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Das 24/7-Bett
von Beatriz Colomina

© Henning Rogge

Übersetzung

Karen Witthuhn/Transfiction

Mit diesen perfekt abgeschirmten Minuten endete ihre Privatsphäre: Unmittelbar danach luden sie die Weltöffentlichkeit in ihr Flitterwochenbett in Zimmer 902 des Amsterdam Hilton International Hotel ein und hielten zwischen dem 25. und 31. März täglich von 9 bis 21 Uhr ein einwöchiges Bed-in for Peace ab. Zwei der berühmtesten Menschen der Welt setzten sich im Glaskubus des Hilton regelrecht auf den Präsentierteller. Und ihr Arbeitstag war um 21 Uhr nicht zu Ende. John und Yoko verkündeten wiederholt, in dieser Woche ein Kind zeugen zu wollen. Das Bett ist sowohl Ort des Protests als auch Kinderproduktionsfabrik: eine fucktory.

John und Yoko bewohnten das Zimmer nicht einfach, sondern verwandelten es nach ihren Vorstellungen in eine regelrechte Kulisse. Es ist also kein Zufall, dass die veröffentlichten Fotos sich dermaßen ähnlich sehen, denn im Prinzip war nur ein Blickwinkel möglich. Das Hotelzimmer war leergeräumt worden, Möbel, Kunstwerke und Dekorationen entfernt. Übrig blieb nur das Kingsize-Bett, das gezielt vor die bodenlange Glaswand mit Panoramablick auf Amsterdam geschoben worden war. Mit dem Fenster im Rücken blickten John und Yoko in das Zimmer hinein, im Stil von Adolf Loos, der immer das Sofa vor dem Fenster aufstellte und den Blick der Bewohner*innen, die für die Eintretenden zu Silhouetten wurden, in das Zimmerinnere richtete. Johns und Yokos Körper schienen im Gegenlicht und vor dem völlig in Weiß gehaltenen Hintergrund – weiße Wände, weiße Bettwäsche, weiße Schlafanzüge, weiße Blumen – über Amsterdam zu schweben.

Das Hotel steht mitten in der Stadt, wirkt aber wie losgelöst, wie eine transparente Oase. Aber was spielt sich draußen ab? Der Hintergrund ist das Amsterdam der kulturellen und sexuellen Revolution im Europa der 1960er-Jahre, der Experimente mit Sex, Drugs, Rock´n´Roll, des politischen Aktivismus und der Proteste – gegen den Vietnamkrieg, die Regierung, knappen Wohnraum und für Gleichberechtigung, Abtreibung und sogar alternative Transportmittel.

John Lennons und Yoko Onos 24/7-Bett ist ein Vorläufer des Arbeitsbetts von heute. 2012 berichtete das Wall Street Journal, dass achtzig Prozent der jungen New Yorker Berufstätigen regelmäßig vom Bett aus arbeiten – eine Zahl, die sich inzwischen erhöht haben dürfte. Die Fantasie des Homeoffice ist von der Realität des Bed Office abgelöst worden. Die Bedeutung des Wortes Office selbst hat sich verändert. Millionen verstreuter Betten haben die Funktion geballter Bürogebäude übernommen. Das Boudoir schlägt den Turm. Vernetzte elektronische Technologien sorgen dafür, dass vom Bett aus alles möglich ist. Aber wie sind wir dahingekommen?

In seinem berühmten Kurztext Louis-Philippe oder das Interieur schrieb Walter Benjamin über die Trennung von Arbeit und Heim im 19. Jahrhundert: „Unter Louis-Philippe betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz … Für den Privatmann tritt erstmals der Lebensraum in Gegensatz zu der Arbeitsstätte. Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement.“ (Walter Benjamin, 1978)

Die Industrialisierung brachte die 8-Stunden-Schicht und die radikale Trennung von Heim und Büro beziehungsweise Fabrik, von Erholung und Arbeit, Nacht und Tag. Die Postindustrialisierung drängt die Arbeit zurück ins Heim, weiter in die Schlafzimmer und bis in die Betten selbst hinein. Das ganze Universum ist in einem kleinen Bildschirm gebündelt, das Bett treibt in einem unendlichen Informationsmeer. Liegen bringt keine Ruhe, sondern Bewegung. Das Bett ist jetzt ein Ort des Handelns.

