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Montage im Ruhrgebiet
von Britta Peters

© Henning Rogge

Der Autor Wolfgang Welsch führt in seinem Buch Unsere postmoderne Moderne (1987) eine anschauliche Anekdote zum Verständnis des Begriffs der Postmoderne an: Er stellt seinen Leser*innen eine Person vor, die durch München streift.

Dabei fällt ihr Blick auf einen Werbetext, der im Vorfeld der Olympiade 1972 flächendeckend in der Stadt plakatiert worden war. „München wird modern“ steht dort in großen Lettern als Ankündigung für verschiedene städtebauliche Maßnahmen, unter anderem für den Ausbau der U-Bahn. Statt dem Zukunftsversprechen, liest die Person – vermutlich der Autor selbst – jedoch plötzlich das genaue Gegenteil, für ihn steht dort: München wird modern, im Sinne von verwesen. Besser und lustiger kann man die Funktionsweise unterschiedlicher Perspektiven kaum beschreiben. Der Kontext, also die Frage, in welchem Umfeld etwas zu interpretieren ist, aber auch die eigene Befindlichkeit – in diesem Fall vielleicht das Gefühl, dass in München wenig Neues passiert – tragen entscheidend zu den verschiedenen Lesarten bei.

Ohnehin könnte die Diskussion um die Postmoderne bald neu entfacht werden: „Architekt*innen erklärten den Vergnügungspark zur idealen Stadt, Designer*innen befreiten sich vom guten Geschmack, und an die Stelle der Systemkämpfe trat der Kampf um Selbstverwirklichung. Neue Medien synchronisierten den Globus, und Bilder wurden zur Bühne, auf der um Stil und Anerkennung gerungen wurde“, bringt es die Bundeskunsthalle Bonn in ihrer Ankündigung zur Ausstellung Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992 (29.09. 2023 – 28.01.2024) auf den Punkt. Selbst wenn unsere Gegenwart wesentlich düsterer und weniger verspielt daherkommt, braucht es nicht viel Fantasie, um die Entwicklung der genannten Linien – Kommerzialisierung der Städte, Globalisierung, Digitalisierung und das Schwinden der gesellschaftlichen Solidarität – von damals bis heute nachzuvollziehen.

Positiv gesehen wuchs mit dem Wissen um Pluralität allerdings auch das Bewusstsein dafür, dass es nicht eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt – wie der Begriff Kunst im öffentlichen Raumsuggeriert – sondern, dass die Wahrnehmung und Nutzung von öffentlichen Räumen auf unterschiedlichen Adressierungen und Erfahrungen beruht. Mehr noch, dass die öffentliche Sphäre durchzogen ist von subtilen und weniger subtilen Codes, die Auskunft darüber geben, welche Menschen und welches Verhalten an bestimmten Orten erwünscht sind oder eben gerade nicht. Aus der Perspektive von Frauen, queeren oder rassifizierten Personen, Senior*innen, Obdachlosen oder Menschen mit Behinderungen stellen sich dabei viele Orte als wenig einladend dar. Öffentliche Räume, in denen sich unterschiedlichste Menschen gleichermaßen wohl und willkommen fühlen, sind leider nicht per se gegeben, sondern müssen aktiv hergestellt werden.

Dieser Bogen bringt mich zu meiner Aufgabe im Ruhrgebiet, wo ich im Januar 2018 die Künstlerische Leitung von Urbane Künste Ruhr übernommen habe. Mein Ziel war es, und daran hat sich bis heute nichts geändert, durch Kunstprojekte in den öffentlichen Räumen der polyzentrischen Ruhrgebietsregion ästhetische und politische Zusammenhänge herzustellen und erlebbar zu machen. Das bedeutet auch, die Pluralität der dort erlebten Geschichten anzuerkennen, miteinander zu verweben und aufeinander zu beziehen. Bis heute ist der mit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA Emscher Park) in den 1990er-Jahren etablierte Kanon vom erfolgreichen Wandel der ehemaligen Industrieregion in eine üppige Kulturlandschaft vor allem eine Erzählung der weißen Mittelschicht.

