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Der sichtbare Horizont
von Meehan Crist

© Heinrich Holtgreve

(1) Suchier, R. (Hrsg. und Üb.) (1868) Ovids Metamorphosen.
(2) Freud, S. (1917) Trauer und Melancholie.

Das zweite Buch der Metamorphosen des römischen Dichters Ovid beginnt mit einer Geschichte, die sich als Klimametapher interpretieren lässt. Phaeton, der hitzköpfige Sohn des Sonnengottes Phoebus, lebt mit seiner sterblichen Mutter auf der Erde und hadert damit, nicht als rechtmäßiger Sohn des Gottes anerkannt zu werden. In der Hoffnung, seine Abstammung beweisen zu können, macht Phaeton sich auf in den Himmel und erbittet von Phoebus ein Zeichen, dass dieser tatsächlich sein Vater ist. „Bitte mich um jeden Gefallen, den du möchtest“, meint Phoebus, „und ich werde ihn dir gewähren.“ Der Knabe antwortet: „Ich möchte den Sonnenwagen lenken.“ Diese Bitte lässt den Sonnengott erschaudern.

Mit dem fraglichen Sonnenwagen zieht Phoebus Tag für Tag die Sonne über den Himmel. Dieser goldene Wagen wird von einem Gespann prächtiger Pferde gezogen, die nur der Sonnengott beherrschen kann. „Bitte mich doch um etwas anderes“, fleht er den Sohn an. „Ersuche mich nicht um etwas, das nur in deinem Untergang enden kann. Du bist zu jung und nicht stark genug. Nicht einmal die anderen Götter sind in der Lage, diesen Wagen zu beherrschen.“

Phaeton bleibt jedoch eigensinnig und besteht darauf, mit dem Sonnenwagen des Vaters zu fahren. Schließlich gibt Phoebus nach. Er übergibt Phaeton die Zügel und schon machen sich Knabe und Gespann auf in den Himmel. Als sie jedoch durch den Tierkreis rasen, erschrecken die Pferde vor all den furchterregenden Erscheinungen am Himmelsgewölbe und scheuen. Der Knabe kann sie nicht mehr kontrollieren. Er wird in die dunkelsten, äußersten Grenzen des Weltraumes geschleudert, während die Pferde wenden und wieder in Richtung Erde rasen, der sie jedoch zu nahekommen, wodurch der flammende Sonnenball die Erdoberfläche versengt. Phaeton blickt hinab und sieht die in Flammen stehende Erde.

Feuer ergreift nunmehr an den ragenden Höhen die Erde:
Berstend zerreißt der Grund und lechzt, da die Säfte
versieget.
Dürr entfärbt sich das Gras; mit dem Laube verbrennen
die Bäume,
Und die getrocknete Saat gibt Stoff dem eigenen
Verderben –
Kleiner Verlust! Mit den Mauern vergehn großmächtige
Städte;
Ganze Länder sogar mitsamt den bewohnenden Völkern
Wandelt in Asche der Brand. […]
Da sieht Phaethon nun, wie auf jeglicher Seite der
Erdkreis
War von den Flammen erfasst, […]
Schwarz, von Dunkel umdrängt weiß er nicht, wohin er
sich wende […] (1)

Die verbrannte und ausgedörrte Erde wendet sich an Jupiter: „Du musst etwas tun. Ich sterbe.“ Der „König der Götter“ hört diese Bitte und schleudert einen Blitz gegen den Sonnenwagen. Phaeton stirbt augenblicklich und seine Leiche stürzt aus dem Himmel, die Haare in Flammen, wie ein Komet. Die angsterfüllten Pferde versinken im Ozean.

Nach dem Tod seines Sohnes ist Phoebus von Kummer übermannt und nicht in der Lage den Sonnenwagen zu lenken. Doch die anderen Götter beschwören ihn, die Zügel zu ergreifen. „Du musst es tun“, flehen sie. „Wir brauchen den Tag.“ Schweren Herzens kehrt er nun an den Himmel zurück. Ganz offenkundig lässt sich diese Geschichte auch als Metapher für den Klimawandel verstehen. Der Planet heizt sich auf. Das Eis schmilzt und die Feuersbrünste wüten. Auf der ganzen Welt werden Rekorde für die heißeste Temperatur in der Geschichte verzeichnet. (Es ist beinahe ein wenig zu treffsicher – so wie in der Geschichte steht der nördliche Polarkreis in Flammen.) In dieser Interpretation ist die Menschheit der Knabe: Unser anmaßender Wunsch, die Kontrolle über das zu erlangen, was niemals uns gehören sollte, führt die Welt in Chaos und Verderben. Ted Hughes schrieb ein auf dieser Geschichte basierendes Gedicht als eine ebensolche Metapher. Aber ich denke wir können es auch ein wenig anders lesen.

