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Der sichtbare Horizont
von Meehan Crist

© Heinrich Holtgreve

(1) Suchier, R. (Hrsg. und Üb.) (1868) Ovids Metamorphosen.
(2) Freud, S. (1917) Trauer und Melancholie.

Das zweite Buch der Metamorphosen des römischen Dichters Ovid beginnt mit einer Geschichte, die sich als Klimametapher interpretieren lässt. Phaeton, der hitzköpfige Sohn des Sonnengottes Phoebus, lebt mit seiner sterblichen Mutter auf der Erde und hadert damit, nicht als rechtmäßiger Sohn des Gottes anerkannt zu werden. In der Hoffnung, seine Abstammung beweisen zu können, macht Phaeton sich auf in den Himmel und erbittet von Phoebus ein Zeichen, dass dieser tatsächlich sein Vater ist. „Bitte mich um jeden Gefallen, den du möchtest“, meint Phoebus, „und ich werde ihn dir gewähren.“ Der Knabe antwortet: „Ich möchte den Sonnenwagen lenken.“ Diese Bitte lässt den Sonnengott erschaudern.

Mit dem fraglichen Sonnenwagen zieht Phoebus Tag für Tag die Sonne über den Himmel. Dieser goldene Wagen wird von einem Gespann prächtiger Pferde gezogen, die nur der Sonnengott beherrschen kann. „Bitte mich doch um etwas anderes“, fleht er den Sohn an. „Ersuche mich nicht um etwas, das nur in deinem Untergang enden kann. Du bist zu jung und nicht stark genug. Nicht einmal die anderen Götter sind in der Lage, diesen Wagen zu beherrschen.“

Phaeton bleibt jedoch eigensinnig und besteht darauf, mit dem Sonnenwagen des Vaters zu fahren. Schließlich gibt Phoebus nach. Er übergibt Phaeton die Zügel und schon machen sich Knabe und Gespann auf in den Himmel. Als sie jedoch durch den Tierkreis rasen, erschrecken die Pferde vor all den furchterregenden Erscheinungen am Himmelsgewölbe und scheuen. Der Knabe kann sie nicht mehr kontrollieren. Er wird in die dunkelsten, äußersten Grenzen des Weltraumes geschleudert, während die Pferde wenden und wieder in Richtung Erde rasen, der sie jedoch zu nahekommen, wodurch der flammende Sonnenball die Erdoberfläche versengt. Phaeton blickt hinab und sieht die in Flammen stehende Erde.

Feuer ergreift nunmehr an den ragenden Höhen die Erde:
Berstend zerreißt der Grund und lechzt, da die Säfte
versieget.
Dürr entfärbt sich das Gras; mit dem Laube verbrennen
die Bäume,
Und die getrocknete Saat gibt Stoff dem eigenen
Verderben –
Kleiner Verlust! Mit den Mauern vergehn großmächtige
Städte;
Ganze Länder sogar mitsamt den bewohnenden Völkern
Wandelt in Asche der Brand. […]
Da sieht Phaethon nun, wie auf jeglicher Seite der
Erdkreis
War von den Flammen erfasst, […]
Schwarz, von Dunkel umdrängt weiß er nicht, wohin er
sich wende […] (1)

Die verbrannte und ausgedörrte Erde wendet sich an Jupiter: „Du musst etwas tun. Ich sterbe.“ Der „König der Götter“ hört diese Bitte und schleudert einen Blitz gegen den Sonnenwagen. Phaeton stirbt augenblicklich und seine Leiche stürzt aus dem Himmel, die Haare in Flammen, wie ein Komet. Die angsterfüllten Pferde versinken im Ozean.