Die von Urbane Künste Ruhr mit zahlreichen Künstler*innen und -gruppen an verschiedenen Orten gemeinsam umgesetzten Projekte setzen eine große Sensibilität für den jeweiligen Kontext voraus. Häufig sind sie so angelegt, dass sie verschiedene Zeitschichten miteinander verknüpfen: Spuren der Vergangenheit werden in der Gegenwart erkennbar. Gleichzeitig können sich über die Beschäftigung mit den lokalen Themen Wünsche für Gegenwart und Zukunft herausbilden. Die zeitgenössische Kunst fungiert wie ein Scharnier zwischen den beiden, im Ruhrgebiet geradezu übermächtigen Polen einer verklärten Vergangenheit und einer noch nicht eingelösten Zukunft. Künstlerisches Denken, Recherchieren und Handeln ist in viele Richtungen interdisziplinär anschlussfähig und vermag – wenn alles ideal zusammenkommt – als ein gleichermaßen kritisches wie wohlwollendes Gegenüber komplexe Zusammenhänge scharf zu stellen.

Das klingt alles wunderbar und die folgenden Seiten geben einen lebendigen Eindruck, wie viele herausragende Projekte in den letzten sechs Jahren stattgefunden haben. Trotzdem gab es auch Tage, an denen sich angesichts der massiven sozialen Probleme, der schieren Größe der Region und der städtebaulichen Tristesse die Melancholie einschlich. Irgendwann fing ich in solchen Situationen an, mich mit der Vorstellung an ein noch zu schreibendes Buch Montage im Ruhrgebiet bei Laune zu halten, wobei auch dieser Text wie ein Vexierbild funktioniert: Als Wochentag gelesen, sind Montage der Inbegriff eines Arbeitsalltags, hoffnungsvoller und quälender Neuanfang zugleich. Der Begriff der Montage dagegen beschreibt etwas Tatkräftiges, eine handwerkliche Tätigkeit, vor allem aber, beispielsweise im Filmschnitt, das Herstellen von spannenden Verbindungen. Im Vorgriff auf dieses imaginäre Buch, eine Art Beziehungsroman zwischen Kunst und Öffentlichkeit(en), das vermutlich nie erscheinen wird, borge ich mir den sprechenden Titel für dieses Vorwort.

In der chronologischen Abfolge der vorliegenden, in den Jahren 2018 bis 2023 mit Urbane Künste Ruhr veröffentlichten Publikationen lassen sich der Prozess der Annäherung an verschiedene größere Ausstellungsprojekte und das Verhältnis zu den Themen der Region gut nachvollziehen. Reaktionen auf die einschneidenden gesellschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre, wie die Corona-Pandemie oder der Krieg von Russland gegen die Ukraine finden sich unmittelbar abgebildet. Zum Zeitpunkt des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war das letzte Magazin bereits im Druck, weshalb die Eskalation der Gewalt und der Krieg im Nahen Osten hier nicht vorkommen. Die vorliegende Magazinsammlung ist das Gegenteil von einem bereinigten Coffeetable-Book, anhand der bereits gedruckten Magazine dokumentiert sie nachhaltig und in Echtzeit Irrungen, Wirrungen, Schock und Empathie.