Was, wenn wir uns als Leser*innen nicht mit dem Knaben, sondern mit den Menschen auf der Erde identifizieren? Ein weiteres Indiz, um diese Geschichte als passende Metapher für den Klimawandel zu lesen – eine, die von der augenfälligeren Interpretation ignoriert wird – ist die Tatsache, dass sie marginalisierte Menschen ohne Mitspracherecht beinhaltet, die keine Verantwortung für die Zerstörung tragen, die sie durchleben. Wie war es für die Menschen in und auf diesen brennenden Städten und Feldern – wie fühlt es sich an, diese Art der Verwüstung zu erleben? Welche furchtbare Angst würden wir empfinden? Welchen Schrecken und welches Leid?

Dies ist keine theoretische Frage. Die Menschen heutzutage erleben, auf verschiedene und ungleich verteilte Art und Weise, etwas, das keine Generation vor ihnen je erlebt hat: den fortwährenden Verlust des Planeten, wie wir ihn kennen. Das bedeutet vielleicht auch den Verlust unseres Zuhauses durch Feuer oder Überflutung, oder den Verlust einer Landschaft, die unsere Gemeinschaft definiert hat. Wird man ein verkohltes und schwelendes Zuhause wiederaufbauen, im Wissen, dass noch mehr Feuer folgen? Und wenn unsere Stadt im sich ausbreitenden Ozean versinkt, wie viel mehr als nur ein Zuhause ist damit verloren gegangen? Der Klimawandel kann den Verlust eines beliebten Strandes aus der Kindheit bedeuten, eines Waldes, oder einer gefrorenen Schneise der Tundra, die wir als Teil dessen empfinden, was uns ausmacht und wohin wir nun nie wieder zurückkehren können. Wenn Fischgründe aufgegeben werden, weil dort im Meer keine Fische mehr zu finden sind, dann betrifft dieser Verlust ganze Städte und Industrien, die auf diesen Fischbeständen basieren. Es bedeutet den Verlust von Arbeitsplätzen, Einkommen, Nahrungssicherheit und Kultur. Wir haben keine Sprache, um über die Art von Trauer zu sprechen, die ein solcher Verlust zur Folge hat. Wir wissen nicht, wie wir diese Trauer auf eine Art und Weise verarbeiten können, die es uns erlaubt, nach vorne zu schauen.

Es gibt einige wenige Paradigmen für diese Trauer, die vielleicht dazu beitragen können, neue Formen der Klimatrauer zu verstehen. Im klassischen Essay Trauer und Melancholie (1917) unterschiedet Sigmund Freud zwischen zwei Reaktionen auf Verlust. Er beschreibt Trauer als normale menschliche Reaktion auf Verlust, „die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“ Melancholie umfasst eine ausgedehntere Periode der Trauer mit all den gleichen Elementen, sowie einer zusätzlichen pathologischen Verkrümmung des Selbstbildes – man beginnt ein wenig sich selbst zu hassen. „Die schwere Trauer“, schreibt Freud, „enthält die nämliche schmerzliche Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt […] den Verlust der Fähigkeit, irgendein neues Liebesobjekt zu wählen – was den Betrauerten ersetzen hieße.“ (2) Mit anderen Worten, man hängt sich an das, was verloren gegangen ist, denn würde man es loslassen, um etwas anderes zu lieben, würde das bedeuten, das verlorene Geliebte zu verleugnen. Obwohl Trauer und Melancholie sehr ähnliche Prozesse sind, hat die Melancholie einfach kein Ende – man bleibt erstarrt, verhaftet in der Melancholie, nicht fähig weiter zu machen.