Nach dem Tod seines Sohnes ist Phoebus von Kummer übermannt und nicht in der Lage den Sonnenwagen zu lenken. Doch die anderen Götter beschwören ihn, die Zügel zu ergreifen. „Du musst es tun“, flehen sie. „Wir brauchen den Tag.“ Schweren Herzens kehrt er nun an den Himmel zurück. Ganz offenkundig lässt sich diese Geschichte auch als Metapher für den Klimawandel verstehen. Der Planet heizt sich auf. Das Eis schmilzt und die Feuersbrünste wüten. Auf der ganzen Welt werden Rekorde für die heißeste Temperatur in der Geschichte verzeichnet. (Es ist beinahe ein wenig zu treffsicher – so wie in der Geschichte steht der nördliche Polarkreis in Flammen.) In dieser Interpretation ist die Menschheit der Knabe: Unser anmaßender Wunsch, die Kontrolle über das zu erlangen, was niemals uns gehören sollte, führt die Welt in Chaos und Verderben. Ted Hughes schrieb ein auf dieser Geschichte basierendes Gedicht als eine ebensolche Metapher. Aber ich denke wir können es auch ein wenig anders lesen.

Was, wenn wir uns als Leser*innen nicht mit dem Knaben, sondern mit den Menschen auf der Erde identifizieren? Ein weiteres Indiz, um diese Geschichte als passende Metapher für den Klimawandel zu lesen – eine, die von der augenfälligeren Interpretation ignoriert wird – ist die Tatsache, dass sie marginalisierte Menschen ohne Mitspracherecht beinhaltet, die keine Verantwortung für die Zerstörung tragen, die sie durchleben. Wie war es für die Menschen in und auf diesen brennenden Städten und Feldern – wie fühlt es sich an, diese Art der Verwüstung zu erleben? Welche furchtbare Angst würden wir empfinden? Welchen Schrecken und welches Leid?

Dies ist keine theoretische Frage. Die Menschen heutzutage erleben, auf verschiedene und ungleich verteilte Art und Weise, etwas, das keine Generation vor ihnen je erlebt hat: den fortwährenden Verlust des Planeten, wie wir ihn kennen. Das bedeutet vielleicht auch den Verlust unseres Zuhauses durch Feuer oder Überflutung, oder den Verlust einer Landschaft, die unsere Gemeinschaft definiert hat. Wird man ein verkohltes und schwelendes Zuhause wiederaufbauen, im Wissen, dass noch mehr Feuer folgen? Und wenn unsere Stadt im sich ausbreitenden Ozean versinkt, wie viel mehr als nur ein Zuhause ist damit verloren gegangen? Der Klimawandel kann den Verlust eines beliebten Strandes aus der Kindheit bedeuten, eines Waldes, oder einer gefrorenen Schneise der Tundra, die wir als Teil dessen empfinden, was uns ausmacht und wohin wir nun nie wieder zurückkehren können. Wenn Fischgründe aufgegeben werden, weil dort im Meer keine Fische mehr zu finden sind, dann betrifft dieser Verlust ganze Städte und Industrien, die auf diesen Fischbeständen basieren. Es bedeutet den Verlust von Arbeitsplätzen, Einkommen, Nahrungssicherheit und Kultur. Wir haben keine Sprache, um über die Art von Trauer zu sprechen, die ein solcher Verlust zur Folge hat. Wir wissen nicht, wie wir diese Trauer auf eine Art und Weise verarbeiten können, die es uns erlaubt, nach vorne zu schauen.

Es gibt einige wenige Paradigmen für diese Trauer, die vielleicht dazu beitragen können, neue Formen der Klimatrauer zu verstehen. Im klassischen Essay Trauer und Melancholie (1917) unterschiedet Sigmund Freud zwischen zwei Reaktionen auf Verlust. Er beschreibt Trauer als normale menschliche Reaktion auf Verlust, „die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“ Melancholie umfasst eine ausgedehntere Periode der Trauer mit all den gleichen Elementen, sowie einer zusätzlichen pathologischen Verkrümmung des Selbstbildes – man beginnt ein wenig sich selbst zu hassen. „Die schwere Trauer“, schreibt Freud, „enthält die nämliche schmerzliche Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt […] den Verlust der Fähigkeit, irgendein neues Liebesobjekt zu wählen – was den Betrauerten ersetzen hieße.“ (2) Mit anderen Worten, man hängt sich an das, was verloren gegangen ist, denn würde man es loslassen, um etwas anderes zu lieben, würde das bedeuten, das verlorene Geliebte zu verleugnen. Obwohl Trauer und Melancholie sehr ähnliche Prozesse sind, hat die Melancholie einfach kein Ende – man bleibt erstarrt, verhaftet in der Melancholie, nicht fähig weiter zu machen.

