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Das 24/7-Bett
von Beatriz Colomina

© Henning Rogge

Übersetzung

Karen Witthuhn/Transfiction

Mit diesen perfekt abgeschirmten Minuten endete ihre Privatsphäre: Unmittelbar danach luden sie die Weltöffentlichkeit in ihr Flitterwochenbett in Zimmer 902 des Amsterdam Hilton International Hotel ein und hielten zwischen dem 25. und 31. März täglich von 9 bis 21 Uhr ein einwöchiges Bed-in for Peace ab. Zwei der berühmtesten Menschen der Welt setzten sich im Glaskubus des Hilton regelrecht auf den Präsentierteller. Und ihr Arbeitstag war um 21 Uhr nicht zu Ende. John und Yoko verkündeten wiederholt, in dieser Woche ein Kind zeugen zu wollen. Das Bett ist sowohl Ort des Protests als auch Kinderproduktionsfabrik: eine fucktory.

John und Yoko bewohnten das Zimmer nicht einfach, sondern verwandelten es nach ihren Vorstellungen in eine regelrechte Kulisse. Es ist also kein Zufall, dass die veröffentlichten Fotos sich dermaßen ähnlich sehen, denn im Prinzip war nur ein Blickwinkel möglich. Das Hotelzimmer war leergeräumt worden, Möbel, Kunstwerke und Dekorationen entfernt. Übrig blieb nur das Kingsize-Bett, das gezielt vor die bodenlange Glaswand mit Panoramablick auf Amsterdam geschoben worden war. Mit dem Fenster im Rücken blickten John und Yoko in das Zimmer hinein, im Stil von Adolf Loos, der immer das Sofa vor dem Fenster aufstellte und den Blick der Bewohner*innen, die für die Eintretenden zu Silhouetten wurden, in das Zimmerinnere richtete. Johns und Yokos Körper schienen im Gegenlicht und vor dem völlig in Weiß gehaltenen Hintergrund – weiße Wände, weiße Bettwäsche, weiße Schlafanzüge, weiße Blumen – über Amsterdam zu schweben.

Das Hotel steht mitten in der Stadt, wirkt aber wie losgelöst, wie eine transparente Oase. Aber was spielt sich draußen ab? Der Hintergrund ist das Amsterdam der kulturellen und sexuellen Revolution im Europa der 1960er-Jahre, der Experimente mit Sex, Drugs, Rock´n´Roll, des politischen Aktivismus und der Proteste – gegen den Vietnamkrieg, die Regierung, knappen Wohnraum und für Gleichberechtigung, Abtreibung und sogar alternative Transportmittel.

John Lennons und Yoko Onos 24/7-Bett ist ein Vorläufer des Arbeitsbetts von heute. 2012 berichtete das Wall Street Journal, dass achtzig Prozent der jungen New Yorker Berufstätigen regelmäßig vom Bett aus arbeiten – eine Zahl, die sich inzwischen erhöht haben dürfte. Die Fantasie des Homeoffice ist von der Realität des Bed Office abgelöst worden. Die Bedeutung des Wortes Office selbst hat sich verändert. Millionen verstreuter Betten haben die Funktion geballter Bürogebäude übernommen. Das Boudoir schlägt den Turm. Vernetzte elektronische Technologien sorgen dafür, dass vom Bett aus alles möglich ist. Aber wie sind wir dahingekommen?

In seinem berühmten Kurztext Louis-Philippe oder das Interieur schrieb Walter Benjamin über die Trennung von Arbeit und Heim im 19. Jahrhundert: „Unter Louis-Philippe betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz … Für den Privatmann tritt erstmals der Lebensraum in Gegensatz zu der Arbeitsstätte. Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement.“ (Walter Benjamin, 1978)

Die Industrialisierung brachte die 8-Stunden-Schicht und die radikale Trennung von Heim und Büro beziehungsweise Fabrik, von Erholung und Arbeit, Nacht und Tag. Die Postindustrialisierung drängt die Arbeit zurück ins Heim, weiter in die Schlafzimmer und bis in die Betten selbst hinein. Das ganze Universum ist in einem kleinen Bildschirm gebündelt, das Bett treibt in einem unendlichen Informationsmeer. Liegen bringt keine Ruhe, sondern Bewegung. Das Bett ist jetzt ein Ort des Handelns.