Der freiwillige Invalide benötigt keine Beine mehr. Das Bett ist zur ultimativen Prothese geworden, und eine ganze neue Industrie stellt Produkte bereit, die das Arbeiten im Liegen erleichtern – Lesen, Schreiben, Texten, Aufnehmen, Senden, Zuhören, Reden und natürlich Essen, Trinken, Schlafen oder Sex – Aktivitäten, die seit Neuestem ebenfalls als Arbeit betrachtet werden. Unzählige Ratgeber schlagen vor, wie man an persönlichen Beziehungen ‚arbeiten’, Sex mit dem*der Partner*in ‚einplanen’ kann. Auch das Schlafen ist für Millionen Menschen mittlerweile harte Arbeit, und die Psychopharmaindustrie stellt dafür jedes Jahr neue Pillen zur Verfügung, während ein Heer von Schlafexpert*innen Ratschläge gibt, wie sich dieses anscheinend immer flüchtigere Ziel erreichen lässt – natürlich alles im Namen der Produktivitätssteigerung. Alles, was man im Bett macht, ist Arbeit geworden.

Diese Philosophie wurde bereits in der Gestalt von Hugh Hefner verkörpert, der bekanntermaßen sein Bett und erst recht sein Haus nur sehr selten verließ. Als er 1960 die Playboy-Villa am 1340 North State Parkway, Chicago, bezog, sie zum Epizentrum seines Imperiums machte und seine Seidenpyjamas und Morgenmäntel zur Geschäftsgarderobe erklärte, verlegte er buchstäblich sein Büro in sein Bett. „Ich gehe überhaupt nie aus dem Haus!!! ... Ich bin ein moderner Eremit“, erzählte er Tom Wolfe und schätzte, dass er das Haus zuletzt vor dreieinhalb Monaten und in den vergangenen beiden Jahren insgesamt auch nur neun Mal verlassen hatte. Der Playboy verwandelt das Bett in einen Arbeitsplatz. Seit Mitte der 1950er-Jahre ist das Bett immer raffinierter gestaltet, mit allerlei Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräten ausgestattet und in eine Art Kommandozentrale transformiert worden.

Hefner war nicht der Einzige. Mitte des letzten Jahrhunderts war das Bett fast so etwas wie das ultimative amerikanische Büro. Truman Capote wurde 1957 in einem Interview mit der Paris Review gefragt, „Haben Sie bestimmte Schreibgewohnheiten? Sitzen Sie an einem Schreibtisch? Nutzen Sie eine Schreibmaschine?“, worauf er antwortete, „Ich bin ein gänzlich horizontaler Autor. Ich kann nur im Liegen denken, entweder liege ich im Bett oder auf einem Sofa ausgestreckt, eine Zigarette und einen Kaffee in Reichweite.“

Auch Architekten bezogen Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Bettbüros. Richard Neutras Arbeitstag begann mit dem Moment des Aufwachens. Mithilfe von ausgetüftelten Apparaturen war er in der Lage, im Bett Entwürfe anzufertigen, zu schreiben oder Interviews zu führen. Neutras Bett im VDL-Haus in Silver Lake, Los Angeles war mit zwei Telefonen sowie drei Kommunikationsstationen ausgestattet, von denen aus man mit anderen Räumen im Haus und sogar einem fünfhundert Meter weit entfernten Büro Verbindung aufnehmen konnte, mit drei verschiedenen Anrufklingeln, mit Zeichenbrettern und Staffeleien, die über das Bett geklappt wurden; das Licht und ein Radio-Grammofon wurden von einem am Kopfende angebrachten Armaturenbrett aus betätigt. Ein rollender Nachttisch enthielt ein Aufnahmegerät, eine elektrische Uhr und Schubladen für Zeichen- und Schreibmaterialien, damit Neutra, wie er seiner Schwester in einem Brief schrieb, „von morgens bis spät in die Nacht hinein jede Minute nutzen kann“.

Das Nachkriegsamerika führte das High-Performance-Bett als Epizentrum der Produktivität ein, eine neue Form der Industrialisierung, die in die ganze Welt exportiert wurde und heutzutage einer internationalen Armee verstreuter, aber miteinander vernetzter Produzent*innen zur Verfügung steht. Kompakte Elektronikgeräte und Extrakissen bilden eine neue Art von Fabrik ohne Wände für die 24/7-Generation.