Ein weiteres klassisches Paradigma der Trauer, das wertvolle Einblicke erlaubt, sind die fünf Phasen der Trauer der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross. Ihr Ansatz deckt sich in groben Zügen mit Freuds Konzept des Trauerns, teilt den Prozess jedoch in Phasen ein: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Annahme. Ich finde es verblüffend, dass in einigen visuellen Darstellungen dieses Prozesses, dieser als horizontale Linie mit zwei Erhebungen wiedergegeben ist, wobei die zweite Erhebung die „Annahme“ ist, die zudem höher erscheint als die erste Erhebung, was darauf schließen lässt, dass sich die*der erfolgreich Trauernde nun auf einer höheren, und damit besseren, Position befindet als zuvor.

Wenn das Modell von Kübler-Ross einen Prozess beschreibt, der Freuds Trauer nahesteht, dann erläutert ein drittes Paradigma, das in den 1990er-Jahren entwickelt wurde und als „komplizierte Trauer“ bekannt ist, einen Prozess, der wiederum der Melancholie näherkommt. Die Symptome der komplizierten Trauer sind die gleichen wie jene der „normalen“ Trauer – das bestimmende Element ist die Dauer der Gefühle. Die*der Trauernde bleibt in einer frühen, akuten Phase des Leides stecken, in der die Zukunft trostlos und leer erscheint. Dr. Katherine Shear von der Columbia University zufolge, kommt komplizierte Trauer nur bei einem kleinen Prozentsatz von Menschen vor, die zu schwierigen Beziehungen tendieren, sowie eine familiäre oder persönliche Geschichte psychischer Störungen aufweisen. Die*der Trauernde ist nicht in der Lage, Leid im „normalen“ Prozess der Trauer zu verarbeiten und erlebt ihre oder seine negativen Symptome als Möglichkeit, um mit dem verbunden zu bleiben, was verloren gegangen ist. Das lässt wieder an Freud denken: Trauer ist eine Form der Liebe, hört man also auf zu trauern, hat man aufgehört zu lieben – schon das alleine ist schmerzhaft.

Obwohl diese Paradigmen der Trauer zweifellos nützlich sind, betonen doch alle drei die Endgültigkeit. Jemand ist gestorben. Etwas ist verschwunden. Es fand ein konkreter Verlust statt. Es ist die Aufgabe der*des Trauernden, angemessen zu trauern und weiter zu machen. Dies reduziert ihre Nützlichkeit in Hinblick auf das Verständnis von Klimatrauer. Sie sind nicht hundertprozentig auf Klimatrauer anwendbar, da wir oftmals gar nicht wissen, worin der Verlust besteht, oder bestehen wird. Wir wissen nicht, ob die Überflutungsgebiete von heute die Ozeane von morgen sind. Wir können nicht wissen, wie hoch oder wie schnell das Wasser steigen wird. Die Auswirkungen des Klimawandels bieten nicht die Art von Endgültigkeit, die uns tatsächlich bei der Entscheidung loszulassen und weiterzumachen helfen kann.

Als die Familientherapeutin und Psychologin Pauline Boss in den 1970er-Jahren mit Menschen arbeitete, deren Familienmitglieder als im Kampf vermisst galten, entwickelte sie ein neues Paradigma für Trauer, das ich für geeigneter halte: Trauer ohne Abschluss, oder „uneindeutiger Verlust“. Boss beschreibt zwei Arten von uneindeutigem Verlust. Beim ersten ist das Objekt der Liebe physisch abwesend, bleibt jedoch psychisch anwesend, wie im Fall all jener, die einen im Kampf vermissten Soldaten betrauern. (Kürzlich erzählte mir ein Freund von einer Frau, deren Sohn als im Kampf vermisst galt. Als zwanzig Jahre später jemand in Uniform zu ihrem Haus kam, rannte sie zur Eingangstüre, da sie dachte, es könnte er sein.) Bei der zweiten Art von uneindeutigem Verlust ist der Gegenstand der Liebe zwar körperlich anwesend, jedoch psychisch abwesend, wie zum Beispiel geliebte Menschen, die an Alzheimer leiden. Die Person ist immer noch hier – man kann neben ihr sitzen und ihre Hand halten.