Der freiwillige Invalide benötigt keine Beine mehr. Das Bett ist zur ultimativen Prothese geworden, und eine ganze neue Industrie stellt Produkte bereit, die das Arbeiten im Liegen erleichtern – Lesen, Schreiben, Texten, Aufnehmen, Senden, Zuhören, Reden und natürlich Essen, Trinken, Schlafen oder Sex – Aktivitäten, die seit Neuestem ebenfalls als Arbeit betrachtet werden. Unzählige Ratgeber schlagen vor, wie man an persönlichen Beziehungen ‚arbeiten’, Sex mit dem*der Partner*in ‚einplanen’ kann. Auch das Schlafen ist für Millionen Menschen mittlerweile harte Arbeit, und die Psychopharmaindustrie stellt dafür jedes Jahr neue Pillen zur Verfügung, während ein Heer von Schlafexpert*innen Ratschläge gibt, wie sich dieses anscheinend immer flüchtigere Ziel erreichen lässt – natürlich alles im Namen der Produktivitätssteigerung. Alles, was man im Bett macht, ist Arbeit geworden.

Diese Philosophie wurde bereits in der Gestalt von Hugh Hefner verkörpert, der bekanntermaßen sein Bett und erst recht sein Haus nur sehr selten verließ. Als er 1960 die Playboy-Villa am 1340 North State Parkway, Chicago, bezog, sie zum Epizentrum seines Imperiums machte und seine Seidenpyjamas und Morgenmäntel zur Geschäftsgarderobe erklärte, verlegte er buchstäblich sein Büro in sein Bett. „Ich gehe überhaupt nie aus dem Haus!!! ... Ich bin ein moderner Eremit“, erzählte er Tom Wolfe und schätzte, dass er das Haus zuletzt vor dreieinhalb Monaten und in den vergangenen beiden Jahren insgesamt auch nur neun Mal verlassen hatte. Der Playboy verwandelt das Bett in einen Arbeitsplatz. Seit Mitte der 1950er-Jahre ist das Bett immer raffinierter gestaltet, mit allerlei Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräten ausgestattet und in eine Art Kommandozentrale transformiert worden.

Hefner war nicht der Einzige. Mitte des letzten Jahrhunderts war das Bett fast so etwas wie das ultimative amerikanische Büro. Truman Capote wurde 1957 in einem Interview mit der Paris Review gefragt, „Haben Sie bestimmte Schreibgewohnheiten? Sitzen Sie an einem Schreibtisch? Nutzen Sie eine Schreibmaschine?“, worauf er antwortete, „Ich bin ein gänzlich horizontaler Autor. Ich kann nur im Liegen denken, entweder liege ich im Bett oder auf einem Sofa ausgestreckt, eine Zigarette und einen Kaffee in Reichweite.“

Auch Architekten bezogen Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Bettbüros. Richard Neutras Arbeitstag begann mit dem Moment des Aufwachens. Mithilfe von ausgetüftelten Apparaturen war er in der Lage, im Bett Entwürfe anzufertigen, zu schreiben oder Interviews zu führen. Neutras Bett im VDL-Haus in Silver Lake, Los Angeles war mit zwei Telefonen sowie drei Kommunikationsstationen ausgestattet, von denen aus man mit anderen Räumen im Haus und sogar einem fünfhundert Meter weit entfernten Büro Verbindung aufnehmen konnte, mit drei verschiedenen Anrufklingeln, mit Zeichenbrettern und Staffeleien, die über das Bett geklappt wurden; das Licht und ein Radio-Grammofon wurden von einem am Kopfende angebrachten Armaturenbrett aus betätigt. Ein rollender Nachttisch enthielt ein Aufnahmegerät, eine elektrische Uhr und Schubladen für Zeichen- und Schreibmaterialien, damit Neutra, wie er seiner Schwester in einem Brief schrieb, „von morgens bis spät in die Nacht hinein jede Minute nutzen kann“.