Die Gerätschaften, die Hefner sich ausmalte (einige davon, wie beispielsweise der Anrufbeantworter, existierten damals noch nicht), sind für die Internet- und Social-Media-Generation noch erweitert worden, die nicht nur im Bett arbeitet, sondern dort auch Kontakte pflegt, Sport treibt, die Nachrichten liest und sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, die sich meilenweit entfernt von diesem Bett befinden. Die Playboy-Fantasie des netten Mädchens von nebenan wird heutzutage eher mit jemandem auf einem anderen Kontinent als im selben Haus oder in der Nachbarschaft Wirklichkeit – mit einem Menschen, den man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht nie wiedersehen wird und von dem man nur raten kann, ob er*sie echt oder eine elektronische Erfindung ist. Macht das einen Unterschied? In dem Film Her, eine bewegende Darstellung des Lebens in jenem weichen, gebärmutterartigen Zustand, der die logische Folge unserer neuen mobilen Technologien ist, ist die betreffende ‚Her’ (Sie) ein Betriebssystem, das sich als bessere Partnerin erweist als ein Mensch. Der Protagonist liegt mit ‚Her’ im Bett, sie reden, streiten, haben Sex und trennen sich schließlich, immer noch im Bett.

Wenn der Spätkapitalismus, wie Jonathan Crary meint, das Ende des Schlafens bedeutet und jede Minute unseres Lebens für Produktion und Konsum vereinnahmt, ist das Verhalten des freiwilligen Eremiten am Ende doch nicht so freiwillig. Die in der Stadt des 19. Jahrhunderts bestehende Trennung von Freizeit und Arbeit könnte bald überholt sein. Das Internet und die sozialen Medien haben nicht nur unsere Gewohnheiten und unseren Wohnraum verändert, auch die Prognose, dass neue Technologien und Robotisierung das Ende menschlicher Arbeit zur Folge haben, wird nicht länger als futuristisch abgetan. COVID hat den Stellenwert von Arbeit weiter verschoben und diese durch die Möglichkeit, zwischen flexiblem Arbeiten, reinem Homeoffice oder gar nicht arbeiten zu wählen, noch komplizierter gemacht.

Ökonom*innen fragen sich, welches Wirtschaftsmodell diese Realität hervorbringen wird: wachsende Ungleichheit mit hoher Massenarbeitslosigkeit oder umfangreiche Umverteilung in Form eines allgemeinen Grundeinkommens, wie es in der Schweiz vor einigen Jahren in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren haben Constant, Superstudio und Archizoom in utopischen Projekten das Ende der Lohnarbeit und ihre Ablösung durch kreative Freizeitaktivitäten ausgemalt, mitsamt hyperausgestatteten Betten. Sollten Architekt*innen sich nicht wieder dieser Frage widmen?

Inzwischen hat die Umgestaltung der Stadt begonnen. In der heutigen überstimulierten Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit ein immer flüchtigeres Gut wird, haben wir entdeckt, dass wir besser in kurzen Stößen arbeiten, gefolgt von Ruhepausen. Um die Produktivität zu maximieren, stellen viele Firmen in ihren Büros inzwischen Schlafnischen zur Verfügung. Bett und Büro sind in der 24/7-Welt nie weit voneinander entfernt. Für Büroräume sind spezielle, in sich geschlossene Betten erfunden worden, die sich in kompakte Kapseln verwandeln lassen, in Miniraumschiffe, die einzeln genutzt oder zum synchronisierten Schlafen zu Clustern oder Reihen aufgestellt werden können, und die als Teil, nicht als Gegenteil von Arbeit verstanden werden. Arianne Huffington sagte 2018 voraus, dass „Auftankräume so normal wie Konferenzräume sein werden“. Und nicht nur in Büroräumen halten diese Entspannungsbereiche und -technologien Einzug. In den Städten entstehen neuartige Gebäude, die ganz allein dem Schlafen dienen. Die Frage des Betts ist zu einer urbanen Frage geworden, zu einem der urbanen Themen, derer wir uns heutzutage annehmen müssen. 

Das Internet und die Sozialen Medien haben unsere Lebensräume, unsere Beziehung zu den Dingen und zueinander grundlegend verändert. Social Media ist eine neue Form der Urbanisierung, die Architektur unseres Zusammenlebens. Betten stellen die wichtigsten Verknüpfungspunkte in dem riesigen, unsichtbaren Netz des globalen Kommunikationssystems dar, das die reale Stadt von heute formt.

von Beatriz Colomina

Holzwickede

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Zeichnung, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Die wirkliche Emscherquelle von Josefine Soppa