Ein weiteres klassisches Paradigma der Trauer, das wertvolle Einblicke erlaubt, sind die fünf Phasen der Trauer der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross. Ihr Ansatz deckt sich in groben Zügen mit Freuds Konzept des Trauerns, teilt den Prozess jedoch in Phasen ein: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Annahme. Ich finde es verblüffend, dass in einigen visuellen Darstellungen dieses Prozesses, dieser als horizontale Linie mit zwei Erhebungen wiedergegeben ist, wobei die zweite Erhebung die „Annahme“ ist, die zudem höher erscheint als die erste Erhebung, was darauf schließen lässt, dass sich die*der erfolgreich Trauernde nun auf einer höheren, und damit besseren, Position befindet als zuvor.

Wenn das Modell von Kübler-Ross einen Prozess beschreibt, der Freuds Trauer nahesteht, dann erläutert ein drittes Paradigma, das in den 1990er-Jahren entwickelt wurde und als „komplizierte Trauer“ bekannt ist, einen Prozess, der wiederum der Melancholie näherkommt. Die Symptome der komplizierten Trauer sind die gleichen wie jene der „normalen“ Trauer – das bestimmende Element ist die Dauer der Gefühle. Die*der Trauernde bleibt in einer frühen, akuten Phase des Leides stecken, in der die Zukunft trostlos und leer erscheint. Dr. Katherine Shear von der Columbia University zufolge, kommt komplizierte Trauer nur bei einem kleinen Prozentsatz von Menschen vor, die zu schwierigen Beziehungen tendieren, sowie eine familiäre oder persönliche Geschichte psychischer Störungen aufweisen. Die*der Trauernde ist nicht in der Lage, Leid im „normalen“ Prozess der Trauer zu verarbeiten und erlebt ihre oder seine negativen Symptome als Möglichkeit, um mit dem verbunden zu bleiben, was verloren gegangen ist. Das lässt wieder an Freud denken: Trauer ist eine Form der Liebe, hört man also auf zu trauern, hat man aufgehört zu lieben – schon das alleine ist schmerzhaft.

Obwohl diese Paradigmen der Trauer zweifellos nützlich sind, betonen doch alle drei die Endgültigkeit. Jemand ist gestorben. Etwas ist verschwunden. Es fand ein konkreter Verlust statt. Es ist die Aufgabe der*des Trauernden, angemessen zu trauern und weiter zu machen. Dies reduziert ihre Nützlichkeit in Hinblick auf das Verständnis von Klimatrauer. Sie sind nicht hundertprozentig auf Klimatrauer anwendbar, da wir oftmals gar nicht wissen, worin der Verlust besteht, oder bestehen wird. Wir wissen nicht, ob die Überflutungsgebiete von heute die Ozeane von morgen sind. Wir können nicht wissen, wie hoch oder wie schnell das Wasser steigen wird. Die Auswirkungen des Klimawandels bieten nicht die Art von Endgültigkeit, die uns tatsächlich bei der Entscheidung loszulassen und weiterzumachen helfen kann.

Als die Familientherapeutin und Psychologin Pauline Boss in den 1970er-Jahren mit Menschen arbeitete, deren Familienmitglieder als im Kampf vermisst galten, entwickelte sie ein neues Paradigma für Trauer, das ich für geeigneter halte: Trauer ohne Abschluss, oder „uneindeutiger Verlust“. Boss beschreibt zwei Arten von uneindeutigem Verlust. Beim ersten ist das Objekt der Liebe physisch abwesend, bleibt jedoch psychisch anwesend, wie im Fall all jener, die einen im Kampf vermissten Soldaten betrauern. (Kürzlich erzählte mir ein Freund von einer Frau, deren Sohn als im Kampf vermisst galt. Als zwanzig Jahre später jemand in Uniform zu ihrem Haus kam, rannte sie zur Eingangstüre, da sie dachte, es könnte er sein.) Bei der zweiten Art von uneindeutigem Verlust ist der Gegenstand der Liebe zwar körperlich anwesend, jedoch psychisch abwesend, wie zum Beispiel geliebte Menschen, die an Alzheimer leiden. Die Person ist immer noch hier – man kann neben ihr sitzen und ihre Hand halten.

