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Das 24/7-Bett
von Beatriz Colomina

© Henning Rogge

Übersetzung

Karen Witthuhn/Transfiction

Mit diesen perfekt abgeschirmten Minuten endete ihre Privatsphäre: Unmittelbar danach luden sie die Weltöffentlichkeit in ihr Flitterwochenbett in Zimmer 902 des Amsterdam Hilton International Hotel ein und hielten zwischen dem 25. und 31. März täglich von 9 bis 21 Uhr ein einwöchiges Bed-in for Peace ab. Zwei der berühmtesten Menschen der Welt setzten sich im Glaskubus des Hilton regelrecht auf den Präsentierteller. Und ihr Arbeitstag war um 21 Uhr nicht zu Ende. John und Yoko verkündeten wiederholt, in dieser Woche ein Kind zeugen zu wollen. Das Bett ist sowohl Ort des Protests als auch Kinderproduktionsfabrik: eine fucktory.

John und Yoko bewohnten das Zimmer nicht einfach, sondern verwandelten es nach ihren Vorstellungen in eine regelrechte Kulisse. Es ist also kein Zufall, dass die veröffentlichten Fotos sich dermaßen ähnlich sehen, denn im Prinzip war nur ein Blickwinkel möglich. Das Hotelzimmer war leergeräumt worden, Möbel, Kunstwerke und Dekorationen entfernt. Übrig blieb nur das Kingsize-Bett, das gezielt vor die bodenlange Glaswand mit Panoramablick auf Amsterdam geschoben worden war. Mit dem Fenster im Rücken blickten John und Yoko in das Zimmer hinein, im Stil von Adolf Loos, der immer das Sofa vor dem Fenster aufstellte und den Blick der Bewohner*innen, die für die Eintretenden zu Silhouetten wurden, in das Zimmerinnere richtete. Johns und Yokos Körper schienen im Gegenlicht und vor dem völlig in Weiß gehaltenen Hintergrund – weiße Wände, weiße Bettwäsche, weiße Schlafanzüge, weiße Blumen – über Amsterdam zu schweben.

Das Hotel steht mitten in der Stadt, wirkt aber wie losgelöst, wie eine transparente Oase. Aber was spielt sich draußen ab? Der Hintergrund ist das Amsterdam der kulturellen und sexuellen Revolution im Europa der 1960er-Jahre, der Experimente mit Sex, Drugs, Rock´n´Roll, des politischen Aktivismus und der Proteste – gegen den Vietnamkrieg, die Regierung, knappen Wohnraum und für Gleichberechtigung, Abtreibung und sogar alternative Transportmittel.

John Lennons und Yoko Onos 24/7-Bett ist ein Vorläufer des Arbeitsbetts von heute. 2012 berichtete das Wall Street Journal, dass achtzig Prozent der jungen New Yorker Berufstätigen regelmäßig vom Bett aus arbeiten – eine Zahl, die sich inzwischen erhöht haben dürfte. Die Fantasie des Homeoffice ist von der Realität des Bed Office abgelöst worden. Die Bedeutung des Wortes Office selbst hat sich verändert. Millionen verstreuter Betten haben die Funktion geballter Bürogebäude übernommen. Das Boudoir schlägt den Turm. Vernetzte elektronische Technologien sorgen dafür, dass vom Bett aus alles möglich ist. Aber wie sind wir dahingekommen?

In seinem berühmten Kurztext Louis-Philippe oder das Interieur schrieb Walter Benjamin über die Trennung von Arbeit und Heim im 19. Jahrhundert: „Unter Louis-Philippe betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz … Für den Privatmann tritt erstmals der Lebensraum in Gegensatz zu der Arbeitsstätte. Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement.“ (Walter Benjamin, 1978)

Die Industrialisierung brachte die 8-Stunden-Schicht und die radikale Trennung von Heim und Büro beziehungsweise Fabrik, von Erholung und Arbeit, Nacht und Tag. Die Postindustrialisierung drängt die Arbeit zurück ins Heim, weiter in die Schlafzimmer und bis in die Betten selbst hinein. Das ganze Universum ist in einem kleinen Bildschirm gebündelt, das Bett treibt in einem unendlichen Informationsmeer. Liegen bringt keine Ruhe, sondern Bewegung. Das Bett ist jetzt ein Ort des Handelns.