Die Liste aller Straßen von Holzwickede zeigt, dass auffallend viele Straßen nach Flora und Fauna benannt sind. Wenige Menschennamen. Das geht schon mal gut los, denk ich, so hat man automatisch auch weniger Täternamen, das ist gut für eine Stadt. 
Ich war überzeugt davon, dass Holzwickede nach der Pflanze Holzwicke benannt ist. Es gibt aber gar keine Pflanze mit der Bezeichnung Holzwicke. Es gibt zwar verschiedene Wicken-Arten, aber keine Holz-Wicke. Ich denke an meinen Vater, weil mein Vater ein Gärtner war. 
Holzwickede kommt von Siedlung oder Rodung im Wald. Von da aus gings los. Aus dem Wald heraus ging es los mit der Stadt. Ein Zentrum im Holzigen. 
Ich lese in einer Instastory einen Textauszug von Joseph Albernaz „Oracle of Woods: Ecologies of Abandonment“ vom Wald als Schatten der Zivilisation. Geteilt hat den Auszug die Kuratorin Andrea Popelka, deren Ausstellung Genossin Sonne gerade im Dortmunder U gezeigt wird, deren Besuch ich eigentlich mit meinem Holzwickede Aufenthalt verbinden wollte. Das geht ja schon mal gut los, dachte ich, immer ist da ein Zusammenhang, immer lässt sich eins mit dem anderen verbinden. Aber dann musste ich meine Pläne umschmeißen, mein essayistisches Effizienzdenken wurde von der Sorgerealität und den Umständen auf die Probe gestellt, mein Kind musste mit auf Recherchereise.
Ich überredete dann M. mit Hilfe des Waldes, mich mit dem Kind nach Holzwickede zu begleiten, damit ich ein paar Hände frei hätte zum Notieren, damit ich nicht alleine nach der nächsten Wickelgelegenheit Ausschau halten müsste. Ich versicherte ihr, dass wir ganz viel durch den Wald wandern würden, dass wir die Emscher entlang laufen würden, bis wir zu ihrer Quelle kommen würden und wie episch das wäre. 
Wir sind nicht durch den Wald gelaufen, wir sind nur Asphalt gegangen und zur Quelle sind wir auch nicht gekommen, wir haben uns mehr als einmal verirrt und ich habe es ihr nicht gesagt, es war trotzdem episch und erschöpfend. So wie eine Quelle episch und erschöpfend ist und nicht aufhört. Wahrscheinlich ist es immer genauso episch irgendwo anzukommen wie irgendwo nicht anzukommen.

Ich geh nach Holzwickede. Die Veranstaltung heißt Mäandern in Holzwickede. Das geht ja schon gut los, denk ich; Mäandern, ich kann nichts anderes. Was natürlich nicht stimmt, ich kann alles andere außer Mäandern. Der Text kann es besser als ich. 
Ich habe zwei Bücher dabei: Hubert Kurowski: Die Emscher. Geschichte und Geschichten einer Flusslandschaft. Und: Vilém Flusser: Die Schrift 
Gerade abgebrochen habe ich: Kate Zambreno: Drift. 
Trotzdem muss ich jetzt die ganze Zeit an dieses Buch über das Abschweifen, das Notieren und das Uneigentliche denken, dass das Driften dem Mäandern wahrscheinlich nah ist. 

Man kann genau an der Randkante von Holzwickede entlanglaufen. Die Grenze ist der Flughafen, der in Dortmund liegt. Und man läuft also in Holzwickede die Chaussee am Zaun entlang neben der Rollbahn und sieht die Flugzeuge starten. So stelle ich mir das vor, als ich unsere Route per maps plane. An der Chaussee an der Rollbahn an der Grenze gibt es eine winzig kleine Bude und ich überlege, ob es überhaupt noch möglich ist, in einem Ruhrgebietstext über eine Bude zu schreiben. Ich muss das gar nicht entscheiden, denn wir werden nicht zur Chaussee kommen, wir werden nichts an der Bude kaufen. Wir werden die startenden Flugzeuge nur aus zweiter Reihe sehen. Und uns irgendwann fragen, warum wir nur Flugzeuge starten sehen und kein einziges landen. 

Ich lese die Liste der Straßen in Holzwickede und ich lese die Liste der Flüge für den 11.12.2025. Mir gefällt das schon, aus Listen etwas zusammenzureimen, sozusagen aus Zahlen Geschichten machen. Ab wann kann ich über die Stadt schreiben? Von wo aus? Wenn ich in der Stadt bin, direkt im Gehen notieren? Danach erst, wenn ich in ihr gewesen bin? Wenn die Gedanken Zeit hatten, etwas einzusickern und sich zu verbinden mit den Eindrücken, den Gefühlen, die man hatte am Fuß des Gewerbegebiets, mit sich verringernden Feldern und Solarpanels wie Nutztiere auf Weiden eingezäunt, mit Blick auf unzählige Kondensstreifen und man denkt, da ist ja noch viel Platz in der Welt. Oder mitten im Sonnenuntergang auf einem Themenspielplatz mit dem Thema Zeche und bekletterbarem Förderturm und kein Kind ist da. Oder vor einem Baum, der mitten im Rathaus steht, das so neu und sauber ist, dass alle bemerken, dass der Dreck auf dem Boden von den eigenen Schuhen stammen muss, mit denen man sich den Tag über im Ländlichen verirrt hat.
Vielleicht kann man über Städte nur schreiben, bevor man in ihnen war. 
Vielleicht ist man heutzutage aber immer schon in allen Städten gewesen. Weil man potenziell in allen Städten sein kann. Weil jeder Ort einen digitalen Zwilling hat.  