Das Nachkriegsamerika führte das High-Performance-Bett als Epizentrum der Produktivität ein, eine neue Form der Industrialisierung, die in die ganze Welt exportiert wurde und heutzutage einer internationalen Armee verstreuter, aber miteinander vernetzter Produzent*innen zur Verfügung steht. Kompakte Elektronikgeräte und Extrakissen bilden eine neue Art von Fabrik ohne Wände für die 24/7-Generation.

Die Gerätschaften, die Hefner sich ausmalte (einige davon, wie beispielsweise der Anrufbeantworter, existierten damals noch nicht), sind für die Internet- und Social-Media-Generation noch erweitert worden, die nicht nur im Bett arbeitet, sondern dort auch Kontakte pflegt, Sport treibt, die Nachrichten liest und sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, die sich meilenweit entfernt von diesem Bett befinden. Die Playboy-Fantasie des netten Mädchens von nebenan wird heutzutage eher mit jemandem auf einem anderen Kontinent als im selben Haus oder in der Nachbarschaft Wirklichkeit – mit einem Menschen, den man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht nie wiedersehen wird und von dem man nur raten kann, ob er*sie echt oder eine elektronische Erfindung ist. Macht das einen Unterschied? In dem Film Her, eine bewegende Darstellung des Lebens in jenem weichen, gebärmutterartigen Zustand, der die logische Folge unserer neuen mobilen Technologien ist, ist die betreffende ‚Her’ (Sie) ein Betriebssystem, das sich als bessere Partnerin erweist als ein Mensch. Der Protagonist liegt mit ‚Her’ im Bett, sie reden, streiten, haben Sex und trennen sich schließlich, immer noch im Bett.

Wenn der Spätkapitalismus, wie Jonathan Crary meint, das Ende des Schlafens bedeutet und jede Minute unseres Lebens für Produktion und Konsum vereinnahmt, ist das Verhalten des freiwilligen Eremiten am Ende doch nicht so freiwillig. Die in der Stadt des 19. Jahrhunderts bestehende Trennung von Freizeit und Arbeit könnte bald überholt sein. Das Internet und die sozialen Medien haben nicht nur unsere Gewohnheiten und unseren Wohnraum verändert, auch die Prognose, dass neue Technologien und Robotisierung das Ende menschlicher Arbeit zur Folge haben, wird nicht länger als futuristisch abgetan. COVID hat den Stellenwert von Arbeit weiter verschoben und diese durch die Möglichkeit, zwischen flexiblem Arbeiten, reinem Homeoffice oder gar nicht arbeiten zu wählen, noch komplizierter gemacht.

Ökonom*innen fragen sich, welches Wirtschaftsmodell diese Realität hervorbringen wird: wachsende Ungleichheit mit hoher Massenarbeitslosigkeit oder umfangreiche Umverteilung in Form eines allgemeinen Grundeinkommens, wie es in der Schweiz vor einigen Jahren in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren haben Constant, Superstudio und Archizoom in utopischen Projekten das Ende der Lohnarbeit und ihre Ablösung durch kreative Freizeitaktivitäten ausgemalt, mitsamt hyperausgestatteten Betten. Sollten Architekt*innen sich nicht wieder dieser Frage widmen?

Inzwischen hat die Umgestaltung der Stadt begonnen. In der heutigen überstimulierten Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit ein immer flüchtigeres Gut wird, haben wir entdeckt, dass wir besser in kurzen Stößen arbeiten, gefolgt von Ruhepausen. Um die Produktivität zu maximieren, stellen viele Firmen in ihren Büros inzwischen Schlafnischen zur Verfügung. Bett und Büro sind in der 24/7-Welt nie weit voneinander entfernt. Für Büroräume sind spezielle, in sich geschlossene Betten erfunden worden, die sich in kompakte Kapseln verwandeln lassen, in Miniraumschiffe, die einzeln genutzt oder zum synchronisierten Schlafen zu Clustern oder Reihen aufgestellt werden können, und die als Teil, nicht als Gegenteil von Arbeit verstanden werden. Arianne Huffington sagte 2018 voraus, dass „Auftankräume so normal wie Konferenzräume sein werden“. Und nicht nur in Büroräumen halten diese Entspannungsbereiche und -technologien Einzug. In den Städten entstehen neuartige Gebäude, die ganz allein dem Schlafen dienen. Die Frage des Betts ist zu einer urbanen Frage geworden, zu einem der urbanen Themen, derer wir uns heutzutage annehmen müssen. 