Man kann immer noch im selben Raum sein, aber in gewisser Weise ist die Person nicht mehr wirklich anwesend. Wie trauert man über den Verlust von jemandem, der genau vor einem sitzt? Wie Boss schreibt: „Es gibt keinen Abschluss. Die Herausforderung liegt darin, zu lernen, mit der Uneindeutigkeit zu leben.“

Verlust ohne Abschluss scheint näher an dem zu liegen, was einige Menschen angesichts unserer sich erwärmenden Welt empfinden. Doch selbst uneindeutiger Verlust passt nicht vollends zur Klimatrauer, denn beim uneindeutigen Verlust kann der Endpunkt trotzdem bekannt sein. Wir wissen, dass Alzheimer-Patient*innen schlussendlich sterben werden. Doch was das steigende Meeresniveau betrifft, bleibt das Ende unbekannt und unerkennbar.

Wir haben kein Paradigma für Trauer, die es erforderlich macht, dass wir sowohl Uneindeutigkeit als auch Endgültigkeit akzeptieren. Wir haben kein Paradigma für Trauer, die sowohl persönlich als auch global ist. Die Klimakrise konfrontiert uns mit vielfältigen Arten des Trauerns, die in einem einheitlichen psychologischen Raum untergebracht werden sollen. Individuell und kollektiv stecken wir in einem psychischen Zwischenraum, der sich wie Chaos anfühlt, gewissermaßen aber auch Sinn ergibt. Die Frage lautet, wie wir entscheiden, was wir loslassen sollen, worum wir kämpfen und was wir betrauern, damit wir in einer neuen Zukunft weitermachen können.

von Meehan Crist

Sprockhövel und Gevelsberg

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Metamorphose von Yevgenia Belorusets

29.05.26 Die Wiege der Kohle
Am Abend erzählte Boris Sieverts, den wir am Tag vor unserem Spaziergang zufällig getroffen hatten, dass Sprockhövel die Wiege des Ruhrbergbaus sei. „Hier hat alles angefangen!“, fügte er hinzu und reihte einige historische Fakten aneinander. Er zeigte die Lage der wertvollen Kohleflöze, indem er seinen Arm beugte. Sein Ellbogen bildete die Spitze der kostbarsten Schicht, der Fettkohle, und ich folgte der Krümmung seines Arms, um zu begreifen, wie die Erdschichten in Bewegung gerieten und warum die wertvollste Kohle an die Oberfläche drängte. Seine Handkante stieß immer wieder gegen diese oder jene Stelle des Berges – so wurde die Kohle gewonnen. Ohne in die tiefsten Erdschichten einzudringen. Es reichte nicht an die tausend Meter heran – höchstens vierhundert, meistens aber nur zweihundert. Ich stellte mir eine Stadt vor, die über den unterirdisch gezeichneten und längst verschütteten unterirdischen Gängen lag.

Drei riesige schwarze Kohlebrocken – Fettkohle, Gaskohle und Magerkohle – wiegen in einer kleinen, gemütlichen Wiege ein winziges, schwaches, laut weinendes Köhlchen. Es liegt inmitten von weißer, gestärkter Wäsche, einem Spitzenkissen und einer weichen Decke, schreit und kann sich einfach nicht beruhigen.

Fettkohle legt einen kleinen, runden Erdkloß, ein Spielzeug, in die Wiege. Das kleine Köhlchen betrachtet es eine Weile, mustert es ganz aufmerksam, und fängt dann nur noch bitterer an zu weinen. Da schenkt ihm Magerkohle, die dicker aussieht als Fettkohle, einen leichten, zärtlichen Methankuss. Der Kleine ist überrascht und träumt eine Weile davon, dass man ihn so oft und zärtlich küssen wird. Doch schon bald erinnert er sich wieder daran, warum er geweint hat, und fängt von vorne an. Es ist unmöglich, ihn zu beruhigen. 