Der freiwillige Invalide benötigt keine Beine mehr. Das Bett ist zur ultimativen Prothese geworden, und eine ganze neue Industrie stellt Produkte bereit, die das Arbeiten im Liegen erleichtern – Lesen, Schreiben, Texten, Aufnehmen, Senden, Zuhören, Reden und natürlich Essen, Trinken, Schlafen oder Sex – Aktivitäten, die seit Neuestem ebenfalls als Arbeit betrachtet werden. Unzählige Ratgeber schlagen vor, wie man an persönlichen Beziehungen ‚arbeiten’, Sex mit dem*der Partner*in ‚einplanen’ kann. Auch das Schlafen ist für Millionen Menschen mittlerweile harte Arbeit, und die Psychopharmaindustrie stellt dafür jedes Jahr neue Pillen zur Verfügung, während ein Heer von Schlafexpert*innen Ratschläge gibt, wie sich dieses anscheinend immer flüchtigere Ziel erreichen lässt – natürlich alles im Namen der Produktivitätssteigerung. Alles, was man im Bett macht, ist Arbeit geworden.

Diese Philosophie wurde bereits in der Gestalt von Hugh Hefner verkörpert, der bekanntermaßen sein Bett und erst recht sein Haus nur sehr selten verließ. Als er 1960 die Playboy-Villa am 1340 North State Parkway, Chicago, bezog, sie zum Epizentrum seines Imperiums machte und seine Seidenpyjamas und Morgenmäntel zur Geschäftsgarderobe erklärte, verlegte er buchstäblich sein Büro in sein Bett. „Ich gehe überhaupt nie aus dem Haus!!! ... Ich bin ein moderner Eremit“, erzählte er Tom Wolfe und schätzte, dass er das Haus zuletzt vor dreieinhalb Monaten und in den vergangenen beiden Jahren insgesamt auch nur neun Mal verlassen hatte. Der Playboy verwandelt das Bett in einen Arbeitsplatz. Seit Mitte der 1950er-Jahre ist das Bett immer raffinierter gestaltet, mit allerlei Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräten ausgestattet und in eine Art Kommandozentrale transformiert worden.

Hefner war nicht der Einzige. Mitte des letzten Jahrhunderts war das Bett fast so etwas wie das ultimative amerikanische Büro. Truman Capote wurde 1957 in einem Interview mit der Paris Review gefragt, „Haben Sie bestimmte Schreibgewohnheiten? Sitzen Sie an einem Schreibtisch? Nutzen Sie eine Schreibmaschine?“, worauf er antwortete, „Ich bin ein gänzlich horizontaler Autor. Ich kann nur im Liegen denken, entweder liege ich im Bett oder auf einem Sofa ausgestreckt, eine Zigarette und einen Kaffee in Reichweite.“

Auch Architekten bezogen Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Bettbüros. Richard Neutras Arbeitstag begann mit dem Moment des Aufwachens. Mithilfe von ausgetüftelten Apparaturen war er in der Lage, im Bett Entwürfe anzufertigen, zu schreiben oder Interviews zu führen. Neutras Bett im VDL-Haus in Silver Lake, Los Angeles war mit zwei Telefonen sowie drei Kommunikationsstationen ausgestattet, von denen aus man mit anderen Räumen im Haus und sogar einem fünfhundert Meter weit entfernten Büro Verbindung aufnehmen konnte, mit drei verschiedenen Anrufklingeln, mit Zeichenbrettern und Staffeleien, die über das Bett geklappt wurden; das Licht und ein Radio-Grammofon wurden von einem am Kopfende angebrachten Armaturenbrett aus betätigt. Ein rollender Nachttisch enthielt ein Aufnahmegerät, eine elektrische Uhr und Schubladen für Zeichen- und Schreibmaterialien, damit Neutra, wie er seiner Schwester in einem Brief schrieb, „von morgens bis spät in die Nacht hinein jede Minute nutzen kann“.