Wenn ich über das Ruhrgebiet nachdenke, oder wenn ich im Ruhrgebiet bin, was dasselbe ist, dann denke ich über alles unter dem Prinzip der Umnutzung nach. Umnutzung als Praxis oder Therapie, wie man sagen würde. Die Umnutzung von Gebieten, Landschaften, Arbeitskräften, Orten und

Zwecken. Die Umnutzungen von Lebensentwürfen. Die notwendigen Umnutzungen, um Durchzukommen.
Wenn eine Verwendung plötzlich anders verwendet wird. Wenn dort die Erde ausgebeutet wurde, bis sie leer ging und dann entsteht da notgedrungen etwas anderes. Dann ist ein Ort der Arbeit plötzlich ein Erholungsort und Menschen klettern auf eine Halde, um sich einen sonntagnachmittaglang selbst zu vergessen oder ihren Enkeln irgendwas in der Ferne zu zeigen oder einen Drachen steigen zu lassen.
Dann kam das dann kam das dann das dann kam das, denke ich.

Dann ging das aus, dann war dieser Rohstoff erschöpft, dann war dieser Landstrich erschöpft, dann diese Menschen, dann ging das aus, dafür wurde das gefunden, dann wurde das erfunden, dafür wurde das gebraucht, dann kam das dann kam das dann kam das wieder dann kam das.

Ich denke dann kam das gegen unendlich. 
Die Emscher ist die Entsprechung dieses Denkens. Die Emscher ist ein ewiges Dannkamdas. 

Ich denke mein Hang, alles unter dem Prinzip der Umnutzung zu betrachten, liegt daran, dass ich in  Oberhausen groß geworden bin, im Centro, dem Einkaufszentrum auf dem Industriegebiet unter dem Schlackeberg. Ich kann gar nicht abwarten, was in 100 Jahren dort sein wird. 
Ich schreibe über Oberhausen, obwohl ich mitten in Holzwickede bin. Schon wieder denke ich an meinen Vater. Ich kann das Ruhrgebiet nicht betreten, ohne über Oberhausen nachzudenken und das heißt, ohne über meinen Vater nachzudenken. Genaugenommen war meine Kindheit eine Grand Snail Tour durchs Ruhrgebiet. Mein Vater hat mich durchs komplette Ruhrgebiet mitgenommen, zu seinen Baustellen, im verrauchten Auto, unangeschnallt, ausgeleierte Radiofront, an guten Tagen mit dem LKW unterwegs, zu nah an die PKWs heranfahren, Baustoffe abliefern, ausmessen, Pflasterungen prüfen, Kundengespräche, meistens musste ich im Auto warten, immer in großer Angst, dass Radio würde die Batterie entleeren, wenn er sich noch länger Zeit ließ, aber ich schaltete es nie aus. Wir waren überall, manche Einfahrten und Vorgärten erkenne ich noch heute wieder. Nur in Holzwickede waren wir nicht. 