Die Großen beraten sich und beschließen, dass nur absolute Dunkelheit helfen kann. Die Kohle liebt sie, sie ist für sie so etwas wie reiner Zucker oder absolute Süße. Aber sie haben nicht mehr viel von dieser Dunkelheit übrig. Ihre Vorräte sind in den letzten vierhundert Jahren aufgebraucht worden, doch für den Kleinen ist noch etwas griffbereit. Gaskohle verschwindet irgendwo auf dem Flur und kehrt mit einem kleinen Sack voll Dunkelheit zurück, der sofort eine festliche Atmosphäre im Raum verbreitet. Und schon weint der Kleine nicht mehr, sondern betastet die Dunkelheit neugierig. Viele andere, die sich in der Nähe dieser Gesellschaft aufhalten, beschließen ebenfalls, näher zu kommen, um „in der Dunkelheit zu klopfen“. So nennen sie ihr Lieblingsvergnügen.

31.05.26 
Stell dir vor, gestern saß ich noch im Metamorphose. Und vor der Abreise beschloss ich, ins Nirvana zu gehen. Dabei hatte ich mir vorgenommen: Wenn es mir nicht gelingt, ins Nirvana zu kommen, nachdem ich das Zechengebäude mit der Aufschrift „Со счастьем наверх!“ gefunden habe, ist der Tag verloren. Ich muss es doch noch ins Nirvana schaffen. Das wird sicher die Unruhe ein wenig lindern, die mich daran hindert, die Stadt wahrzunehmen. Und so kam es auch.

Am Sonntag war niemand im Metamorphose. Natürlich will sich an so einem Sommertag niemand verändern. Gestern waren immerhin noch ein paar Leute hier. Vielleicht fällt es am Samstag leichter, Veränderungen zu akzeptieren, sich mit ihnen abzufinden. Aber am Sonntag wird ein ernsthafter Mensch jede Metamorphose meiden. Und nur ich saß, geplagt von meiner wachsenden Unruhe, allein in diesem leeren Café, hatte den Reiseführer und meinen Notizblock vor mir ausgebreitet und blickte auf die in unregelmäßiger Handschrift notierten Sätze, die sich am oberen Seitenrand drängten.

Gegenüber, in der Nische eines kleinen Ladens, saß ein Mann mit einem Stock, und alle, die vorbeikamen, grüßten ihn. Er saß da wie ein einsamer, eindringlicher Gedanke, mit dem man sich abfinden muss und den alle anderen Gedanken höchstwahrscheinlich sogar lieben. Sein Stock war das Komma, das diesen Gedanken trennte. Und seine Augen waren Doppelpunkte. Er bemerkte mich nicht, ich hatte mir vorgenommen, ihn zu fotografieren, aber so, dass man ihn nicht erkennen konnte. Das Vorhaben war töricht, und die Kamera kam mir sehr schwer vor. 

Andererseits würde sich der Mann, der in seiner Nische auf einem Stuhl sitzt, sodass die Passanten in einer Reihe an ihm vorbeiziehen, vielleicht sogar über ein Foto freuen, das hartnäckig seine Position auf dem Schachbrett wiederholt und vervielfältigt. 

Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr allein war. An dem Tisch hinter mir saßen zwei Menschen und schwiegen einander an. Sie war elegant gekleidet, die Ohrringe mit großen Perlen, über denen kleine lila Steine saßen, standen ihr gut. Sie trug ein leichtes, helles Kleid, das sich im Glanz der lila Steine widerzuspiegeln schien.  Mehrmals versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, doch er antwortete nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte oder den hartgesottenen, schweigsamen Mann spielte, der der Frau, mit der er schon seit vielen Jahren zusammen war, nichts zu sagen hatte. Sie sahen aus, als wären sie über siebzig.

Nach langem Schweigen begannen sie zu sprechen, aber sie sprachen wenig und sehr leise. Eine Replik, beschwert durch eine kurze Antwort, versank augenblicklich in der Stille. 

Ich senkte den Blick auf das Notizbuch, in das ich zufällige Sätze notiert hatte. Das Wort „Metamorphose“ wiederholte sich mehrmals, als würde ich versuchen, durch die Leere, die mich umhüllte, meine Hand nach der Aufschrift auf dem Ladenschild auszustrecken, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte. 

