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Grand Snail Tour in der ARCH+ Ruhr: Vom Gebiet zum Raum2.7.2026
Die neue Ausgabe der ARCH+ Ruhr: Vom Gebiet zum Raum versteht das Ruhrgebiet als Gefüge unterschiedlicher Räume, Interessen und Zugehörigkeiten. Sie richtet den Blick auf räumliche Praktiken von Austausch und Aushandlung. Wir freuen uns Teil des rechercheintensiven Hefts zu sein: Unter dem Kapitel „Periphere Zentren“ findet ihr eine selbstreflexive Vorstellung des Grand Snail Tour Konzepts von Britta Peters.
Die Ausgabe erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr in Kooperation mit Renée Tribble und dem Fachgebiet StädteBauProzesse der TU Dortmund. Zur Website von ARCH+
Grand Snail Tour
Text: Britta Peters
Urbane Künste Ruhr ist eine Institution für Gegenwartskunst im öffentlichen Raum, die kein eigenes Haus besitzt. Mit dem Trailer für die Grand Snail Tour haben wir einen in mehrfacher Hinsicht mobilen Ort geschaffen, mit dem wir seit September 2024 durchs Ruhrgebiet ziehen. Der im Vorfeld vom Projektteam konfigurierte Marktwagen bietet innen wie außen zahlreiche Halterungen für Einbauten und Transporte. Gleichzeitig lassen sich seine Wände vielseitig aufklappen, bis hin zu dem Punkt, an dem sie nur noch als Dach dienen. Die Tour selbst setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: einem strengen Konzept, einer Handvoll Fluxus und viel Raum für Erfahrungen.
Das Gesetz der Serie
Die Grand Snail Tour ist ein Langzeitprojekt mit einer klaren Struktur, zu der bewusst auch Ausnahmen gehören. Der Wunsch, innerhalb von gut drei Jahren einmal alle 53 Städte des Ruhrgebiets zu besuchen, entstand aus den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie. Daraus ergeben sich, im Sommer wie im Winter, ein bis zwei monatliche Stopps. Damit wir nicht jedes Mal aufs Neue stadträumlich und zeitlich vor zu vielen Möglichkeiten stehen, haben wir den Donnerstag zum festen Veranstaltungstag erklärt. Doch manchmal ist es auch ein Freitag oder es sind gleich mehrere Tage, wie im Sommer 2025 beim Stopp Wertschätzen in Dortmund. Der Rhythmus gibt Halt, ohne uns zu sehr einzuengen.
Reisen im Ruhrgebiet
Jeder Stopp wird vor Ort in Bäckereien, Stadtbüchereien und Sparkassen mit Flyern und DIN-A3-Plakaten angekündigt. Jedes Plakat kombiniert den Namen der Stadt mit einer Tätigkeit zur Aktivierung öffentlicher Räume: Lesen in Wesel, Schunkeln in Schermbeck, Mäandern in Holzwickede, Funken in Breckerfeld, Wüten in Hagen. Die Berliner Agentur Studio Yukiko übersetzt die Verben spielerisch und variantenreich in grafische Motive. Die jeweilige Tätigkeit steht in losem Bezug zum Programm vor Ort, das für jeden Stopp neu konzipiert wird.
Konstellationen finden
Planung und Gestaltung eines Stopps ergeben sich aus einer Vielzahl von Bedingungen: Was wissen wir über die Stadt? Mit wem möchten wir zusammenarbeiten? Wo befinden sich öffentliche Orte? In kleineren Städten hat uns diese Frage nicht nur naheliegenderweise auf Märkte und in Fußgängerzonen geführt, sondern auch in Freibäder und auf zentrale Parkplätze. Unvergessen bleibt die Lesung von Tunay Önder 2025, die wir im Schneegestöber in Marl per UKW auf Autoradios übertragen haben.
Das Verfahren bleibt bewusst subjektiv und intuitiv. Es geht eher um ein Herantasten an unterschiedliche (klein-)städtische Situationen als um einen Anspruch auf Vollständigkeit. Manchmal werden bestimmte Genehmigungen nicht erteilt, manchmal überraschen uns Konstellationen, von denen wir gern früher gewusst hätten. Auch diese verpassten Chancen fließen in die weitere Planung ein. Die Tour ist als Prozess angelegt, der sich immer wieder nachjustieren lässt.