Überall irgendwelche Erhebungen im Stadtgebiet, ich finde sie nicht. 
Eine ehemalige Halde und noch eine. 
Hier auf der Zeche Caroline steht jetzt ein Pflegeheim. Alte und Pflegebedürftige werden dort untergebracht und versorgt. Sie sterben auch dort. Seit ein paar Jahren, seit mein Vater pflegebedürftig war, beschäftige ich mich mit den Sorgeverhältnissen in der Gesellschaft. Ich beginne erst langsam die Menschen von ihren Bedürfnissen her zu verstehen und die Gesellschaft als etwas, das nicht darauf ausgelegt ist, auf diese Bedürfnissen sorgsam zu antworten. Dass wir alle irgendwie versuchen durchzukommen und uns dabei über den Haufen rennen. 
Ich lese die Rezensionen des Pflegeheims auf dem ehemaligen Zechengebiet. Ich lese sie gierig und mehrmals und denke nur an meinen Vater. Die Rezensionen sind selbst Geschichten und Dramen. Rezensionen sind immer schon ein Text. Du kannst ja das Serviceinternet als Buch lesen, geschrieben von vielen für alle und dieses Buch gehört google. 
Ich sehe die Fotos, die manche Rezensionen begleiten. Die blaue Seilscheibe vor dem Heim  ist hübsch, sie stammt gar nicht aus der Zeche Caroline, lese ich, aber ich kann nicht finden, woher sie stattdessen kommt. Ich werde sie nicht in persona sehen. Ich bewege mich als Hybrid durch Holzwickede. Während wir zu Fuß Strecke machen, mache ich sie auch auf googlemaps und gehe noch weiter. Ich schließe die Links die geöffnet waren, während ich dort entlang ging, erst Wochen später und mancher Link führt Monate später noch ganz woanders hin. 
Wer sorgt und pflegt, muss lernen im Gehen, beim Stehen, Heben, Einkaufen, Kochen, Hieven, beim Tragen zu schreiben. 
Schreiben und Fürsorge sind digitale Zustände und vielleicht sind sie sogar derselbe Zustand, immer potenziell, immer potenziell erschöpft. Immer arbeitet es, während man etwas anderes arbeitet. Das Handy macht unbemerkt ein Update in der Tasche, weil es sich mit dem Wlan des Cafés wieder verbindet, in dem man irgendwann mal stundenlang saß und las und schrieb und, während man selbst hektisch den Kinderwagen am Fenster vorbeischiebt, in der Hoffnung der Schlaf würde über das Kind kommen, damit man diesen Gedanken, den man grad kaum zu fassen bekommt, oft vor sich hindenken und ausstaffieren kann, um ihn nicht zu vergessen, um ihn später irgendwann zu notieren. 

Mein Routenplan für Holzwickede wird sofort bei Ankunft über den Haufen geworfen. 
Ich hatte eigentlich geplant, dass sich das Kind erstmal auf dem Themenspielplatz Zeche Caroline austoben kann. Dann Snack, dann Windelnwechseln, dann Mittagsschlaf im Kinderwagen, sodass wir in der Zeit möglichst viel Strecke machen und möglichst viele Stationen sehen können, am Flughafen, im Gewerbegebiet und dann runter zur Emscherquelle, Wald, um dann fürs Mittagessen in der Innenstadt auszukommen und den Nachmittag im Emscherpark zu verbringen. Eine Route bestimmt durch die Bedürfnisse eines anderen. Ein Versuch, immer mindestens zwei Dinge zugleich zu tun. Effizientes Mäandern, das kann nur schief gehen.
Das Kind schläft dann sofort ein, als wir aus dem Zug aussteigen, beim ersten Luftzug von Holzwickede wird es ausgeknockt. Perplex steuere ich also direkt Richtung Flughafen und denke nur darüber nach, dass das Kind sehr hungrig und sehr bewegungsfreudig aufwachen wird, ich also bis dahin alles gesehen haben muss, was ich sehen muss.

Niemand spaziert hier, hier sind die Autobahnauffahrten und Abfahrten, da ist eine riesige Baustelle, das weiß googlemaps nicht.
Wir kommen über diese provisorische Ampel, aber da geht es nicht weiter, da ist ein Fußgänger- verboten- Schild und direkt davor, wie auf einem Schnappschuss, steht ein Paar fein säuberlich stehengelassene Schuhe. 
Wir probieren noch ein paar Mal die Autobahnüberführung zu überqueren, dahinter liegt der Flughafen, andauernd endet der Fußgängerweg, versickert. Ich denke an Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“, die den unmöglichen Versuch beschreibt, sich selbst aus dem Topographischen heraus zu erklären oder zu befreien.  
Wir geben auf, wir nehmen einen Umweg ins Gewerbegebiet, entlang der verzierten Schallschutzwand, die uns lange den Blick verstellt. 
Wir schieben den Kinderwagen abwechselnd durchs Gewerbegebiet, wir werden hier angeguckt, obwohl niemand zu sehen ist, niemand geht hier zu Fuß. Wir sind zwei Frauen, eine ältere, eine mittelalte und ein Baby, wir müssen weitergehen, ich habe endzeitliche Gefühle, aus einer Fabrik zischt und dampft es, ich habe das Gefühl wir müssen uns beeilen, uns fliegt gleich ein Kessel um die Ohren. 