Eine zentrale Rolle spielt die im Zweijahres-Rhythmus umgesetzte Ruhr Ding-Trilogie, die im Frühsommer 2023 zu Ende ging. Das für das Ruhrgebiet konzipierte Format verband als Wanderbiennale jeweils vier Städte in der Mitte, im Norden und im Süden der Region. Gezeigt wurden nahezu ausschließlich orts- und kontextspezifisch entwickelte Projekte, etwa zwanzig pro Ausgabe. Mit dieser Form der Großausstellung ging der Wunsch einher, ein breites, heterogenes Publikum innerhalb und außerhalb des Ruhrgebiets einzuladen. Nach einem gelungenen Auftakt mit den Territorien in 2019 folgten die Coronajahre. Für die Klima-Ausgabe im Mai/Juni 2021 bedeutete das eine nur stufenweise mögliche Eröffnung, allgemeine Verunsicherung und eine insgesamt verkürzte Laufzeit. Die Schlaf-Edition 2023 war dann wieder bis zum letzten Ausstellungstag sehr gut besucht.

Schon lange im Voraus stand fest, dass wir auch dieses Mal vertragsgemäß nach einer knapp achtwöchigen Ausstellungslaufzeit alle Projekte wieder abbauen müssen – nur die Wandbilder von Stefan Marx in mehreren Städten, drei von der Künstlerin Deborah Ligorio gepflanzte Bäume am Silbersee und die Photosynthese-Uhr des Kollektivs Club Real am Theater Consol in Gelsenkirchen, existieren als physische Ruhr Ding-Hinterlassenschaften bis heute weiter. Unter Nachhaltigkeitsaspekten erscheint mir eine solche Konstruktion mit langen Vorläufen und vergleichsweise kurzen Laufzeiten zunehmend anachronistisch. In den Jahren 2024 bis 2027 werden wir mit Urbane Künste Ruhr deshalb neue Wege gehen. Verraten sei hier so viel: Einerseits möchten wir die künstlerischen und kuratorischen Aktivitäten in unserem Umfeld zu komplexen Tiefenbohrungen verdichten und andererseits verschiedene künstlerische Ideen stärker mobilisieren und performativ beschleunigen.

Neben dem temporären Ruhr Ding taucht in den Magazinen der Emscherkunstweg als wiederkehrendes Thema auf, ein permanenter Skulpturenpfad entlang des Flusses Emscher, der als Kooperationsprojekt zwischen Emschergenossenschaft, Regionalverband Ruhr (RVR) und Urbane Künste Ruhr angelegt ist. Mit dem Emscher-ABC, einem wachsenden Glossar entlang fachspezifischer und assoziativer Begriffe, haben wir uns der modern(d)en Emscher von Anfang an aus unterschiedlichen Perspektiven angenähert. Die Ingenieure der Wasserwirtschaft, die in den letzten dreißig Jahren den Umbau des Flusses von der offenen Kloake zum naturnahen Gewässer umgesetzt haben, kommen darin genauso zu Wort wie Kolleg*innen des Regionalverbands und natürlich das Team von Urbane Künste Ruhr. Nachzulesen ist das vollständige Alphabet im kürzlich erschienenen Katalog Emscherkunstweg.

Mit dieser Gesamtpublikation würdigen wir schließlich das ganze Universum von Urbane Künste Ruhr, und damit alle beteiligten Künstler*innen, Kolleg*innen und assoziierten Autor*innen, erweitert um einen umfangreichen Index, der es ermöglicht, die vorliegenden neun Magazine nach Orten und Personen zu durchforsten. Die konzeptionelle Entwicklung des Kompendiums hat großen Spaß gemacht, mein Dank für die produktive Zusammenarbeit gilt Alisha Raissa Danscher und Kerstin Finkel von Urbane Künste Ruhr, dem Gestalter Florian Lamm, der mit seinem Partner Jakob Kirch auch für die Grafik aller Magazine verantwortlich ist, und June Drevet für die ebenso reflektierte wie akribische Erarbeitung des Index. Auch der Kultur Ruhr GmbH und unseren Förderern, dem Land Nordrhein-Westfalen und Regionalverband Ruhr, sämtlichen Kooperationspartner*innen sowie dem Verlag BOM DIA BOA TARDE BOA NOITE sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Das dicke, bunte Buch, das Sie gerade in den Händen halten, tarnt sich nur als Buch. Tatsächlich ist es ein Kaleidoskop: Jedes Suchen, jedes Blättern ergibt ein neues Bild davon, was es heißt, künstlerisch im Ruhrgebiet zu arbeiten.