Man kann immer noch im selben Raum sein, aber in gewisser Weise ist die Person nicht mehr wirklich anwesend. Wie trauert man über den Verlust von jemandem, der genau vor einem sitzt? Wie Boss schreibt: „Es gibt keinen Abschluss. Die Herausforderung liegt darin, zu lernen, mit der Uneindeutigkeit zu leben.“

Verlust ohne Abschluss scheint näher an dem zu liegen, was einige Menschen angesichts unserer sich erwärmenden Welt empfinden. Doch selbst uneindeutiger Verlust passt nicht vollends zur Klimatrauer, denn beim uneindeutigen Verlust kann der Endpunkt trotzdem bekannt sein. Wir wissen, dass Alzheimer-Patient*innen schlussendlich sterben werden. Doch was das steigende Meeresniveau betrifft, bleibt das Ende unbekannt und unerkennbar.

Wir haben kein Paradigma für Trauer, die es erforderlich macht, dass wir sowohl Uneindeutigkeit als auch Endgültigkeit akzeptieren. Wir haben kein Paradigma für Trauer, die sowohl persönlich als auch global ist. Die Klimakrise konfrontiert uns mit vielfältigen Arten des Trauerns, die in einem einheitlichen psychologischen Raum untergebracht werden sollen. Individuell und kollektiv stecken wir in einem psychischen Zwischenraum, der sich wie Chaos anfühlt, gewissermaßen aber auch Sinn ergibt. Die Frage lautet, wie wir entscheiden, was wir loslassen sollen, worum wir kämpfen und was wir betrauern, damit wir in einer neuen Zukunft weitermachen können.

von Meehan Crist

Kamen

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Zeichnung, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Kamen und sein Kreuz von Kathrin Röggla

1. Vorher, ich will es ja wissen

Sehr viel Geographie in Kamen, zu viel für meine Vorstellung vom Ruhrgebiet. Vom Flüsschen Seseke zum Kurler Busch über das Heerener Holz unweit vom Haarstrang bis zum Kamener Kreuz. Gamer in Kamen, ja sicher. Groyper in Kamen? Keine Ahnung, werde es nicht herausfinden in der kurzen Zeit. Erwartung an Kamen – viel Busch, viel Wind, viel Herbst und Autobahn. Eine Kirche. Häuschen. Google Maps zeigt allerdings viele Cafés, das kann ich nicht glauben. Viermal so groß wie Bebra, das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Ich lese: „Die Hauptverbindungsstrecke zwischen der Kamener Innenstadt und Methler ist die Westicker Straße, die sich nach einem großzügigen Ausbau in den 1970er Jahren zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt hatte. Durch den Bau mehrerer Kreisverkehre wurde dieser Entwicklung begegnet.“ Der Unfallschwerpunkt lässt also grüßen, Kreisverkehre werden mich erwarten.

Es gibt ein Drachenflugfestival im Herbst. Getrennt von der Stadt durch Autobahntrassen.

Kommt man nach Kamen besser mit dem Auto? Das Wahrzeichen der Stadt ist schließlich ihr Autobahnkreuz.

90 Menschen leben nordöstlich des Kreuzes. So knapp 50.000 woanders. Eigentlich eine Mogelpackung: Heeren, Rottum, Derne, Heeren-Werve, Kamen-Süd, alles ein einziges Konglomerat. Kamen ist eine Shrinking City, bis 2050 nur noch 39.000. Eine alte SPD-Hochburg, die nun langsam nach Grün abgedriftet ist und jetzt auch AfD-Zuwachs zu verzeichnen hat. In der Kommunalwahl vom Wochenende wurde in Bergkamen per Los zwischen einem AfD-Kandidaten und einer SPD-Kandidatin entschieden. Eine andere Headline: „Darum dauert die Auszählung der Stimmen in Kamen so lang.“ 

Es ist die Stadt der Stauprognosen, ansonsten wie auch anderswo dort: Abibälle – Gesamtschule und Gymnasium, Stadtfeste, Volksfeste, Sparkassen Thriathlon – und irgendwo ein Schild mit „Ruhrpottfritten“.

Der Polizeifunk vermeldet, dass bei einem Einbruch Bargeld „und ein Haartrockner“ entwendet worden sei, sowie eine Cannabisfarm entdeckt und ein Zigarettenautomat gesprengt wurde. Eine Straße heißt „Am Geist“, da werde ich ankommen. Es ist tatsächlich eine Geistersstraße, werde ich feststellen.