Das Nachkriegsamerika führte das High-Performance-Bett als Epizentrum der Produktivität ein, eine neue Form der Industrialisierung, die in die ganze Welt exportiert wurde und heutzutage einer internationalen Armee verstreuter, aber miteinander vernetzter Produzent*innen zur Verfügung steht. Kompakte Elektronikgeräte und Extrakissen bilden eine neue Art von Fabrik ohne Wände für die 24/7-Generation.

Die Gerätschaften, die Hefner sich ausmalte (einige davon, wie beispielsweise der Anrufbeantworter, existierten damals noch nicht), sind für die Internet- und Social-Media-Generation noch erweitert worden, die nicht nur im Bett arbeitet, sondern dort auch Kontakte pflegt, Sport treibt, die Nachrichten liest und sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, die sich meilenweit entfernt von diesem Bett befinden. Die Playboy-Fantasie des netten Mädchens von nebenan wird heutzutage eher mit jemandem auf einem anderen Kontinent als im selben Haus oder in der Nachbarschaft Wirklichkeit – mit einem Menschen, den man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht nie wiedersehen wird und von dem man nur raten kann, ob er*sie echt oder eine elektronische Erfindung ist. Macht das einen Unterschied? In dem Film Her, eine bewegende Darstellung des Lebens in jenem weichen, gebärmutterartigen Zustand, der die logische Folge unserer neuen mobilen Technologien ist, ist die betreffende ‚Her’ (Sie) ein Betriebssystem, das sich als bessere Partnerin erweist als ein Mensch. Der Protagonist liegt mit ‚Her’ im Bett, sie reden, streiten, haben Sex und trennen sich schließlich, immer noch im Bett.

Wenn der Spätkapitalismus, wie Jonathan Crary meint, das Ende des Schlafens bedeutet und jede Minute unseres Lebens für Produktion und Konsum vereinnahmt, ist das Verhalten des freiwilligen Eremiten am Ende doch nicht so freiwillig. Die in der Stadt des 19. Jahrhunderts bestehende Trennung von Freizeit und Arbeit könnte bald überholt sein. Das Internet und die sozialen Medien haben nicht nur unsere Gewohnheiten und unseren Wohnraum verändert, auch die Prognose, dass neue Technologien und Robotisierung das Ende menschlicher Arbeit zur Folge haben, wird nicht länger als futuristisch abgetan. COVID hat den Stellenwert von Arbeit weiter verschoben und diese durch die Möglichkeit, zwischen flexiblem Arbeiten, reinem Homeoffice oder gar nicht arbeiten zu wählen, noch komplizierter gemacht.

Ökonom*innen fragen sich, welches Wirtschaftsmodell diese Realität hervorbringen wird: wachsende Ungleichheit mit hoher Massenarbeitslosigkeit oder umfangreiche Umverteilung in Form eines allgemeinen Grundeinkommens, wie es in der Schweiz vor einigen Jahren in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren haben Constant, Superstudio und Archizoom in utopischen Projekten das Ende der Lohnarbeit und ihre Ablösung durch kreative Freizeitaktivitäten ausgemalt, mitsamt hyperausgestatteten Betten. Sollten Architekt*innen sich nicht wieder dieser Frage widmen?

Inzwischen hat die Umgestaltung der Stadt begonnen. In der heutigen überstimulierten Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit ein immer flüchtigeres Gut wird, haben wir entdeckt, dass wir besser in kurzen Stößen arbeiten, gefolgt von Ruhepausen. Um die Produktivität zu maximieren, stellen viele Firmen in ihren Büros inzwischen Schlafnischen zur Verfügung. Bett und Büro sind in der 24/7-Welt nie weit voneinander entfernt. Für Büroräume sind spezielle, in sich geschlossene Betten erfunden worden, die sich in kompakte Kapseln verwandeln lassen, in Miniraumschiffe, die einzeln genutzt oder zum synchronisierten Schlafen zu Clustern oder Reihen aufgestellt werden können, und die als Teil, nicht als Gegenteil von Arbeit verstanden werden. Arianne Huffington sagte 2018 voraus, dass „Auftankräume so normal wie Konferenzräume sein werden“. Und nicht nur in Büroräumen halten diese Entspannungsbereiche und -technologien Einzug. In den Städten entstehen neuartige Gebäude, die ganz allein dem Schlafen dienen. Die Frage des Betts ist zu einer urbanen Frage geworden, zu einem der urbanen Themen, derer wir uns heutzutage annehmen müssen. 