von Britta Peters

Sprockhövel und Gevelsberg

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Metamorphose von Yevgenia Belorusets

29.05.26 Die Wiege der Kohle
Am Abend erzählte Boris Sieverts, den wir am Tag vor unserem Spaziergang zufällig getroffen hatten, dass Sprockhövel die Wiege des Ruhrbergbaus sei. „Hier hat alles angefangen!“, fügte er hinzu und reihte einige historische Fakten aneinander. Er zeigte die Lage der wertvollen Kohleflöze, indem er seinen Arm beugte. Sein Ellbogen bildete die Spitze der kostbarsten Schicht, der Fettkohle, und ich folgte der Krümmung seines Arms, um zu begreifen, wie die Erdschichten in Bewegung gerieten und warum die wertvollste Kohle an die Oberfläche drängte. Seine Handkante stieß immer wieder gegen diese oder jene Stelle des Berges – so wurde die Kohle gewonnen. Ohne in die tiefsten Erdschichten einzudringen. Es reichte nicht an die tausend Meter heran – höchstens vierhundert, meistens aber nur zweihundert. Ich stellte mir eine Stadt vor, die über den unterirdisch gezeichneten und längst verschütteten unterirdischen Gängen lag.

Drei riesige schwarze Kohlebrocken – Fettkohle, Gaskohle und Magerkohle – wiegen in einer kleinen, gemütlichen Wiege ein winziges, schwaches, laut weinendes Köhlchen. Es liegt inmitten von weißer, gestärkter Wäsche, einem Spitzenkissen und einer weichen Decke, schreit und kann sich einfach nicht beruhigen.

Fettkohle legt einen kleinen, runden Erdkloß, ein Spielzeug, in die Wiege. Das kleine Köhlchen betrachtet es eine Weile, mustert es ganz aufmerksam, und fängt dann nur noch bitterer an zu weinen. Da schenkt ihm Magerkohle, die dicker aussieht als Fettkohle, einen leichten, zärtlichen Methankuss. Der Kleine ist überrascht und träumt eine Weile davon, dass man ihn so oft und zärtlich küssen wird. Doch schon bald erinnert er sich wieder daran, warum er geweint hat, und fängt von vorne an. Es ist unmöglich, ihn zu beruhigen. 

Die Großen beraten sich und beschließen, dass nur absolute Dunkelheit helfen kann. Die Kohle liebt sie, sie ist für sie so etwas wie reiner Zucker oder absolute Süße. Aber sie haben nicht mehr viel von dieser Dunkelheit übrig. Ihre Vorräte sind in den letzten vierhundert Jahren aufgebraucht worden, doch für den Kleinen ist noch etwas griffbereit. Gaskohle verschwindet irgendwo auf dem Flur und kehrt mit einem kleinen Sack voll Dunkelheit zurück, der sofort eine festliche Atmosphäre im Raum verbreitet. Und schon weint der Kleine nicht mehr, sondern betastet die Dunkelheit neugierig. Viele andere, die sich in der Nähe dieser Gesellschaft aufhalten, beschließen ebenfalls, näher zu kommen, um „in der Dunkelheit zu klopfen“. So nennen sie ihr Lieblingsvergnügen.

31.05.26 
Stell dir vor, gestern saß ich noch im Metamorphose. Und vor der Abreise beschloss ich, ins Nirvana zu gehen. Dabei hatte ich mir vorgenommen: Wenn es mir nicht gelingt, ins Nirvana zu kommen, nachdem ich das Zechengebäude mit der Aufschrift „Со счастьем наверх!“ gefunden habe, ist der Tag verloren. Ich muss es doch noch ins Nirvana schaffen. Das wird sicher die Unruhe ein wenig lindern, die mich daran hindert, die Stadt wahrzunehmen. Und so kam es auch.