Kontinuitäten teilen
Über die drei Jahre hinweg arbeiten wir mit vielen Künstler*innen mehrfach zusammen. Bewusst teilen wir mit ihnen die Möglichkeit, durch das serielle Format mit gleichen oder ähnlichen Settings an unterschiedlichen Orten Erfahrungen zu sammeln. Für die Fotografin Rebecca Racine Ramershoven haben wir ein mobiles Studio gebaut, in dem sie in verschiedenen Städten mit weiblich sozialisierten Personen intime Interviews zum Thema Wut führt. Mona Schulzek funkt mit eigenem Alphabet und einer selbstgebauten Satellitenschüssel gemeinsam mit Bürger*innen und Schulkindern zu Außerirdischen – aus Xanten, Datteln und vom höchsten Berg des Ruhrgebiets in Breckerfeld.
Die Schnecken-Tour
Das Ruhrgebiet ist kein natürlich begrenzter Raum, sondern ein administrativ definierter, der aus dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk hervorgegangen ist. Unsere Route folgt einer spiralförmigen Bewegung: Von den ländlichen Rändern im Westen über den Norden, Süden und Osten schraubt sich die Grand Snail Tour in die urbanere Mitte der Region bis nach Herne, wo die Tour im Oktober 2027 endet. Die Strecke verbindet Publikum und Institutionen benachbarter Städte und macht regionale Unterschiede sichtbar: Der dicht besiedelte Norden, wo mit Prosper-Haniel in Bottrop 2018 das letzte aktive Steinkohlebergwerk schloss, ist eine andere Welt als der vergleichsweise wohlhabende, idyllisch entlang der Ruhr gelegene Süden.
Chronik vieler Reisen
Für jeden Stopp laden wir einen Künstlerin aus den Bereichen Fotografie, Zeichnung oder Text ein, mit uns einen Tag in einer Stadt zu verbringen. Es geht also nicht nur um die Aktionen am Trailer, sondern auch um die jeweilige künstlerische Wahrnehmung von Stadt, Reise und Tagesgeschehen. So entstehen über 53 unterschiedliche Perspektiven auf die Städte des Ruhrgebiets. Das Ergebnis ist eine vielstimmige und ästhetisch diverse Reflexion, die sich wie ein Paratext zur eigentlichen Tour verhält.
Soziales und ökologisches Klima
Neben dieser subjektiven Chronik erfassen wir auch faktenbasierte Daten. Seit dem Start im September 2024 in Xanten archivieren wir für jeden Stopp Wetterdaten sowie die Zusammensetzung der kommunalpolitischen Gremien. Uns interessiert, wie sich das globale und politische Klima bis 2027 verändern
wird. Leider gibt es momentan wenig Anlass, optimistisch zu sein. Vor diesem Hintergrund war die Rückeroberung des öffentlichen Raums von Beginn an eine zentrale Motivation der Tour. Wir wollen zeigen, dass auf Straßen und Plätzen mehr möglich ist als Angstmache und Konsum.
Die Magie des Aufbaus
Während der Fußball-EM 2024 in Deutschland ließ sich beobachten, wie viel kommunikative Anlässe schon allein der Aufbau eines Public-Viewing-Settings bieten kann. Aus dieser Erfahrung entwickeln wir eine Aufbau-Performance. Die Neugier auf das, was entsteht, ist der beste Eisbrecher. Denn unser größtes Publikum, das haben die ersten Stopps gezeigt, ist meist zufällig vor Ort. Darüber hinaus stehen wir in Kontakt mit Vereinen, Schulen und Initiativen, die uns als Gastgeber*innen mit offenen Armen empfangen. Manche Menschen reisen uns auch durchs Ruhrgebiet hinterher. Angesichts der großen Entfernungen innerhalb der 4.400 Quadratkilometer umfassenden Region bleibt das jedoch eher die Ausnahme.