Das Internet und die Sozialen Medien haben unsere Lebensräume, unsere Beziehung zu den Dingen und zueinander grundlegend verändert. Social Media ist eine neue Form der Urbanisierung, die Architektur unseres Zusammenlebens. Betten stellen die wichtigsten Verknüpfungspunkte in dem riesigen, unsichtbaren Netz des globalen Kommunikationssystems dar, das die reale Stadt von heute formt.

von Beatriz Colomina

Kamen

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Zeichnung, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Kamen und sein Kreuz von Kathrin Röggla

1. Vorher, ich will es ja wissen

Sehr viel Geographie in Kamen, zu viel für meine Vorstellung vom Ruhrgebiet. Vom Flüsschen Seseke zum Kurler Busch über das Heerener Holz unweit vom Haarstrang bis zum Kamener Kreuz. Gamer in Kamen, ja sicher. Groyper in Kamen? Keine Ahnung, werde es nicht herausfinden in der kurzen Zeit. Erwartung an Kamen – viel Busch, viel Wind, viel Herbst und Autobahn. Eine Kirche. Häuschen. Google Maps zeigt allerdings viele Cafés, das kann ich nicht glauben. Viermal so groß wie Bebra, das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Ich lese: „Die Hauptverbindungsstrecke zwischen der Kamener Innenstadt und Methler ist die Westicker Straße, die sich nach einem großzügigen Ausbau in den 1970er Jahren zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt hatte. Durch den Bau mehrerer Kreisverkehre wurde dieser Entwicklung begegnet.“ Der Unfallschwerpunkt lässt also grüßen, Kreisverkehre werden mich erwarten.

Es gibt ein Drachenflugfestival im Herbst. Getrennt von der Stadt durch Autobahntrassen.

Kommt man nach Kamen besser mit dem Auto? Das Wahrzeichen der Stadt ist schließlich ihr Autobahnkreuz.

90 Menschen leben nordöstlich des Kreuzes. So knapp 50.000 woanders. Eigentlich eine Mogelpackung: Heeren, Rottum, Derne, Heeren-Werve, Kamen-Süd, alles ein einziges Konglomerat. Kamen ist eine Shrinking City, bis 2050 nur noch 39.000. Eine alte SPD-Hochburg, die nun langsam nach Grün abgedriftet ist und jetzt auch AfD-Zuwachs zu verzeichnen hat. In der Kommunalwahl vom Wochenende wurde in Bergkamen per Los zwischen einem AfD-Kandidaten und einer SPD-Kandidatin entschieden. Eine andere Headline: „Darum dauert die Auszählung der Stimmen in Kamen so lang.“ 

Es ist die Stadt der Stauprognosen, ansonsten wie auch anderswo dort: Abibälle – Gesamtschule und Gymnasium, Stadtfeste, Volksfeste, Sparkassen Thriathlon – und irgendwo ein Schild mit „Ruhrpottfritten“.

Der Polizeifunk vermeldet, dass bei einem Einbruch Bargeld „und ein Haartrockner“ entwendet worden sei, sowie eine Cannabisfarm entdeckt und ein Zigarettenautomat gesprengt wurde. Eine Straße heißt „Am Geist“, da werde ich ankommen. Es ist tatsächlich eine Geistersstraße, werde ich feststellen.

2. Da sein

10.00: Die Rezeptionistin des Hotels im Süden kommt aus Bergkamen und beschwört täglich das Kamener Kreuz, das tatsächlich immer noch seinen Rang in den Verkehrsnachrichten verteidigt. Sie habe auf einer Urlaubsreise von hier nach Pforzheim 19 Baustellen gezählt. Das sei doch verrückt. Ja, ihre Gäste seien Leute, die hier in dem Industriegewerbe ringsum arbeiteten. Und die Spanier aus dem Frühstücksraum?, frage ich. Die würden zur Messe in Dortmund gehen, das sei zu teuer dort zu wohnen.