Am Sonntag war niemand im Metamorphose. Natürlich will sich an so einem Sommertag niemand verändern. Gestern waren immerhin noch ein paar Leute hier. Vielleicht fällt es am Samstag leichter, Veränderungen zu akzeptieren, sich mit ihnen abzufinden. Aber am Sonntag wird ein ernsthafter Mensch jede Metamorphose meiden. Und nur ich saß, geplagt von meiner wachsenden Unruhe, allein in diesem leeren Café, hatte den Reiseführer und meinen Notizblock vor mir ausgebreitet und blickte auf die in unregelmäßiger Handschrift notierten Sätze, die sich am oberen Seitenrand drängten.

Gegenüber, in der Nische eines kleinen Ladens, saß ein Mann mit einem Stock, und alle, die vorbeikamen, grüßten ihn. Er saß da wie ein einsamer, eindringlicher Gedanke, mit dem man sich abfinden muss und den alle anderen Gedanken höchstwahrscheinlich sogar lieben. Sein Stock war das Komma, das diesen Gedanken trennte. Und seine Augen waren Doppelpunkte. Er bemerkte mich nicht, ich hatte mir vorgenommen, ihn zu fotografieren, aber so, dass man ihn nicht erkennen konnte. Das Vorhaben war töricht, und die Kamera kam mir sehr schwer vor. 

Andererseits würde sich der Mann, der in seiner Nische auf einem Stuhl sitzt, sodass die Passanten in einer Reihe an ihm vorbeiziehen, vielleicht sogar über ein Foto freuen, das hartnäckig seine Position auf dem Schachbrett wiederholt und vervielfältigt. 

Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr allein war. An dem Tisch hinter mir saßen zwei Menschen und schwiegen einander an. Sie war elegant gekleidet, die Ohrringe mit großen Perlen, über denen kleine lila Steine saßen, standen ihr gut. Sie trug ein leichtes, helles Kleid, das sich im Glanz der lila Steine widerzuspiegeln schien.  Mehrmals versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, doch er antwortete nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte oder den hartgesottenen, schweigsamen Mann spielte, der der Frau, mit der er schon seit vielen Jahren zusammen war, nichts zu sagen hatte. Sie sahen aus, als wären sie über siebzig.

Nach langem Schweigen begannen sie zu sprechen, aber sie sprachen wenig und sehr leise. Eine Replik, beschwert durch eine kurze Antwort, versank augenblicklich in der Stille. 

Ich senkte den Blick auf das Notizbuch, in das ich zufällige Sätze notiert hatte. Das Wort „Metamorphose“ wiederholte sich mehrmals, als würde ich versuchen, durch die Leere, die mich umhüllte, meine Hand nach der Aufschrift auf dem Ladenschild auszustrecken, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte. 

An der Wand hing auf einem Bügel ein gelbes Kleid mit Hyazinthenmuster; es stand zum Verkauf, ebenso wie all die anderen Kleinigkeiten, die auf den Regalen verteilt waren und deren einziger Zweck darin bestand, die offenen Schränke in den Wohnzimmern zu füllen. Doch sowohl solche Gegenstände als auch solche Wohnzimmer sind immer seltener anzutreffen. Ganz preiswerte Kristallvasen, Aschenbecher, Statuetten, Gläser, Holzfiguren – die zufällig die Form von Überraschung oder Freude angenommen hatten, etwas wie ein materialisiertes Lächeln. 

Ein Mann überquerte die Straße, die Sonne beleuchtete sein Gesicht, es wirkte freundlich und traurig, er schaute aufmerksam auf die Schaufensterfront des Cafés und winkte mir plötzlich lachend zu. Ich winkte zurück, als wären wir alte Bekannte. Er bog ab und ging auf das Café zu, in dem wir drei saßen. Ich vorn am Schaufenster, und die beiden weiter hinten, in der Tiefe des Raumes, hinter den zusammengeschobenen Tischen.