Sammlung an Bord
Wie die Chronik gehört auch unsere Sammlung von Beginn an zum Konzept. Der Trailer fungiert als mobiler Aktions- und Ausstellungsraum. Auf Einladung haben internationale Künstler*innen nahezu alles zur Ausstattung beigetragen, was wir benötigen: Alle Objekte sind Kunstwerke, und die Sammlung wächst kontinuierlich. Wir reisen unter anderem mit einem Kronleuchter von Aram Bartholl, Decken von Anna Haifisch, Kissen von Kasia Fudakowski, Tischen von Nils Norman, einem Leuchtschriftzug von Anna Viebrock und einer Ruhrgebietskarte von Jordi Colomer. Cem A. hat uns mit Schildern und Absperrbändern ausgestattet, Stefan Marx mit Vorhängen und einem Malbuch. Die Duisburger Autorin Lütfiye Güzel begleitet jeden Stopp zudem mit einem sogenannten Blackout: kurze poetische Textfragmente, entwickelt aus ihrer persönlichen Lektüre der jeweiligen Lokalzeitung. Haiku-artig bleiben wenige Wörter zwischen geschwärzten Zeilen stehen und setzen sich beim Lesen in Beziehung zur Umgebung.
Gastfreundschaften
Die Gespräche rund um den Trailer verstehen wir auch als Antwort auf die zunehmende Einsamkeit unserer Zeit. Das Team von Urbane Künste Ruhr ist bei allen Stopps präsent. Die Gespräche drehen sich um Kunst, das Ruhrgebiet, Lokalpolitik oder die Stimmung in der Stadt. Auch die Tour selbst bietet immer wieder Anknüpfungspunkte: Wo wart ihr zuletzt? Was habt ihr erlebt? Was kommt als Nächstes? Ein vorbereitender Workshop zum Umgang mit Stammtischparolen hilft uns, schwierige Gespräche aufmerksam zu begleiten und uns gegenseitig zu unterstützen. So entsteht nach und nach ein Netz aus Freundschaften und Unterstützer*innen, das sich stetig verdichtet.
Der öffentliche Raum als juristischer Raum
Wie nebenbei konfrontieren wir die Verwaltungen der Städte und Bezirke mit dem Antrag auf Genehmigung einer Kunstaktion im Außenraum. Obwohl wir mit einem herkömmlichen Marktwagen unterwegs sind, erweist sich die Sachlage oftmals als sehr herausfordernd: Nahezu alle Städte übertragen in ihren Genehmigungen mit der einmaligen Nutzung eines Ortes die gesamte Haftung auf den Antragsteller. Das heißt, hätte man als Marktbeschicker*in neben der Dresdner Carolabrücke gestanden, als diese 2024 teilweise eingestürzt ist, wäre man für entstandene Schäden selbst verantwortlich. Als große öffentliche Institution können wir die Verträge neu verhandeln und für die künftigen Nutzer*innen den Boden bereiten. Am Ende der Tour haben wir in 53 Stadtverwaltungen unsere Spuren hinterlassen.
Was bleibt
Die Frage nach dem materiellen oder immateriellen Erbe künstlerischer Projekte gehört seit den späten 1990er-Jahren zum kulturpolitischen Standard, greift aber häufig zu kurz. Die Wirkung von Kunst im öffentlichen Raum lässt sich kaum messen. Es gibt keine Zählautomaten, keine Klicks, die sich erfassen lassen. Erlebte Situationen bleiben im Gedächtnis, manchmal unterschwellig. Vertrautes erscheint in neuem Licht, wodurch weitere Bezüge entstehen. Ortsspezifische Projekte, etwa das Live-Radio-Projekt der Hochschulklasse von Ari Benjamin Meyers in der Lünener Fußgängerzone, vertiefen das Wissen über Geschichte und Gegenwart eines Ortes.
Wenn man Öffentlichkeit nicht nur als Zugänglichkeit, sondern auch als öffentlichen Austausch begreift, muss dieser Zustand jedes Mal aufs Neue hergestellt werden. Mit der Grand Snail Tour zeigen wir viele Wege dazu auf: durch Kommunikation, Lesungen, Theater, Konzerte, ein urbanes Minigolf-Set, Roboter-Performances und einen elektrischen Samowar. Die eng getaktete, serielle Praxis fungiert wie eine Lockerungsübung, Raum nicht zu bespielen, sondern hervorzubringen. Gemeinsam mit allen Anwesenden begeben wir uns mit jedem Stopp auf einen Weg ins Offene: Unerwartete Begegnungen, Handlungen und Gespräche mit erstaunlichen Wendungen, Fragen und Unterschiede, die ausgehalten werden müssen – wenn uns all das zusammen gelingt, ist schon viel gewonnen.