2. Da sein

10.00: Die Rezeptionistin des Hotels im Süden kommt aus Bergkamen und beschwört täglich das Kamener Kreuz, das tatsächlich immer noch seinen Rang in den Verkehrsnachrichten verteidigt. Sie habe auf einer Urlaubsreise von hier nach Pforzheim 19 Baustellen gezählt. Das sei doch verrückt. Ja, ihre Gäste seien Leute, die hier in dem Industriegewerbe ringsum arbeiteten. Und die Spanier aus dem Frühstücksraum?, frage ich. Die würden zur Messe in Dortmund gehen, das sei zu teuer dort zu wohnen.

10.20: Die Tankstellenfrau aus Heeren-Werve kennt sich hier nicht aus. Sie kommt aus Kamen und das ist 5km entfernt. Ein niedriges Flugzeug erinnert mich daran, dass der Flughafen Dortmund nicht weit entfernt ist.

10.40: Die Apothekerin hält mich für eine Person aus Kamen. Das geht aber schnell hier.

Hinter mir Berichte über die Situation nach der Scheidung auf der Terrasse der Bäckerei Grobe, die beiden Frauenstimmen besprechen das, was man bekommt und was man bezahlt in verschiedenen beruflichen Situationen. Ansonsten Rentner, einer mit einem Cowboyhut, das hat mich interessiert. Wie kann man durch Kamen laufen als 85-jähriger mit Cowboyhut?

Es ist die merkwürdigste Form des Tourismus, die ich jemals machte. Denn natürlich sitze ich entrückt von jeglichem Alltag wie eine Touristin im Café und bestaune die Absonderlichkeiten der Provinz. Eine extrem angreifbare Position.

Ich lese: Wer die Meme Culture nicht versteht, und über den Attentäter von Charlie Kirk schreibt, der richte journalistisch mehr Schaden an als es was bringt, schreibt Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl. [1]

Die Frauen hinter mir sind aufgestanden, sie haben sich zum Abstand noch Komplimente über ihre Kleidung gemacht. Die ältere Frauenrunde drinnen spricht weiter. Sie sind zu viert, Eigentlich könnten sie Kartenspielen, wie meine Oma das gemacht hat. Ich werde Kartenspielen. Ganz sicher.

11.00: Bei Thalia ums Eck habe ich Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ über den Erfurter Amoklauf gekauft, sie hatten eine kleine Auswahl an Literatur da. Ich habe es gewählt, weil es so schön mündlich beginnt. Ein Gespräch im Fluss, das finde ich gut als Romanfang. Es wird dann sehr flüssig, vielleicht zu flüssig. „Gibt dem eine Chance“ sage ich mir auf der Terrasse der Bäckerei Grobe im 1. Stock. 

Von dort aus der Überblick. Gerade wirkt die Szenerie so: Die Leute wachen auf nach ihrem Berufsleben und gehen dann als Rentner durch ihre Städte und wundern sich? Viele haben diese zweifelnden Mienen. Verstärkt wird der Eindruck durch die Tatsache, dass zahlreiche ältere Leute mit kleinen Elektromobilen sich bewegen.

12.26 – der gelbe Prosegurwagen kommt durch, um 12.30 fährt er wieder weiter.

Seit 12.00 vermehrt junge Menschen. Sie sprechen in ihr Handy, sie unterhalten sich, sie schauen nicht misstrauisch drein. Sie telefonieren auch viel mehr als die älteren. Überhaupt viel mehr Stimmen. Es ist erstaunlich, wie sich die Stadt plötzlich füllt. Das Giraffengraffiti in der namenlosen Straße vor mir bleibt aber nach wie vor überraschend.

Die Anzeige für die Busabfahrten am Marktplatz ist so gehängt, dass man sie am besten aus dem Backcafé sehen kann.  Auf dem Einbahnstraßenschild klebt endlich ein Borussia-Dortmund-Aufkleber – darauf habe ich gewartet!

12.47: Der Mann, der die Zunge immer rausstreckt, kommt nochmal auf die ganz genau gleiche Weise vorbeigefahren, ich frage mich, ob das ein Glitch ist, eine Schleife.

13:08: Zuerst einzelne, jetzt ganze Gruppen an Schulkindern unterwegs. Die Stadt füllt sich schlagartig mit Stimmen.