Er nickte mir freundlich zu und ging schnurstracks auf die beiden zu.

„Wie geht’s?“, fragte er. „Wie war’s in Bochum?“

„Die Operation ist gut verlaufen“, antwortete sie. „Jetzt sind wir wieder zurück. Eine Arterie ist verstopft bei ihm. Es ging aber schnell und jetzt geht’s wieder nach Hause. Bochum ist gut! Alles haben sie da neu gemacht.“

Ich hörte, wie sie das Krankenhaus in begeisterten Tönen beschrieb. Er hatte eine Operation hinter sich, deshalb war er so schweigsam. Es fiel ihm schwer zu sprechen, und er durfte sich nicht aufregen. Und doch wirkten sie wie ein älteres Paar, das sich zu einem Rendezvous verabredet hatte.

„Und wie geht es Ihnen?“ wandte sie sich an den neuen Besucher. „Gut im Geschäft?“

Er antwortete, dass er sich zuerst einen Espresso bestelle.

„Manchmal hoch, manchmal runter, wie es so ist“, sagte er und fragte mich, woher ich käme und ob ich für längere Zeit hier sei. Und dann, was genau ich da eigentlich in meinen  Block schreibe. 

Ich fühlte mich ertappt, weil ich versucht hatte, das gesamte vorangegangene Gespräch mitzuschreiben. Es gelang mir fast nichts, weil ich gleichzeitig in mehreren Sprachen mitschrieb und immer wieder zu den dümmsten Kommentaren über meinen Zustand abglitt – „Ich weiß immer noch nicht, was ich glauben soll“, «не понимаю, где я и не представляю, как понять».

Der neue Besucher sprach mit Akzent und erzählte im selben Atemzug, dass er aus Syrien stamme, aber schon seit über zehn Jahren in Sprockhövel lebe. Ihm gehöre der Laden, dessen Werbung ich unmöglich übersehen konnte: „Aber natürlich! Gleich hier um die Ecke! Eine Frau und ein Mann über die ganze Hauswand. Und das ist mein Geschäft!“

Ich war schon mehrmals an diesem großen Werbeplakat vorbeigegangen, konnte mich aber nicht erinnern, was darauf eigentlich abgebildet war.

„Meine Eltern wollten nicht, dass wir zusammen sind“, erzählte die Frau dem Besucher und mir zugleich. „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich einen Deutschen heirate, und er hat regelrecht darauf bestanden.  Aber ich war eine eigenständige Frau, wenn auch noch sehr jung, und ich sagte ihm, dass ich tun würde, was ich für richtig hielt.“

„Dein Vater hat getrunken! Er war ein Säufer!“, warf ihr Mann plötzlich ein wenig ärgerlich ein. 

„Ja, du hast recht, er hat getrunken. Wir haben uns an einem freien Tag kennengelernt. Unsere Familie und viele andere saßen im Café an den Tischen und spielten Karten. Und er stand von seinem Tisch auf, an dem er mit Freunden spielte, kam zu uns herüber und lernte mich kennen. Und später begannen wir, zusammenzuleben. Solche Entscheidungen traf ich selbst, ich habe niemanden um Erlaubnis gefragt.

„Und meine Oma hat sich gefreut! Sie mochte ihn so gerne, von Anfang an. Da hat sie eine schöne Flasche Wein auf den Tisch gestellt, sie hat auch Bretzeln gekauft und wartete auf uns beide.“

„Sie war eine kluge Frau!“, fügte er hinzu. 

„Aber wir wohnten nicht hier, wir wohnten in der Nähe, weil meine Fabrik und seine Arbeit dort waren. Und wir zogen erst hierher, als die Fabrik verlegt wurde. Wie lange sind wir schon nicht mehr gemeinsam in Italien gewesen!“

„Mehr als zehn Jahre!“, erwiderte er.