10.20: Die Tankstellenfrau aus Heeren-Werve kennt sich hier nicht aus. Sie kommt aus Kamen und das ist 5km entfernt. Ein niedriges Flugzeug erinnert mich daran, dass der Flughafen Dortmund nicht weit entfernt ist.

10.40: Die Apothekerin hält mich für eine Person aus Kamen. Das geht aber schnell hier.

Hinter mir Berichte über die Situation nach der Scheidung auf der Terrasse der Bäckerei Grobe, die beiden Frauenstimmen besprechen das, was man bekommt und was man bezahlt in verschiedenen beruflichen Situationen. Ansonsten Rentner, einer mit einem Cowboyhut, das hat mich interessiert. Wie kann man durch Kamen laufen als 85-jähriger mit Cowboyhut?

Es ist die merkwürdigste Form des Tourismus, die ich jemals machte. Denn natürlich sitze ich entrückt von jeglichem Alltag wie eine Touristin im Café und bestaune die Absonderlichkeiten der Provinz. Eine extrem angreifbare Position.

Ich lese: Wer die Meme Culture nicht versteht, und über den Attentäter von Charlie Kirk schreibt, der richte journalistisch mehr Schaden an als es was bringt, schreibt Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl. [1]

Die Frauen hinter mir sind aufgestanden, sie haben sich zum Abstand noch Komplimente über ihre Kleidung gemacht. Die ältere Frauenrunde drinnen spricht weiter. Sie sind zu viert, Eigentlich könnten sie Kartenspielen, wie meine Oma das gemacht hat. Ich werde Kartenspielen. Ganz sicher.

11.00: Bei Thalia ums Eck habe ich Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ über den Erfurter Amoklauf gekauft, sie hatten eine kleine Auswahl an Literatur da. Ich habe es gewählt, weil es so schön mündlich beginnt. Ein Gespräch im Fluss, das finde ich gut als Romanfang. Es wird dann sehr flüssig, vielleicht zu flüssig. „Gibt dem eine Chance“ sage ich mir auf der Terrasse der Bäckerei Grobe im 1. Stock. 

Von dort aus der Überblick. Gerade wirkt die Szenerie so: Die Leute wachen auf nach ihrem Berufsleben und gehen dann als Rentner durch ihre Städte und wundern sich? Viele haben diese zweifelnden Mienen. Verstärkt wird der Eindruck durch die Tatsache, dass zahlreiche ältere Leute mit kleinen Elektromobilen sich bewegen.

12.26 – der gelbe Prosegurwagen kommt durch, um 12.30 fährt er wieder weiter.

Seit 12.00 vermehrt junge Menschen. Sie sprechen in ihr Handy, sie unterhalten sich, sie schauen nicht misstrauisch drein. Sie telefonieren auch viel mehr als die älteren. Überhaupt viel mehr Stimmen. Es ist erstaunlich, wie sich die Stadt plötzlich füllt. Das Giraffengraffiti in der namenlosen Straße vor mir bleibt aber nach wie vor überraschend.

Die Anzeige für die Busabfahrten am Marktplatz ist so gehängt, dass man sie am besten aus dem Backcafé sehen kann.  Auf dem Einbahnstraßenschild klebt endlich ein Borussia-Dortmund-Aufkleber – darauf habe ich gewartet!

12.47: Der Mann, der die Zunge immer rausstreckt, kommt nochmal auf die ganz genau gleiche Weise vorbeigefahren, ich frage mich, ob das ein Glitch ist, eine Schleife.

13:08: Zuerst einzelne, jetzt ganze Gruppen an Schulkindern unterwegs. Die Stadt füllt sich schlagartig mit Stimmen.

14:20 Die Inhaberin des Asia Wok Laden und ich stellen fest, dass wir beide vor fünf Jahren aus Berlin weggezogen sind. Wir freuen uns, sind Artgenossen. Sie aus Pankow, ich aus Neukölln, sie habe aber eine Tante in Neukölln. Es sei hier in Kamen so wie in Pankow, grün und ruhiger. Ich befrage sie zur Geisterstraße „Am Geist“, denn da steht jede Menge leer. Coronaerbe, meint sie, nach Corona gab es einige Pleiten, darunter auch das große Hotel, das ihr gegenüber ist. Die ganze Straße ist sehr gespenstisch.