Das Internet und die Sozialen Medien haben unsere Lebensräume, unsere Beziehung zu den Dingen und zueinander grundlegend verändert. Social Media ist eine neue Form der Urbanisierung, die Architektur unseres Zusammenlebens. Betten stellen die wichtigsten Verknüpfungspunkte in dem riesigen, unsichtbaren Netz des globalen Kommunikationssystems dar, das die reale Stadt von heute formt.

von Beatriz Colomina

Sprockhövel und Gevelsberg

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Metamorphose von Yevgenia Belorusets

29.05.26 Die Wiege der Kohle
Am Abend erzählte Boris Sieverts, den wir am Tag vor unserem Spaziergang zufällig getroffen hatten, dass Sprockhövel die Wiege des Ruhrbergbaus sei. „Hier hat alles angefangen!“, fügte er hinzu und reihte einige historische Fakten aneinander. Er zeigte die Lage der wertvollen Kohleflöze, indem er seinen Arm beugte. Sein Ellbogen bildete die Spitze der kostbarsten Schicht, der Fettkohle, und ich folgte der Krümmung seines Arms, um zu begreifen, wie die Erdschichten in Bewegung gerieten und warum die wertvollste Kohle an die Oberfläche drängte. Seine Handkante stieß immer wieder gegen diese oder jene Stelle des Berges – so wurde die Kohle gewonnen. Ohne in die tiefsten Erdschichten einzudringen. Es reichte nicht an die tausend Meter heran – höchstens vierhundert, meistens aber nur zweihundert. Ich stellte mir eine Stadt vor, die über den unterirdisch gezeichneten und längst verschütteten unterirdischen Gängen lag.

Drei riesige schwarze Kohlebrocken – Fettkohle, Gaskohle und Magerkohle – wiegen in einer kleinen, gemütlichen Wiege ein winziges, schwaches, laut weinendes Köhlchen. Es liegt inmitten von weißer, gestärkter Wäsche, einem Spitzenkissen und einer weichen Decke, schreit und kann sich einfach nicht beruhigen.

Fettkohle legt einen kleinen, runden Erdkloß, ein Spielzeug, in die Wiege. Das kleine Köhlchen betrachtet es eine Weile, mustert es ganz aufmerksam, und fängt dann nur noch bitterer an zu weinen. Da schenkt ihm Magerkohle, die dicker aussieht als Fettkohle, einen leichten, zärtlichen Methankuss. Der Kleine ist überrascht und träumt eine Weile davon, dass man ihn so oft und zärtlich küssen wird. Doch schon bald erinnert er sich wieder daran, warum er geweint hat, und fängt von vorne an. Es ist unmöglich, ihn zu beruhigen. 

Die Großen beraten sich und beschließen, dass nur absolute Dunkelheit helfen kann. Die Kohle liebt sie, sie ist für sie so etwas wie reiner Zucker oder absolute Süße. Aber sie haben nicht mehr viel von dieser Dunkelheit übrig. Ihre Vorräte sind in den letzten vierhundert Jahren aufgebraucht worden, doch für den Kleinen ist noch etwas griffbereit. Gaskohle verschwindet irgendwo auf dem Flur und kehrt mit einem kleinen Sack voll Dunkelheit zurück, der sofort eine festliche Atmosphäre im Raum verbreitet. Und schon weint der Kleine nicht mehr, sondern betastet die Dunkelheit neugierig. Viele andere, die sich in der Nähe dieser Gesellschaft aufhalten, beschließen ebenfalls, näher zu kommen, um „in der Dunkelheit zu klopfen“. So nennen sie ihr Lieblingsvergnügen.

