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Die Spielstraße
nchen 1972

© Henning Rogge

23.8. – 1.11.20

1972 realisierte Werner Ruhnau auf Einladung des Kunstausschusses des Olympischen Organisationskomitees die Spielstraße als Rahmenprogramm zu den Spielen in München. 

Gemäß den Grundsätzen der modernen Olympischen Spiele, die zur internationalen Verständigung und Toleranz unter den Nationen beitragen sollten, lud das Projekt Menschen jeder Herkunft ein, in der Spielstraße zusammen zu kommen und in Kommunikation miteinander zu treten. Die Beiträge vor Ort umfassten verschiedene künstlerische Medien, vom darstellenden Spiel über Videoarbeiten bis hin zu Objekten und Performances aus dem Bereich der bildenden Kunst. Im Vordergrund standen dabei die kritische Auseinandersetzung mit tagesaktuellen Geschehnissen aus den Stadien, die Möglichkeit zur Partizipation sowie die überzeitlichen olympischen Ideale. Aufgrund des Anschlags auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 wurde die Spielstraße frühzeitig abgebrochen und im Nachgang kaum rezipiert.

Der Architekt Werner Ruhnau war bis zu seinem Lebensende in Essen ansässig und wurde vor allem für seine innovativen Theaterbauten wie das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen berühmt. Anita Ruhnau übernahm bei der Umsetzung der Spielstraße die Projektleitung der Sparte Bildende Kunst. Die gemeinsam von Georg Elben, Britta Peters und Jana Kerima Stolzer im Team kuratierte Ausstellung im Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl nähert sich der Spielstraße aus heutiger Sicht und zeigt zum ersten Mal Filmmaterial aus dem Archiv von Werner und Anita Ruhnau, sowie Originalobjekte der teilnehmenden bildenden Künstler*innen. Dabei nähert sie sich den historischen Ereignissen und Projektplänen und lädt zum Nachdenken über die Relevanz des sozialen Klimas für die (Stadt-)Gesellschaft ein.

Local Blackouts

Lütfiye Güzel

Eine Person mit brauner Lederjacke betrachtet eine große, gedruckte Zeitung auf einem Aufsteller mit der Überschrift 'Wesel'.

© Daniel Sadrowski

Ein Schild mit einer abstrahierten Zeitungsgestaltung mit wenig Text.

© Heinrich Holtgreve

Ausgangsmaterial ist ein besonders kurzweiliges Format aus dem Alltag: die Tageszeitung. Lütfiye Güzel, Poetin aus Duisburg und Vertreterin eines konsequent selbstverlegten, körpernahen Schreibens, lässt sich für die Grand Snail Tour von Projektpartner*innen und Passant*innen Lokalzeitungen und -beilagen aus den zu bereisenden Städten zusenden. Aus diesen Dokumenten erzeugt Güzel durch gezieltes Ausstreichen und Schwärzen von Textpassagen insgesamt 53 Gedichte — Local Blackouts —, die auf Aufstellern an jeder Station veröffentlicht werden.

Die Methode der Blackout Poetry ist eine Form der Found Poetry und wird bei Güzel zum politischen Akt. Das Schwärzen zitiert die Logik der Zensur, kehrt sie aber um, denn das unkenntlich Machen hat nicht Unterdrückung, sondern Verdichtung zum Ziel: Was bleibt, wenn der redaktionelle Lärm verschwindet? Lyrische Miniaturen, die in ihrer Knappheit dem Haiku ähnlich ist. Güzels Entscheidung, diese Textarbeiten im öffentlichen Raum zu zeigen, stellt zudem implizit die Frage: Für wen werden solche Texte geschrieben, und wer kommt darin vor?

Lokalzeitungen sind ein ambivalentes Medium. Sie fördern und informieren Nachbarschaften jenseits von Social Media — doch die Sprache und Nachrichtenauswahl ist häufig hetzerisch und vereinfachend. Tatsache ist, dass Lokalzeitungen an Bedeutung und finanzielle Unterstützung verlieren. Güzels Aneignung bewahrt und befragt dieses Erbe zugleich. Präsentiert auf herkömmlichen Presseaufstellern verleiht ihre Arbeit der Grand Snail Tour ein vertrautes Erscheinungsbild von regionaler Kultur und überführt diese gleichzeitig in die poetische Abstraktion.

Künstler*in

Open Artsit

©Ben Knabe

Lütfiye Güzel

Lütfiye Güzel ist Dichterin und bringt seit 2014 Gedichte unter ihrem eigenen Label go-güzel-publishing heraus.

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