An der Wand hing auf einem Bügel ein gelbes Kleid mit Hyazinthenmuster; es stand zum Verkauf, ebenso wie all die anderen Kleinigkeiten, die auf den Regalen verteilt waren und deren einziger Zweck darin bestand, die offenen Schränke in den Wohnzimmern zu füllen. Doch sowohl solche Gegenstände als auch solche Wohnzimmer sind immer seltener anzutreffen. Ganz preiswerte Kristallvasen, Aschenbecher, Statuetten, Gläser, Holzfiguren – die zufällig die Form von Überraschung oder Freude angenommen hatten, etwas wie ein materialisiertes Lächeln. 

Ein Mann überquerte die Straße, die Sonne beleuchtete sein Gesicht, es wirkte freundlich und traurig, er schaute aufmerksam auf die Schaufensterfront des Cafés und winkte mir plötzlich lachend zu. Ich winkte zurück, als wären wir alte Bekannte. Er bog ab und ging auf das Café zu, in dem wir drei saßen. Ich vorn am Schaufenster, und die beiden weiter hinten, in der Tiefe des Raumes, hinter den zusammengeschobenen Tischen.

Er nickte mir freundlich zu und ging schnurstracks auf die beiden zu.

„Wie geht’s?“, fragte er. „Wie war’s in Bochum?“

„Die Operation ist gut verlaufen“, antwortete sie. „Jetzt sind wir wieder zurück. Eine Arterie ist verstopft bei ihm. Es ging aber schnell und jetzt geht’s wieder nach Hause. Bochum ist gut! Alles haben sie da neu gemacht.“

Ich hörte, wie sie das Krankenhaus in begeisterten Tönen beschrieb. Er hatte eine Operation hinter sich, deshalb war er so schweigsam. Es fiel ihm schwer zu sprechen, und er durfte sich nicht aufregen. Und doch wirkten sie wie ein älteres Paar, das sich zu einem Rendezvous verabredet hatte.

„Und wie geht es Ihnen?“ wandte sie sich an den neuen Besucher. „Gut im Geschäft?“

Er antwortete, dass er sich zuerst einen Espresso bestelle.

„Manchmal hoch, manchmal runter, wie es so ist“, sagte er und fragte mich, woher ich käme und ob ich für längere Zeit hier sei. Und dann, was genau ich da eigentlich in meinen  Block schreibe. 

Ich fühlte mich ertappt, weil ich versucht hatte, das gesamte vorangegangene Gespräch mitzuschreiben. Es gelang mir fast nichts, weil ich gleichzeitig in mehreren Sprachen mitschrieb und immer wieder zu den dümmsten Kommentaren über meinen Zustand abglitt – „Ich weiß immer noch nicht, was ich glauben soll“, «не понимаю, где я и не представляю, как понять».

Der neue Besucher sprach mit Akzent und erzählte im selben Atemzug, dass er aus Syrien stamme, aber schon seit über zehn Jahren in Sprockhövel lebe. Ihm gehöre der Laden, dessen Werbung ich unmöglich übersehen konnte: „Aber natürlich! Gleich hier um die Ecke! Eine Frau und ein Mann über die ganze Hauswand. Und das ist mein Geschäft!“

Ich war schon mehrmals an diesem großen Werbeplakat vorbeigegangen, konnte mich aber nicht erinnern, was darauf eigentlich abgebildet war.

„Meine Eltern wollten nicht, dass wir zusammen sind“, erzählte die Frau dem Besucher und mir zugleich. „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich einen Deutschen heirate, und er hat regelrecht darauf bestanden.  Aber ich war eine eigenständige Frau, wenn auch noch sehr jung, und ich sagte ihm, dass ich tun würde, was ich für richtig hielt.“

„Dein Vater hat getrunken! Er war ein Säufer!“, warf ihr Mann plötzlich ein wenig ärgerlich ein. 

„Ja, du hast recht, er hat getrunken. Wir haben uns an einem freien Tag kennengelernt. Unsere Familie und viele andere saßen im Café an den Tischen und spielten Karten. Und er stand von seinem Tisch auf, an dem er mit Freunden spielte, kam zu uns herüber und lernte mich kennen. Und später begannen wir, zusammenzuleben. Solche Entscheidungen traf ich selbst, ich habe niemanden um Erlaubnis gefragt.