14:20 Die Inhaberin des Asia Wok Laden und ich stellen fest, dass wir beide vor fünf Jahren aus Berlin weggezogen sind. Wir freuen uns, sind Artgenossen. Sie aus Pankow, ich aus Neukölln, sie habe aber eine Tante in Neukölln. Es sei hier in Kamen so wie in Pankow, grün und ruhiger. Ich befrage sie zur Geisterstraße „Am Geist“, denn da steht jede Menge leer. Coronaerbe, meint sie, nach Corona gab es einige Pleiten, darunter auch das große Hotel, das ihr gegenüber ist. Die ganze Straße ist sehr gespenstisch.

15:00 Ausflug nach Bergkamen und hinauf auf die Halde Großes Holz, um einmal von oben alles zu sehen: das ist das Ruhrgebiet von oben. Der Schock des großen ehemaligen Zechengeländes und der Industriekomplexe in Bergkamen weicht hier einem grünen Eindruck. „Das Ruhrgebiet ist von oben grün“ wird auch jemand später sagen. Mit mir Hundebesitzer, Radler, unten dann Jugendliche, die im Auto sitzen bleiben, auf dem Rückweg der Partyservice am Straßenrand. Die vielen Buslinien. 

16.00: Der Marktplatz, das würde ich zurück in Kamen im Café erfahren, sei abends von Alkis besetzt, da gab es oft Schlägereien, man müsse alles reinräumen, rechtsrum ist die Drogenszene, aber jetzt sei das Ordnungsamt am Platz, und das hilft. Im Grunde wiederholt sie die immer wieder gehörte Erzählung einer shrinking city, wie Alles immer schlechter, die Läden machten alle schon um 16.00 zu und seien zum größten Teil abgewandert. Deichmann, Karstadt, Schlecker. Alles weg, die Boutiquen, die Kneipen, der Bäcker am Platz, alles weg, keine Leute finde man mehr, keine Arbeitskräfte, aber das sei überall so. Später werde ich sehr wohl Deichmann finden und auch sehen, dass einige Geschäfte noch offen haben.

Die Cafébetreiberin erzählt, sie habe früher das Krankenhauscafé gemacht, jetzt sei sie seit fünf Jahren hier, die fünf Jahre, die Zeit der Pandemie scheint alles verändert zu haben in dieser Stadt. Der Platz sei nicht schön, da sei nichts bunt, sie würde am liebsten alles betonieren und Schulklassen den Asphalt bunt bemalen lassen. Warum denn das? Die alten Leute stürzten hier bei dem Pflaster. Was sie schon für Stürze gesehen habe! Sie lebe von 80% Stammkunden, morgens war das Café übervoll. „Unna ist ganz anders.“

18.00 Verschränkter Herbst: Mal kalt, mal warm, die Luft ist durcheinander. Gleich gibt es die Afterworkparty organisiert von der „Familienbande“, die uns vielleicht Konkurrenz machen wird. Aber es wird alles ganz anders. Alle Stühle und Sitzgelegenheiten sind besetzt, als die Kolumnen der Kamenerin Esra Canpalat zu hören sind. Hinter ihr werden die wunderbaren Fotos von Fatih Kurçeren projiziert, Portraits der oft jugendlichen Bewohner*innen, Sites. Sie zeigen mir die involvierte Seite der Beobachtung, die meine touristischen Schnappschüsse blass aussehen lassen, denn natürlich habe ich gemacht, was Großstädterinnen immer machen, nämlich das Skurrile der Provinz zu fotografieren. Hinter mir sitzen die beiden Verantwortlichen aus der Stadtbibliothek. Irgendwer sagte den Satz. „Das Beste an Kamen ist, dass man mit der Bahn in nur zehn Minuten nach Dortmund kommt.“ Ich glaube dieser Aussage nicht.

3. Fortfahren

[1] https://www.moment.at/story/was-ist-ein-groyper/

Stops

Open "Kamen"
Fotografie von Fatih Kurçeren: Ein Kind hängt an einer Metallstange auf einem Spielplatz, während andere Kinder daneben spielen.

Pithead © Fatih Kurçeren

18.9.25, 18–21 Uhr

Anschauen in Kamen

Kamen

Künstler*in

Open Artsit

© Jessica Schäfer

Kathrin Röggla

Kathrin Röggla (*1971 in Salzburg) lebt als Schriftstellerin in Köln und arbeitet als Prosa- und Theaterautorin. Zuletzt erschienen ihr Essayband Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen. (S.Fischer, 2025) und ihr Roman Laufendes Verfahren (S.Fischer, 2023).

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