15:00 Ausflug nach Bergkamen und hinauf auf die Halde Großes Holz, um einmal von oben alles zu sehen: das ist das Ruhrgebiet von oben. Der Schock des großen ehemaligen Zechengeländes und der Industriekomplexe in Bergkamen weicht hier einem grünen Eindruck. „Das Ruhrgebiet ist von oben grün“ wird auch jemand später sagen. Mit mir Hundebesitzer, Radler, unten dann Jugendliche, die im Auto sitzen bleiben, auf dem Rückweg der Partyservice am Straßenrand. Die vielen Buslinien. 

16.00: Der Marktplatz, das würde ich zurück in Kamen im Café erfahren, sei abends von Alkis besetzt, da gab es oft Schlägereien, man müsse alles reinräumen, rechtsrum ist die Drogenszene, aber jetzt sei das Ordnungsamt am Platz, und das hilft. Im Grunde wiederholt sie die immer wieder gehörte Erzählung einer shrinking city, wie Alles immer schlechter, die Läden machten alle schon um 16.00 zu und seien zum größten Teil abgewandert. Deichmann, Karstadt, Schlecker. Alles weg, die Boutiquen, die Kneipen, der Bäcker am Platz, alles weg, keine Leute finde man mehr, keine Arbeitskräfte, aber das sei überall so. Später werde ich sehr wohl Deichmann finden und auch sehen, dass einige Geschäfte noch offen haben.

Die Cafébetreiberin erzählt, sie habe früher das Krankenhauscafé gemacht, jetzt sei sie seit fünf Jahren hier, die fünf Jahre, die Zeit der Pandemie scheint alles verändert zu haben in dieser Stadt. Der Platz sei nicht schön, da sei nichts bunt, sie würde am liebsten alles betonieren und Schulklassen den Asphalt bunt bemalen lassen. Warum denn das? Die alten Leute stürzten hier bei dem Pflaster. Was sie schon für Stürze gesehen habe! Sie lebe von 80% Stammkunden, morgens war das Café übervoll. „Unna ist ganz anders.“

18.00 Verschränkter Herbst: Mal kalt, mal warm, die Luft ist durcheinander. Gleich gibt es die Afterworkparty organisiert von der „Familienbande“, die uns vielleicht Konkurrenz machen wird. Aber es wird alles ganz anders. Alle Stühle und Sitzgelegenheiten sind besetzt, als die Kolumnen der Kamenerin Esra Canpalat zu hören sind. Hinter ihr werden die wunderbaren Fotos von Fatih Kurçeren projiziert, Portraits der oft jugendlichen Bewohner*innen, Sites. Sie zeigen mir die involvierte Seite der Beobachtung, die meine touristischen Schnappschüsse blass aussehen lassen, denn natürlich habe ich gemacht, was Großstädterinnen immer machen, nämlich das Skurrile der Provinz zu fotografieren. Hinter mir sitzen die beiden Verantwortlichen aus der Stadtbibliothek. Irgendwer sagte den Satz. „Das Beste an Kamen ist, dass man mit der Bahn in nur zehn Minuten nach Dortmund kommt.“ Ich glaube dieser Aussage nicht.

3. Fortfahren

[1] https://www.moment.at/story/was-ist-ein-groyper/

Stopp

Open "Kamen"
Fotografie von Fatih Kurçeren: Ein Kind hängt an einer Metallstange auf einem Spielplatz, während andere Kinder daneben spielen.

Pithead © Fatih Kurçeren

18.9.25, 18–21 Uhr

Anschauen in Kamen

Kamen

Künstler*in

Open Artsit

© Jessica Schäfer

Kathrin Röggla

Kathrin Röggla (*1971 in Salzburg) lebt als Schriftstellerin in Köln und arbeitet als Prosa- und Theaterautorin. Zuletzt erschienen ihr Essayband Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen. (S.Fischer, 2025) und ihr Roman Laufendes Verfahren (S.Fischer, 2023).

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