„Und meine Oma hat sich gefreut! Sie mochte ihn so gerne, von Anfang an. Da hat sie eine schöne Flasche Wein auf den Tisch gestellt, sie hat auch Bretzeln gekauft und wartete auf uns beide.“

„Sie war eine kluge Frau!“, fügte er hinzu. 

„Aber wir wohnten nicht hier, wir wohnten in der Nähe, weil meine Fabrik und seine Arbeit dort waren. Und wir zogen erst hierher, als die Fabrik verlegt wurde. Wie lange sind wir schon nicht mehr gemeinsam in Italien gewesen!“

„Mehr als zehn Jahre!“, erwiderte er.

„Ja, mit dem Auto schafft man es nicht, denn er muss alleine fahren, ich habe keinen Führerschein. Aber bald werden wir hinfliegen – nur zwei Stunden, und schon sind wir bei unserer italienischen Familie. Wir werden endlich alle wiedersehen, wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen!“

Auf diese optimistische Äußerung antwortete er mit Schweigen. 

„Einst kamen Leute mit einer Bibel zu uns und behaupteten, wir müssten uns trennen, weil wir nicht verheiratet waren. Sie wollten uns auseinanderbringen.“

„Aber sie hat sie einfach aus dem Haus geworfen!“

„Ja, ich habe sie rausgeworfen. Sie verlangten von uns, dass wir heiraten. Aber das war unsere Sache, nicht ihre. Und ich habe nicht zugelassen, dass sie uns noch einmal besuchen.“ 

Sie kam mir vor wie ein Ritter in Rüstung, der fähig war, das Visier zu senken und jedem die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wenn es nötig war.

Der kürzlich eingetroffene Mann lächelte, trank seinen Espresso und sprach mit dem Paar weiter über das Wetter.

„Heute Morgen gab es ein Gewitter, habt ihr es gehört? In der Nähe unseres Hauses ist eine riesige Buche umgestürzt, die angeblich schon dreißig Jahre alt war.“

„Ich habe große Angst vor Donner, Blitzen und Gewittern,“ – sagte die Frau und sah ihren Mann an.

Er nickte, als würde er ihre Worte bestätigen:

„Sie hat große Angst.“

„Wirklich ihr ganzes Leben lang, von Kindheit an bis heute?“, fragte die Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.

„Ich habe panische Angst vor Knallkörpern, Feuerwerkskörpern, Böllern – vor allem, was zu Neujahr explodiert. Aber ich habe all das selbst hergestellt, als ich in einer Fabrik arbeitete, in der Feuerwerkskörper produziert wurden.

„Meine Hände waren oft bis zum Ellbogen verbrannt, die Beine voller Verbrennungen, aber ich habe weitergearbeitet. Dort habe ich vierzig Jahre lang gearbeitet! Dafür habe ich jetzt eine Rente. Und mein Mann arbeitete in der Fabrik nebenan. Ohne Unterbrechung. Zweiundfünfzig Jahre, hat er gearbeitet, samstags, sonntags, er wollte nichts anderes tun. Ich bin dann zu ihm gegangen, habe ihm Essen gebracht. Mit fünfzehn habe ich angefangen, ich wollte schon mit vierzehn, meine Mutter hat mich mitgenommen, ich wollte sofort für immer da in der Fabrik bleiben und arbeiten.“

„Ja, ich habe ohne Pause und ohne freie Tage gearbeitet, Doppelschicht, Dreifachschicht, ich wollte von nichts anderem wissen“, sagte der Mann. „Aber jetzt …“ Und er lächelte glücklich.

„War die Arbeit wirklich so gefährlich?“, fragte ich die Frau.

„Drei Frauen sind ums Leben gekommen, verbrannt. Und einmal kam ein Mechaniker schlecht gelaunt zur Arbeit, er war wütend, rasend, und seine Wut übertrug sich auf die Maschine, er machte alles unaufmerksam. Ich bat ihn: „Seien Sie nicht so wütend, machen Sie ruhiger“, aber er schrie nur: „Sie verstehen doch gar nichts!“ Da fing die Maschine Feuer. Und er war, wie immer, mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub bedeckt. Er bereitete sie für uns Frauen vor, und wir erledigten den Rest. Man versuchte, ihn zu retten, aber er hat es nicht geschafft; man brachte ihn ins Krankenhaus, und er starb eine Woche später. Ich hatte Verbrennungen an den Beinen, den Armen, mein Hals war verbrannt. Und so ging es oft. 