In diesen Gebieten ist es immer auf eine bestimmte Art still, obwohl es überall arbeitet und deswegen arbeiten vielleicht auch die Gedanken besser. 
Ich denke daran, dass mir erzählt wurde, dass der Flughafen Dortmund, den wir nicht zu sehen bekommen, die meisten Flüge nach Osteuropa anbietet, dass hier Arbeiter*innen aus Osteuropa nach Deutschland kommen und zurück zu ihren Familien fliegen. Ich denke an die Arbeiten, die ich direkt assoziiere: Die Arbeit in den Schlachtfabriken und anderen Fabriken, die Arbeit auf dem Bau, die Saisonarbeiten, die Ernten, insbesondere das Spargelstechen, das Lastwagenfahren, die Putzdienste, die Pflege, die 24h Pflegedienste. 
Ich denke, wie man immer denkt, dass da schon jemand sein wird, der einen pflegen wird, wenn es soweit ist. Der einen hebt und schiebt und saubermacht und füttert. 
Dass es immer jemanden gibt, der die Arbeit machen wird, die Arbeit machen muss. 
Dass es immer noch ein Vorkommen geben wird, ein weiteres Stück Erde, ein weiterer Boden, aus dem Wasser austreten wird. Dass die Arbeit immer weitergehen wird.
Ich denke an Luca Bognannis Essay Zu den Gruben über ausgebeutete und abgearbeitete Landschaften und Menschen und die Umnutzungen von Kohle zu Künstlicher Intelligenz, die die Ausbeutungen in die Zukunft verlängern. In dem Essay gibt es die Formulierung der „Gewaltzusammenhänge zwischen den Gruben“ und ich glaube das Gewerbegebiet, der Flughafen, die Pflege und die Zeche sind diese Gruben und zwischen ihnen herrschen Gewaltzusammenhänge, sie sind von Lieferketten durchzogen und diese Lieferketten reichen in die Zukunft und die Vergangenheit, durchfließen die Zeiten wie die Emscher, selbst Lieferkette, trägt sie Sorge für die Abwässer der Menschen. 

Im Café Glück gibt es Stromausfall und jeden Tag Mittagstisch für 5 Euro. Sie ernähren das gesamte Gewerbegebiet. Wir sind hier Touristinnen, die die Flugzeuge anschauen wollen. Kann ich noch sagen, dass ich immer noch gerne in Gewerbegebiete gehe, über Autobahnbrücken und dass ich mir Flugzeuge beim Starten angucke, weil es sich anfühlt, als würde man selbst starten. 
Weil ich immer denke, es gebe etwas mehr zu finden an den Ausläufern der Stadt. Etwas mehr Wahrheit über den Warenverkehr. Über das Zusammenleben der Menschen in den Städten. 

M bleibt direkt hinter der Autobahnbrücke mit den aufsteigenden Flugzeugen vor einem unglaublichen Horizont in ihrem Rücken stehen, sich bückend, wie so oft, immer findet sie irgendein Gewächs irgendwo, oder eine ausgestorben geglaubte Salamanderart, eine verletzte Maus. Sie hat dafür einen Sinn, den nicht viele haben, eine Intuition für den Wegesrand. 
Hier, das ist eine Vogelwicke, sagt sie und zeigt auf einen nicht mal fingerlangen grünen Stengel mit rankenden Blättchen, der für mich kaum unterscheidbar ist von einem ebenso grünblättrigen Gewächs daneben. Später wird sie mir die blauvioletten länglichen Blüten in ihrem Bestimmungsbuch zeigen. Da steht: Der Name ist herabsetzend gemeint. Die Vogel-Wicke ist die für den Menschen nicht genießbare, den Vögeln überlassene Wicke. 

Man kann sich nicht vornehmen zu mäandern.

„Die wirkliche Emscherquelle" liegt etwa 2 km von der offiziellen Emscherquelle am Quellenhof. Die Navigation zur "wirklichen Emscherquelle" stimmt hinten und vorne nicht. Lediglich der VRR mit seiner Haltestelle "Emscherquelle" für die Buslinien 438 und R-50 liegt einigermassen richtig. Der von GoogleMaps genannte Fussweg von der Römerstrasse existiert nicht, sondern ist Feld (…).(Rezension von Jochen Ickert auf googlemaps) 
Eine Quelle ist an sich ja schon literarisch. Eine wirkliche Quelle ist superliterarisch.
Mithilfe der Sätze aufsuchen, wo diese Sätze ihre Herkunft haben oder behaupten. Aber dann findet man immer heraus, dass die Herkunft dieser Sätze nie nur einen Ursprung hat, sondern mal kommt da etwas dazu, mal da, mal da, dann das, dann das, dann sickert was ein, versickert, findet einen anderen Weg, wird eingeebnet, befreit sich davon, trocknet aus, überschwemmt, fließt und verteilt sich usw. 
Ich hätte die wirkliche Emscherquelle nicht erkannt, wenn ich sie aufgesucht hätte, weil ich fälschlicherweise mit schwallartigem Wasser von oben gerechnet hätte, so wasserfallartig, aber das Wasser kommt von unten, aus der Erde, steigt an manchen Stellen hoch, tritt an Land und sickert kaum wahrnehmbar als Flüsschen weiter. Genaugenommen ist es nicht nur eine Quelle, es sind mehrere Quellen aus denen die Emscher entspringt, Rinnsale, die sich finden und zusammentun, entschließen zu fließen. Die wirkliche Emscherquelle ist also auch wiederum nur eine von mehreren anderen wirklichen Emscherquellen. Ich sehe die wirkliche Emscherquelle in den Rezensionen. Die unscheinbare Mulde rührt mich. 