31.05.26 
Stell dir vor, gestern saß ich noch im Metamorphose. Und vor der Abreise beschloss ich, ins Nirvana zu gehen. Dabei hatte ich mir vorgenommen: Wenn es mir nicht gelingt, ins Nirvana zu kommen, nachdem ich das Zechengebäude mit der Aufschrift „Со счастьем наверх!“ gefunden habe, ist der Tag verloren. Ich muss es doch noch ins Nirvana schaffen. Das wird sicher die Unruhe ein wenig lindern, die mich daran hindert, die Stadt wahrzunehmen. Und so kam es auch.

Am Sonntag war niemand im Metamorphose. Natürlich will sich an so einem Sommertag niemand verändern. Gestern waren immerhin noch ein paar Leute hier. Vielleicht fällt es am Samstag leichter, Veränderungen zu akzeptieren, sich mit ihnen abzufinden. Aber am Sonntag wird ein ernsthafter Mensch jede Metamorphose meiden. Und nur ich saß, geplagt von meiner wachsenden Unruhe, allein in diesem leeren Café, hatte den Reiseführer und meinen Notizblock vor mir ausgebreitet und blickte auf die in unregelmäßiger Handschrift notierten Sätze, die sich am oberen Seitenrand drängten.

Gegenüber, in der Nische eines kleinen Ladens, saß ein Mann mit einem Stock, und alle, die vorbeikamen, grüßten ihn. Er saß da wie ein einsamer, eindringlicher Gedanke, mit dem man sich abfinden muss und den alle anderen Gedanken höchstwahrscheinlich sogar lieben. Sein Stock war das Komma, das diesen Gedanken trennte. Und seine Augen waren Doppelpunkte. Er bemerkte mich nicht, ich hatte mir vorgenommen, ihn zu fotografieren, aber so, dass man ihn nicht erkennen konnte. Das Vorhaben war töricht, und die Kamera kam mir sehr schwer vor. 

Andererseits würde sich der Mann, der in seiner Nische auf einem Stuhl sitzt, sodass die Passanten in einer Reihe an ihm vorbeiziehen, vielleicht sogar über ein Foto freuen, das hartnäckig seine Position auf dem Schachbrett wiederholt und vervielfältigt. 

Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr allein war. An dem Tisch hinter mir saßen zwei Menschen und schwiegen einander an. Sie war elegant gekleidet, die Ohrringe mit großen Perlen, über denen kleine lila Steine saßen, standen ihr gut. Sie trug ein leichtes, helles Kleid, das sich im Glanz der lila Steine widerzuspiegeln schien.  Mehrmals versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, doch er antwortete nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte oder den hartgesottenen, schweigsamen Mann spielte, der der Frau, mit der er schon seit vielen Jahren zusammen war, nichts zu sagen hatte. Sie sahen aus, als wären sie über siebzig.

Nach langem Schweigen begannen sie zu sprechen, aber sie sprachen wenig und sehr leise. Eine Replik, beschwert durch eine kurze Antwort, versank augenblicklich in der Stille. 

Ich senkte den Blick auf das Notizbuch, in das ich zufällige Sätze notiert hatte. Das Wort „Metamorphose“ wiederholte sich mehrmals, als würde ich versuchen, durch die Leere, die mich umhüllte, meine Hand nach der Aufschrift auf dem Ladenschild auszustrecken, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte. 

An der Wand hing auf einem Bügel ein gelbes Kleid mit Hyazinthenmuster; es stand zum Verkauf, ebenso wie all die anderen Kleinigkeiten, die auf den Regalen verteilt waren und deren einziger Zweck darin bestand, die offenen Schränke in den Wohnzimmern zu füllen. Doch sowohl solche Gegenstände als auch solche Wohnzimmer sind immer seltener anzutreffen. Ganz preiswerte Kristallvasen, Aschenbecher, Statuetten, Gläser, Holzfiguren – die zufällig die Form von Überraschung oder Freude angenommen hatten, etwas wie ein materialisiertes Lächeln. 