„Man musste sehr auf die Kleidung achten – keine Synthetik – nur Baumwolle! Aber wir liebten unsere Arbeit. Hören Sie, kehren Sie nicht dorthin zurück, woher Sie kommen, in den Krieg. Sie sind doch aus der Ukraine. Dort dauert der Krieg an. Bleiben Sie hier, bei uns.“

„Oh! Da ruft mich jemand an!“, rief der Besucher aus Syrien fröhlich aus. „Das ist mein Schwager! Er ist im Libanon!“

„Was ist denn mit Ihrem Schwager? Ist er in Sicherheit?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, er ist mitten im Zentrum, dort ist alles vor Beschuss geschützt! Sie sind in Sicherheit!“

Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ihn selbst über mein Haus gesagt, das fast im Zentrum von Kyjiw liegt: «не беспокойтесь, центр защищен от обстрелов».

Der Besucher ging zu einem abseits stehenden Tisch und sprach laut auf Arabisch.

Irgendwann hielt er sein Handy in unsere Richtung. Ich sah ein angenehmes Gesicht und dunkles Haar und sprach hinein: „Hallo in den Libanon!“ Der Mann am Telefon lächelte und antwortete mir auf Arabisch. 

Das Telefonat war beendet, und der Mann schickte sich an zu gehen.

„Ich heiße Ammar, mit zwei „m““, sagte er. „Vergessen Sie die beiden „m“ nicht.“

Die Frau holte ein Foto aus ihrer Handtasche und zeigte es mir: „Hier bin ich noch ganz jung, ich stehe da, glücklich, und schaue irgendwohin. So war ich damals. Ich hatte lange Haare.“ Und dann: „Können Sie das nach Gehör aufschreiben? Ich heiße Erika.“

„Und Sie?“

„Vincenzo!“, sagte der Mann, als würde er viel Kraft in diesen Namen legen. Er klang klar und hell. 

„Und das Gewitter, das gerade jetzt beginnen sollte, wird nicht kommen. Sie können losgehen und sich die Stadt ansehen!“

Am selben Tag, aber am Morgen. Ein Gewitter

An diesem Tag begann um halb sieben Uhr morgens ein Gewitter. Das kleine Mädchen, die Tochter der Gastgeber, sagte, sie habe deshalb nicht schlafen können, aber der Donner habe ihr sehr gut gefallen. 

Wenig später machte sich ein Chirurg, der neben meinem Hotel wohnte, auf den Weg in den Wald, um die Äste eines vom Wind beschädigten Baumes zu stutzen. 

Das Mädchen hieß Malene, vielleicht aber auch hieß sie Marlene – das „r“ blieb unhörbar und unsichtbar, versank in ihrem Lachen, mit dem sie jeden ihrer Sätze begleitete. Am Tag vor unserem Spaziergang bat sie Boris Sieverts, das Alter ihrer älteren Schwester zu erraten. Er nannte sofort Malenes eigenes Alter, verpasste aber beim Erraten des Alters ihrer Schwester eine einzige Ziffer – die Acht. 

Als er alle anderen Zahlen nacheinander nannte, hörte er als Antwort ein lautes, langgezogenes „Neeeeein!“ und dann folgte ein immer ansteckenderes Lachen, das es mit einem Donnerschlag aufnehmen konnte. 

Glückauf 

Ein alter Gruß, der in Städten verbreitet war, in denen Kohle abgebaut wurde. Allein wegen dieser Inschrift wollte ich mir das Zechengebäude ansehen. Sie thronte über dem Eingang der Zeche, die ein wenig an einen Palast erinnerte. Ein einziges Wort, untrennbar, in dem das Glück mit dem Aufstieg und mit dem Finden verbunden ist.

Künstler*in

Open Artsit

© Yao Tsy

Yevgenia Belorusets

Yevgenia Belorusets' Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst und Aktivismus und lenken oft die Aufmerksamkeit auf die verletzlicheren Teile der ukrainischen Gesellschaft.

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