Wir gehen vorbei an geernteten Zuckerrüben in der Größe von kleinen Schädeln, unter einer grauen Plane quellen sie an allen Seiten heraus, zusammengehäuft zu einer Halde, als liegender Riese warten die Rüben auf ihren Abtransport. Man riecht schon was Erdiges, das ist tiefgründer, stickstoffhaltiger Lehmboden, wie ihn die Vogelwicke liebt, es ist ein klarer Tag, es gibt hier natürlich jede Menge Kondensstreifen, am laufenden Band wird gestartet und gelandet, das sind Abdrücke von Arbeit am Himmel, damit man da oben mitbekommt, was die Menschen alles leisten, das Baby schläft mit Sonne im Gesicht und wir laufen in die falsche Richtung, wir sprechen nicht, denken beide nach, wir laufen am Rand der Straße, es gibt keinen Weg für Fußgänger*innen, die Autos müssen abbremsen und ich denke, sie sind genervt darüber, nicht die Fahrer*innen, sondern tatsächlich die Autos, die diesen Landweg Richtung Mittagstisch und dann wieder zurück zur Schicht auswendig kennen wie die alten Nutztiere früher. Ich frage mich, ob M. sich fragt, was ich hier eigentlich mache, ob das mein Beruf ist, rumlaufen und nachdenken und notieren. 

Wir sehen einen Alten von hinten. Er kämpft sich mit seinem Rollator durch tiefen Matsch, eine halböffentliche Straße wie für Traktoren. Der Alte ist behände und zielstrebig, als wüsste er, dass ihn etwas Gutes erwartet. Wir bleiben mehrmals mit dem Kinderwagen stecken, wir schwitzen, aber wir müssen jetzt dadurch. Man darf hier nicht rein. Ich finde keine Koordinaten. Wir stehen vor einem Gut, das nicht in maps verzeichnet ist. Der Alte ist vom Erdboden verschluckt. Wir sind zu weit gelaufen, das ist gar nicht mehr Holzwickede, sage ich

Es gibt keine Möglichkeit mehr zur Emscherquelle zu kommen, bevor es dunkel wird und dann muss das Baby schon wieder etwas essen. Wir können nicht mehr, wir würden gerne Bus fahren, wir schleppen uns zum Zentrum der Stadt, wir essen, wir versuchen uns auszuruhen, wir sind zu weit gelaufen. Wir gehen in den Emscherpark, wir wollen nach Hause, ich will noch was sehen. Alle Eindrücke sind nur noch einzelne Sätze. 

Ein Alter ruft: zwei Hunde zwei Krücken, das kann entzücken 

M sagt: Oh liebe Emscher, hier bis du noch ganz jung und weißt von nichts, weißt nicht, was dir bevorsteht. Und ich frage mich, ob das eine Metapher ist. 

Wir legen unsere Smartphones zum Aufladen auf die Solarbank. Nichts passiert. Wahrscheinlich haben wir zu alte Betriebssysteme. Oder die Solarbank geht gar nicht mehr. Die Devices sind nicht kompatibel, das passiert meistens. Sollen wir uns setzen, wir können nicht mehr. 

Ich versuche jetzt noch einmal zur Quelle zu gelangen, ganz am Ende vom Text. In google street view ist es Spätsommer 22 und man sieht wie trocken die Wiesen sind, fast schon Stroh geworden von selbst und die kleinen Obstbäume, ich komme bis zu dem Parkplatz vom Quellhof, dann wird mein street view immer wieder automatisch zurückgesetzt, wie auf Anfang.

Stops

Open "Holzwickede"

© Amina Falah

11.12.25, 16–20 Uhr

Mäandern in Holzwickede

Holzwickede

Künstler*in

Open Artsit

© Harriet Meyer

Josefine Soppa

Josefine Soppa lebt als freie Autorin in Berlin. Für ihr Schreiben wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. beim open mike, von der Jürgen-Ponto Stiftung und mit dem Literatur Förderpreis des Landes NRW.

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