Ein Mann überquerte die Straße, die Sonne beleuchtete sein Gesicht, es wirkte freundlich und traurig, er schaute aufmerksam auf die Schaufensterfront des Cafés und winkte mir plötzlich lachend zu. Ich winkte zurück, als wären wir alte Bekannte. Er bog ab und ging auf das Café zu, in dem wir drei saßen. Ich vorn am Schaufenster, und die beiden weiter hinten, in der Tiefe des Raumes, hinter den zusammengeschobenen Tischen.

Er nickte mir freundlich zu und ging schnurstracks auf die beiden zu.

„Wie geht’s?“, fragte er. „Wie war’s in Bochum?“

„Die Operation ist gut verlaufen“, antwortete sie. „Jetzt sind wir wieder zurück. Eine Arterie ist verstopft bei ihm. Es ging aber schnell und jetzt geht’s wieder nach Hause. Bochum ist gut! Alles haben sie da neu gemacht.“

Ich hörte, wie sie das Krankenhaus in begeisterten Tönen beschrieb. Er hatte eine Operation hinter sich, deshalb war er so schweigsam. Es fiel ihm schwer zu sprechen, und er durfte sich nicht aufregen. Und doch wirkten sie wie ein älteres Paar, das sich zu einem Rendezvous verabredet hatte.

„Und wie geht es Ihnen?“ wandte sie sich an den neuen Besucher. „Gut im Geschäft?“

Er antwortete, dass er sich zuerst einen Espresso bestelle.

„Manchmal hoch, manchmal runter, wie es so ist“, sagte er und fragte mich, woher ich käme und ob ich für längere Zeit hier sei. Und dann, was genau ich da eigentlich in meinen  Block schreibe. 

Ich fühlte mich ertappt, weil ich versucht hatte, das gesamte vorangegangene Gespräch mitzuschreiben. Es gelang mir fast nichts, weil ich gleichzeitig in mehreren Sprachen mitschrieb und immer wieder zu den dümmsten Kommentaren über meinen Zustand abglitt – „Ich weiß immer noch nicht, was ich glauben soll“, «не понимаю, где я и не представляю, как понять».

Der neue Besucher sprach mit Akzent und erzählte im selben Atemzug, dass er aus Syrien stamme, aber schon seit über zehn Jahren in Sprockhövel lebe. Ihm gehöre der Laden, dessen Werbung ich unmöglich übersehen konnte: „Aber natürlich! Gleich hier um die Ecke! Eine Frau und ein Mann über die ganze Hauswand. Und das ist mein Geschäft!“

Ich war schon mehrmals an diesem großen Werbeplakat vorbeigegangen, konnte mich aber nicht erinnern, was darauf eigentlich abgebildet war.

„Meine Eltern wollten nicht, dass wir zusammen sind“, erzählte die Frau dem Besucher und mir zugleich. „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich einen Deutschen heirate, und er hat regelrecht darauf bestanden.  Aber ich war eine eigenständige Frau, wenn auch noch sehr jung, und ich sagte ihm, dass ich tun würde, was ich für richtig hielt.“

„Dein Vater hat getrunken! Er war ein Säufer!“, warf ihr Mann plötzlich ein wenig ärgerlich ein. 

„Ja, du hast recht, er hat getrunken. Wir haben uns an einem freien Tag kennengelernt. Unsere Familie und viele andere saßen im Café an den Tischen und spielten Karten. Und er stand von seinem Tisch auf, an dem er mit Freunden spielte, kam zu uns herüber und lernte mich kennen. Und später begannen wir, zusammenzuleben. Solche Entscheidungen traf ich selbst, ich habe niemanden um Erlaubnis gefragt.

„Und meine Oma hat sich gefreut! Sie mochte ihn so gerne, von Anfang an. Da hat sie eine schöne Flasche Wein auf den Tisch gestellt, sie hat auch Bretzeln gekauft und wartete auf uns beide.“

„Sie war eine kluge Frau!“, fügte er hinzu. 