„Ja, mit dem Auto schafft man es nicht, denn er muss alleine fahren, ich habe keinen Führerschein. Aber bald werden wir hinfliegen – nur zwei Stunden, und schon sind wir bei unserer italienischen Familie. Wir werden endlich alle wiedersehen, wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen!“

Auf diese optimistische Äußerung antwortete er mit Schweigen. 

„Einst kamen Leute mit einer Bibel zu uns und behaupteten, wir müssten uns trennen, weil wir nicht verheiratet waren. Sie wollten uns auseinanderbringen.“

„Aber sie hat sie einfach aus dem Haus geworfen!“

„Ja, ich habe sie rausgeworfen. Sie verlangten von uns, dass wir heiraten. Aber das war unsere Sache, nicht ihre. Und ich habe nicht zugelassen, dass sie uns noch einmal besuchen.“ 

Sie kam mir vor wie ein Ritter in Rüstung, der fähig war, das Visier zu senken und jedem die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wenn es nötig war.

Der kürzlich eingetroffene Mann lächelte, trank seinen Espresso und sprach mit dem Paar weiter über das Wetter.

„Heute Morgen gab es ein Gewitter, habt ihr es gehört? In der Nähe unseres Hauses ist eine riesige Buche umgestürzt, die angeblich schon dreißig Jahre alt war.“

„Ich habe große Angst vor Donner, Blitzen und Gewittern,“ – sagte die Frau und sah ihren Mann an.

Er nickte, als würde er ihre Worte bestätigen:

„Sie hat große Angst.“

„Wirklich ihr ganzes Leben lang, von Kindheit an bis heute?“, fragte die Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.

„Ich habe panische Angst vor Knallkörpern, Feuerwerkskörpern, Böllern – vor allem, was zu Neujahr explodiert. Aber ich habe all das selbst hergestellt, als ich in einer Fabrik arbeitete, in der Feuerwerkskörper produziert wurden.

„Meine Hände waren oft bis zum Ellbogen verbrannt, die Beine voller Verbrennungen, aber ich habe weitergearbeitet. Dort habe ich vierzig Jahre lang gearbeitet! Dafür habe ich jetzt eine Rente. Und mein Mann arbeitete in der Fabrik nebenan. Ohne Unterbrechung. Zweiundfünfzig Jahre, hat er gearbeitet, samstags, sonntags, er wollte nichts anderes tun. Ich bin dann zu ihm gegangen, habe ihm Essen gebracht. Mit fünfzehn habe ich angefangen, ich wollte schon mit vierzehn, meine Mutter hat mich mitgenommen, ich wollte sofort für immer da in der Fabrik bleiben und arbeiten.“

„Ja, ich habe ohne Pause und ohne freie Tage gearbeitet, Doppelschicht, Dreifachschicht, ich wollte von nichts anderem wissen“, sagte der Mann. „Aber jetzt …“ Und er lächelte glücklich.

„War die Arbeit wirklich so gefährlich?“, fragte ich die Frau.

„Drei Frauen sind ums Leben gekommen, verbrannt. Und einmal kam ein Mechaniker schlecht gelaunt zur Arbeit, er war wütend, rasend, und seine Wut übertrug sich auf die Maschine, er machte alles unaufmerksam. Ich bat ihn: „Seien Sie nicht so wütend, machen Sie ruhiger“, aber er schrie nur: „Sie verstehen doch gar nichts!“ Da fing die Maschine Feuer. Und er war, wie immer, mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub bedeckt. Er bereitete sie für uns Frauen vor, und wir erledigten den Rest. Man versuchte, ihn zu retten, aber er hat es nicht geschafft; man brachte ihn ins Krankenhaus, und er starb eine Woche später. Ich hatte Verbrennungen an den Beinen, den Armen, mein Hals war verbrannt. Und so ging es oft. 

