Zum Hauptinhalt springen (Enter drücken)Zum Fußbereich springen (Enter drücken)

Breadcrumbs

  1. Home
  2. Künstler*innen
  3. Profil

Ari Benjamin Meyers

Der ursprünglich als Operndirigent und Komponist ausgebildete Künstler Ari Benjamin Meyers setzt sich in seiner Arbeit mit den Aufführungs-, Produktions- und Wahrnehmungsformen von Musik auseinander. Er überführt seine Kompositionen in den Ausstellungskontext, um die sozialen, institutionellen und performativen Konventionen, welche musikalische Darbietungen bestimmen, zu unterlaufen. International gezeigte Arbeiten wie The Art, 2016, und die damit verbundene temporäre Gründung einer Pop Band, oder Symphony 80, bei der sich 80 Musiker*innen eines Sinfonieorchesters in einer Langzeitperformance einzeln durchs Museum bewegen, stellen die gewohnten Aufführungssituationen von Musik in Frage und verändern damit auch das Verhältnis zwischen Performer*innen, Musiker*innen und Zuschauer*innen. Das Gleiche gilt für Staatsorchester, eine Komposition für Straßenmusiker*innen, oder Kunsthalle für Musik, eine Live-Musik-Ausstellung, die Kontakt zu Fluxus und den erweiterten Kunstbegriffen der 1960er und 70er Jahre aufnimmt, deren historische Ideale in Erinnerung ruft und weiterdenkt, beide 2018. Meyers arbeitet in vielen Projekten kollaborativ und hat in der Vergangenheit sowohl mit Künstler*innen wie Tino Sehgal, Anri Sala und Dominique Gonzalez-Foerster als auch mit Bands wie The Residents, Chicks on Speed und Einstürzende Neubauten gemeinsame Projekte realisiert.

Breckerfeld

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

© Daniel Sadrowski

© Daniel Sadrowski

Eine Landpartie von Caren Jeß

Ich fahr da rein mit dem Bus. 
„Schönen Abend noch!“
ruft der Fahrer den Fahrgästen nach, allen,
„have a nice evening!“
Downtown in Breckerfeld. Die Tür des Hotels ist massiv und aus Holz, im Zimmer roll ich mich auf beige-grauer Auslegeware, Schreibtisch und Bett Buche hell, ansonsten viel Silbermetallic, wie in den 00ern, als das die Lieblingsfarbe für Autos war. 
Nachts noch geh ich spazieren und bemerke Breckerfelds beeindruckendes Höhenprofil. Die liebliche Landschaft, die losgeht, wo die gestalteten Vorgärten aufhören, seh ich dann tags drauf bei Sonnenschein. Der Lokaljournalist sagt,
„die Breckerfelder leben gerne in Breckerfeld.“
Ich guck es mir genauer an: Hansering-Park, drum herum viel Universalverbundpflasterstein, historischer Stadtkern, Bronze-Ensemble an der Denkmalstraße, denn Breckerfeld machte einstmals in Stahl, im Norden Aldi, Rewe, Edeka, im Osten ein beträchtlicher Friedhof, außerdem Autos, die hier Kreisel rein, Kreisel raus, über die Frankfurter Straße durch Breckerfeld adern.
„Mit Milch oder mit Sahne?“, 
werd ich gefragt im Eiscafé Venezia, nachdem ich einen Cappuccino bestelle, doch da liebäugle ich längst mit dem Eisbecher „Flipper“, weil der mit einem „Touch Amarenasauce“ kommt, und ich will das schon allein, weil ich das Wort Touch ewig nicht gehört hab. Aber leider keine Zeit für diese Ewigkeit, denn ich will wissen, was die Kinder ins All schicken wollen: 
»Funken in Breckerfeld«
deshalb sind wir hier. Zwischen Schule und Sportplatz ist er aufgestellt: Mona Schulzeks Outer Space Transmitter. Er sendet Botschaften ins All. Direkt aus Breckerfeld. Eine Grundschulklasse kommt, holt die Stifte raus, die Zettel. Die Kinder haben mehr Fragen als Wünsche, schonmal interessant, sie richten sie aber nicht ziellos ins All, in alles, was da sein könnte, sondern gehen direkt rein, in medias res, 
„Aliens“, 
komm, darum geht es doch hier, und über die wollen wir natürlich ALLES wissen, erstmal:
„was könnt ihr?“
Direkt meine Lieblingsfrage. Sie zielt ins Wesen extraterrestrischen Lebens und fragt entwaffnend klug, was Akademiker:innen auch nicht besser wissen wollen könnten.
Dann:
„Seid ihr nett?“
„Wollt ihr Krieg?“
„Könnt ihr Basketball?“
Ich hoffe, die Aliens antworten. Mona Schulzek nimmt die Fragen jedenfalls ernst, übersetzt sie in ihr eigens entwickeltes Zeichensystem, und sendet.
„Wenn ihr nett seid, zeigt euch!“
Die Künstlerin erklärt den Kindern,
„Es gibt mehr Sterne im All als Sandkörner auf der Erde.“ 
Sie staunen nicht schlecht, und ich frag mich, wo eigentlich die Transmitter-Monas meiner Kindheit waren. Ein lizenzierter Hobby-Funker zeigt den Kindern sein Funkgerät, sagt, 
„So ein Gerät habt ihr sicher alle zuhause zum Räuber und Gendarm spielen.“
Die Kinder gucken. 
„Digga“,
murmeln sie, zeichnen noch ein Pferd und noch ein Alien, dann kommt der Bus.
Und es ist wieder ruhig um den Outer Space Transmitter.
Als ich überlege, welche Botschaft ich ins All senden würde, geht mir noch einmal der „Touch“ durch den Kopf, und alle verabschieden sich. Die Künstlerin, das Team und ich.
Bei meinem letzten Spaziergang über wunderschöne Pfade dieser kleinsten Hansestadt der Welt (stimmt nicht, das ist Werben an der Elbe, hab gegoogelt), durch die Dämmerung entlang dem ersten zarten Frühlingsgrün, komm ich an einem Gartenzwerg im Wald vorbei, erschreck mich hart, doch gehe erwachsen weiter.
Bevor meine Zeit hier vorbei ist, treibt mich mein Hunger noch ins „Wirtshaus Anno 1739“, und das möchte ich bitte genauso mit nachhause nehmen. Jedoch es gehört Breckerfeld. Und das hat auch die passenden Menschen dafür, die glasklar lachen oder scheppernd wie Büchsen, Hauptsache heiter, und ihre Brause schlürfen, die Tasse Kaffee und auch das Glas Wein. 
„Wir haben erst vor einer Woche aufgemacht!“
Toi toi toi! Es ist Leben in Breckerfeld.

Stops

Open "Breckerfeld"

© Daniel Sadrowski

12.3.26, 11–17 Uhr

Funken in Breckerfeld

Breckerfeld

Künstler*in

Open Artsit

© Jewgeni Roppel

Caren Jeß

Caren Jeß, geboren 1985 in Eckernförde, studierte Deutsche Philologie und Neuere deutsche Literatur in Freiburg i.Br und Berlin. 

mehr