„Aber wir wohnten nicht hier, wir wohnten in der Nähe, weil meine Fabrik und seine Arbeit dort waren. Und wir zogen erst hierher, als die Fabrik verlegt wurde. Wie lange sind wir schon nicht mehr gemeinsam in Italien gewesen!“

„Mehr als zehn Jahre!“, erwiderte er.

„Ja, mit dem Auto schafft man es nicht, denn er muss alleine fahren, ich habe keinen Führerschein. Aber bald werden wir hinfliegen – nur zwei Stunden, und schon sind wir bei unserer italienischen Familie. Wir werden endlich alle wiedersehen, wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen!“

Auf diese optimistische Äußerung antwortete er mit Schweigen. 

„Einst kamen Leute mit einer Bibel zu uns und behaupteten, wir müssten uns trennen, weil wir nicht verheiratet waren. Sie wollten uns auseinanderbringen.“

„Aber sie hat sie einfach aus dem Haus geworfen!“

„Ja, ich habe sie rausgeworfen. Sie verlangten von uns, dass wir heiraten. Aber das war unsere Sache, nicht ihre. Und ich habe nicht zugelassen, dass sie uns noch einmal besuchen.“ 

Sie kam mir vor wie ein Ritter in Rüstung, der fähig war, das Visier zu senken und jedem die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wenn es nötig war.

Der kürzlich eingetroffene Mann lächelte, trank seinen Espresso und sprach mit dem Paar weiter über das Wetter.

„Heute Morgen gab es ein Gewitter, habt ihr es gehört? In der Nähe unseres Hauses ist eine riesige Buche umgestürzt, die angeblich schon dreißig Jahre alt war.“

„Ich habe große Angst vor Donner, Blitzen und Gewittern,“ – sagte die Frau und sah ihren Mann an.

Er nickte, als würde er ihre Worte bestätigen:

„Sie hat große Angst.“

„Wirklich ihr ganzes Leben lang, von Kindheit an bis heute?“, fragte die Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.

„Ich habe panische Angst vor Knallkörpern, Feuerwerkskörpern, Böllern – vor allem, was zu Neujahr explodiert. Aber ich habe all das selbst hergestellt, als ich in einer Fabrik arbeitete, in der Feuerwerkskörper produziert wurden.

„Meine Hände waren oft bis zum Ellbogen verbrannt, die Beine voller Verbrennungen, aber ich habe weitergearbeitet. Dort habe ich vierzig Jahre lang gearbeitet! Dafür habe ich jetzt eine Rente. Und mein Mann arbeitete in der Fabrik nebenan. Ohne Unterbrechung. Zweiundfünfzig Jahre, hat er gearbeitet, samstags, sonntags, er wollte nichts anderes tun. Ich bin dann zu ihm gegangen, habe ihm Essen gebracht. Mit fünfzehn habe ich angefangen, ich wollte schon mit vierzehn, meine Mutter hat mich mitgenommen, ich wollte sofort für immer da in der Fabrik bleiben und arbeiten.“

„Ja, ich habe ohne Pause und ohne freie Tage gearbeitet, Doppelschicht, Dreifachschicht, ich wollte von nichts anderem wissen“, sagte der Mann. „Aber jetzt …“ Und er lächelte glücklich.

„War die Arbeit wirklich so gefährlich?“, fragte ich die Frau.

„Drei Frauen sind ums Leben gekommen, verbrannt. Und einmal kam ein Mechaniker schlecht gelaunt zur Arbeit, er war wütend, rasend, und seine Wut übertrug sich auf die Maschine, er machte alles unaufmerksam. Ich bat ihn: „Seien Sie nicht so wütend, machen Sie ruhiger“, aber er schrie nur: „Sie verstehen doch gar nichts!“ Da fing die Maschine Feuer. Und er war, wie immer, mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub bedeckt. Er bereitete sie für uns Frauen vor, und wir erledigten den Rest. Man versuchte, ihn zu retten, aber er hat es nicht geschafft; man brachte ihn ins Krankenhaus, und er starb eine Woche später. Ich hatte Verbrennungen an den Beinen, den Armen, mein Hals war verbrannt. Und so ging es oft. 

