich ist es ein Kaleidoskop: Jedes Suchen, jedes Blättern ergibt ein neues Bild davon, was es heißt, künstlerisch im Ruhrgebiet zu arbeiten.

von Britta Peters

Dortmund

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Dortmund von Stefan Marx

Dortmund von Tunay Önder

Dortmund, hier kenne ich mich aus, höre ich mich sagen. Aber eigentlich kenne ich nur die Nordstadt. Ich finde, damit ist das Wesentliche abgesteckt.  
Es ist spät, als ich ankomme. Mein Weg führt mich direkt in die Münsterstraße zum Malak Grill, ich brauche einen Schwarztee Außerdem gibt es hier köstliche Kibbeh.  

Zuletzt saß ich hier vor fünf Jahren damals mit Imad und Tuğba. Das Favoriten Festival wollte, dass wir Unruhe stiften, also gab es über mehrere Tage ein Happening im Dietrich-Keuning-Haus. Wir nannten es Maşallah Dortmund und riefen die Stadtgesellschaft zur Kanakisierung auf. Es war eine Oase inmitten der Strapazen in Almanya.  

Dortmund hat damals deutliche Spuren in mir hinterlassen. Im Gegenzug haben auch wir unsere Spuren in der Stadt hinterlassen, darunter ein riesengroßer, handgefertigter, runder Holztisch, der mittlerweile als Versammlungsort für die Dortmunder Pentagon-Gespräche dient – eine Wertschätzung der ganz besonderen Art, wie ich finde.  

Bei der Grand Snail Tour in Dortmund werde ich Zeugin, wie die Staffelübergabe eine besondere Wendung annimmt. Zum Großaufgebot der Urbanen Künste Ruhr auf dem Nordmarkt gehört auch ein Pentagon-Gespräch zum Thema Gastarbeiter*innen-Denkmal, das die Stadt gerade auf den Weg bringt – und mit dabei der sagenumwobene Tisch, der genau dort gelandet ist, wo er hingehört: unter die Menschen, in den öffentlichen Raum.  

Am Nordmarkt treffe ich auf bekannte und unbekannte Menschen, die mir allesamt familiär vorkommen, weiß nicht warum vielleicht weil wir ähnliche Erfahrungswelten, Lebenslagen und Struggles teilen. Sprachen überlagern sich, die ich nur zum Teil verstehe. Das tut gut. Hier kann ich entspannen, muss nicht alles verstehen und kann einfach sein.  

Für einige Tage überlagern sich mehrere magische Dreiecke an diesem Ort. Der Bühnenanhänger, die mobile Infobox, der Kiosk of Solidarity – und dazwischen fliegende Pralinenschachteln, Teezeremonien, KI-gesteuerte Skulpturen, Chorgesänge, DJ-Sets, Lesungen, Debatten, Tänze und Talks – und irgendwann formiert sich die Versammlung zu einer Art Hochzeitsgesellschaft. Ein Bild brennt sich besonders in mein Gehirn: Unzählige Kinder aus der Mahalle auf weißen Gartenstühlen applaudieren, tosen, lachen, schreien und beteiligen sich ungefragt an allen Performances. Eine Kollegin fragt mich, ob es eigentlich etwas Vergleichbares in München gibt.  

Manchmal muss man die Stadt, in der man lebt verlassen, um anzukommen. So geht es mir, wenn ich ins Ruhrgebiet fahre. Weg von zu Hause und viel eher daheim. Und immer wieder die Frage, wie die Nordstadt es schafft, trotz aller Repressionen eine pulsierende, postmigrantische Lebensrealität zu etablieren. Keine Kohle, aber Leben auf den Straßen. Ein paar Schritte weiter, um die Stadt, in der man lebt Plakate an mehreren Hofeingängen. „Kein Vergessen, kein Vergeben, Mouhamed Lamine Dramé“ / „Von der Polizei ermordet. Am 8.8.2022“ / „Wie viele noch?“  

Es war sicher auch kein Zufall, dass der Nationalsozialistische Untergrund genau hier wütete und Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße ermordete. Es tröstet mich zu sehen, dass der Mehmet-Kubaşık-Platz ein lebendiger Ort geworden ist, an dem Menschen gerne abhängen und Sonnenblumenkerne essen. Es weht ein widerspenstiger Wind an diesem Platz. 

Dortmund von Cihan Çakmak

Die in Dortmund entstandenen Fotografien vereinen Menschen, im Selbstportrait, die entweder selbst oder in transgenerationaler Folge Krieg, Vertreibung und Identitäts-Blockaden erlitten haben. Die Posen der Protagonisten vereinen Trauer und Widerstand.

Stops

Open "Dortmund"
3.7.25, 15:30 – 5.7.25, 22 Uhr

Wertschätzen in Dortmund

Dortmund

Künstler*innen

Open Artsit

Stefan Marx

Stefan Marx ist Künstler und Zeichner. Er entwickelt Designs für verschiedene Unternehmen, gestaltet das Artwork von Plattencovern und Fanzines, hat aber auch schon ein Dekor für die Königliche Porzellanmanufaktur entwickelt. 

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Open Artsit
xxx

© Anton Kaun

Tunay Önder

Tunay Önder arbeitet an der Schnittstelle Text, Performance, Installation und Diskurs. Sie interessiert sich vor allem für emanzipatorische Kämpfe im Kontext der Migrationsgesellschaft. 

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Open Artsit

Cihan Çakmak

Cihan Çakmak wurde 1993 in Niedersachsen geboren und wuchs in Worpswede und Bremen auf. 

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