„Man musste sehr auf die Kleidung achten – keine Synthetik – nur Baumwolle! Aber wir liebten unsere Arbeit. Hören Sie, kehren Sie nicht dorthin zurück, woher Sie kommen, in den Krieg. Sie sind doch aus der Ukraine. Dort dauert der Krieg an. Bleiben Sie hier, bei uns.“

„Oh! Da ruft mich jemand an!“, rief der Besucher aus Syrien fröhlich aus. „Das ist mein Schwager! Er ist im Libanon!“

„Was ist denn mit Ihrem Schwager? Ist er in Sicherheit?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, er ist mitten im Zentrum, dort ist alles vor Beschuss geschützt! Sie sind in Sicherheit!“

Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ihn selbst über mein Haus gesagt, das fast im Zentrum von Kyjiw liegt: «не беспокойтесь, центр защищен от обстрелов».

Der Besucher ging zu einem abseits stehenden Tisch und sprach laut auf Arabisch.

Irgendwann hielt er sein Handy in unsere Richtung. Ich sah ein angenehmes Gesicht und dunkles Haar und sprach hinein: „Hallo in den Libanon!“ Der Mann am Telefon lächelte und antwortete mir auf Arabisch. 

Das Telefonat war beendet, und der Mann schickte sich an zu gehen.

„Ich heiße Ammar, mit zwei „m““, sagte er. „Vergessen Sie die beiden „m“ nicht.“

Die Frau holte ein Foto aus ihrer Handtasche und zeigte es mir: „Hier bin ich noch ganz jung, ich stehe da, glücklich, und schaue irgendwohin. So war ich damals. Ich hatte lange Haare.“ Und dann: „Können Sie das nach Gehör aufschreiben? Ich heiße Erika.“

„Und Sie?“

„Vincenzo!“, sagte der Mann, als würde er viel Kraft in diesen Namen legen. Er klang klar und hell. 

„Und das Gewitter, das gerade jetzt beginnen sollte, wird nicht kommen. Sie können losgehen und sich die Stadt ansehen!“

Am selben Tag, aber am Morgen. Ein Gewitter

An diesem Tag begann um halb sieben Uhr morgens ein Gewitter. Das kleine Mädchen, die Tochter der Gastgeber, sagte, sie habe deshalb nicht schlafen können, aber der Donner habe ihr sehr gut gefallen. 

Wenig später machte sich ein Chirurg, der neben meinem Hotel wohnte, auf den Weg in den Wald, um die Äste eines vom Wind beschädigten Baumes zu stutzen. 

Das Mädchen hieß Malene, vielleicht aber auch hieß sie Marlene – das „r“ blieb unhörbar und unsichtbar, versank in ihrem Lachen, mit dem sie jeden ihrer Sätze begleitete. Am Tag vor unserem Spaziergang bat sie Boris Sieverts, das Alter ihrer älteren Schwester zu erraten. Er nannte sofort Malenes eigenes Alter, verpasste aber beim Erraten des Alters ihrer Schwester eine einzige Ziffer – die Acht. 

Als er alle anderen Zahlen nacheinander nannte, hörte er als Antwort ein lautes, langgezogenes „Neeeeein!“ und dann folgte ein immer ansteckenderes Lachen, das es mit einem Donnerschlag aufnehmen konnte. 

Glückauf 

Ein alter Gruß, der in Städten verbreitet war, in denen Kohle abgebaut wurde. Allein wegen dieser Inschrift wollte ich mir das Zechengebäude ansehen. Sie thronte über dem Eingang der Zeche, die ein wenig an einen Palast erinnerte. Ein einziges Wort, untrennbar, in dem das Glück mit dem Aufstieg und mit dem Finden verbunden ist.

Künstler*in

Open Artsit

© Yao Tsy

Yevgenia Belorusets

Yevgenia Belorusets' Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst und Aktivismus und lenken oft die Aufmerksamkeit auf die verletzlicheren Teile der ukrainischen Gesellschaft.

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