„Man musste sehr auf die Kleidung achten – keine Synthetik – nur Baumwolle! Aber wir liebten unsere Arbeit. Hören Sie, kehren Sie nicht dorthin zurück, woher Sie kommen, in den Krieg. Sie sind doch aus der Ukraine. Dort dauert der Krieg an. Bleiben Sie hier, bei uns.“

„Oh! Da ruft mich jemand an!“, rief der Besucher aus Syrien fröhlich aus. „Das ist mein Schwager! Er ist im Libanon!“

„Was ist denn mit Ihrem Schwager? Ist er in Sicherheit?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, er ist mitten im Zentrum, dort ist alles vor Beschuss geschützt! Sie sind in Sicherheit!“

Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ihn selbst über mein Haus gesagt, das fast im Zentrum von Kyjiw liegt: «не беспокойтесь, центр защищен от обстрелов».

Der Besucher ging zu einem abseits stehenden Tisch und sprach laut auf Arabisch.

Irgendwann hielt er sein Handy in unsere Richtung. Ich sah ein angenehmes Gesicht und dunkles Haar und sprach hinein: „Hallo in den Libanon!“ Der Mann am Telefon lächelte und antwortete mir auf Arabisch. 

Das Telefonat war beendet, und der Mann schickte sich an zu gehen.

„Ich heiße Ammar, mit zwei „m““, sagte er. „Vergessen Sie die beiden „m“ nicht.“

Die Frau holte ein Foto aus ihrer Handtasche und zeigte es mir: „Hier bin ich noch ganz jung, ich stehe da, glücklich, und schaue irgendwohin. So war ich damals. Ich hatte lange Haare.“ Und dann: „Können Sie das nach Gehör aufschreiben? Ich heiße Erika.“

„Und Sie?“

„Vincenzo!“, sagte der Mann, als würde er viel Kraft in diesen Namen legen. Er klang klar und hell. 

„Und das Gewitter, das gerade jetzt beginnen sollte, wird nicht kommen. Sie können losgehen und sich die Stadt ansehen!“

Am selben Tag, aber am Morgen. Ein Gewitter

An diesem Tag begann um halb sieben Uhr morgens ein Gewitter. Das kleine Mädchen, die Tochter der Gastgeber, sagte, sie habe deshalb nicht schlafen können, aber der Donner habe ihr sehr gut gefallen. 

Wenig später machte sich ein Chirurg, der neben meinem Hotel wohnte, auf den Weg in den Wald, um die Äste eines vom Wind beschädigten Baumes zu stutzen. 

Das Mädchen hieß Malene, vielleicht aber auch hieß sie Marlene – das „r“ blieb unhörbar und unsichtbar, versank in ihrem Lachen, mit dem sie jeden ihrer Sätze begleitete. Am Tag vor unserem Spaziergang bat sie Boris Sieverts, das Alter ihrer älteren Schwester zu erraten. Er nannte sofort Malenes eigenes Alter, verpasste aber beim Erraten des Alters ihrer Schwester eine einzige Ziffer – die Acht. 

Als er alle anderen Zahlen nacheinander nannte, hörte er als Antwort ein lautes, langgezogenes „Neeeeein!“ und dann folgte ein immer ansteckenderes Lachen, das es mit einem Donnerschlag aufnehmen konnte. 

Glückauf 

Ein alter Gruß, der in Städten verbreitet war, in denen Kohle abgebaut wurde. Allein wegen dieser Inschrift wollte ich mir das Zechengebäude ansehen. Sie thronte über dem Eingang der Zeche, die ein wenig an einen Palast erinnerte. Ein einziges Wort, untrennbar, in dem das Glück mit dem Aufstieg und mit dem Finden verbunden ist.

Künstler*in

Open Artsit

© Yao Tsy

Yevgenia Belorusets

Yevgenia Belorusets' Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst und Aktivismus und lenken oft die Aufmerksamkeit auf die verletzlicheren Teile der ukrainischen Gesellschaft.

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