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Das 24/7-Bett
von Beatriz Colomina

© Henning Rogge

Übersetzung

Karen Witthuhn/Transfiction

Mit diesen perfekt abgeschirmten Minuten endete ihre Privatsphäre: Unmittelbar danach luden sie die Weltöffentlichkeit in ihr Flitterwochenbett in Zimmer 902 des Amsterdam Hilton International Hotel ein und hielten zwischen dem 25. und 31. März täglich von 9 bis 21 Uhr ein einwöchiges Bed-in for Peace ab. Zwei der berühmtesten Menschen der Welt setzten sich im Glaskubus des Hilton regelrecht auf den Präsentierteller. Und ihr Arbeitstag war um 21 Uhr nicht zu Ende. John und Yoko verkündeten wiederholt, in dieser Woche ein Kind zeugen zu wollen. Das Bett ist sowohl Ort des Protests als auch Kinderproduktionsfabrik: eine fucktory.

John und Yoko bewohnten das Zimmer nicht einfach, sondern verwandelten es nach ihren Vorstellungen in eine regelrechte Kulisse. Es ist also kein Zufall, dass die veröffentlichten Fotos sich dermaßen ähnlich sehen, denn im Prinzip war nur ein Blickwinkel möglich. Das Hotelzimmer war leergeräumt worden, Möbel, Kunstwerke und Dekorationen entfernt. Übrig blieb nur das Kingsize-Bett, das gezielt vor die bodenlange Glaswand mit Panoramablick auf Amsterdam geschoben worden war. Mit dem Fenster im Rücken blickten John und Yoko in das Zimmer hinein, im Stil von Adolf Loos, der immer das Sofa vor dem Fenster aufstellte und den Blick der Bewohner*innen, die für die Eintretenden zu Silhouetten wurden, in das Zimmerinnere richtete. Johns und Yokos Körper schienen im Gegenlicht und vor dem völlig in Weiß gehaltenen Hintergrund – weiße Wände, weiße Bettwäsche, weiße Schlafanzüge, weiße Blumen – über Amsterdam zu schweben.

Das Hotel steht mitten in der Stadt, wirkt aber wie losgelöst, wie eine transparente Oase. Aber was spielt sich draußen ab? Der Hintergrund ist das Amsterdam der kulturellen und sexuellen Revolution im Europa der 1960er-Jahre, der Experimente mit Sex, Drugs, Rock´n´Roll, des politischen Aktivismus und der Proteste – gegen den Vietnamkrieg, die Regierung, knappen Wohnraum und für Gleichberechtigung, Abtreibung und sogar alternative Transportmittel.

John Lennons und Yoko Onos 24/7-Bett ist ein Vorläufer des Arbeitsbetts von heute. 2012 berichtete das Wall Street Journal, dass achtzig Prozent der jungen New Yorker Berufstätigen regelmäßig vom Bett aus arbeiten – eine Zahl, die sich inzwischen erhöht haben dürfte. Die Fantasie des Homeoffice ist von der Realität des Bed Office abgelöst worden. Die Bedeutung des Wortes Office selbst hat sich verändert. Millionen verstreuter Betten haben die Funktion geballter Bürogebäude übernommen. Das Boudoir schlägt den Turm. Vernetzte elektronische Technologien sorgen dafür, dass vom Bett aus alles möglich ist. Aber wie sind wir dahingekommen?

In seinem berühmten Kurztext Louis-Philippe oder das Interieur schrieb Walter Benjamin über die Trennung von Arbeit und Heim im 19. Jahrhundert: „Unter Louis-Philippe betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz … Für den Privatmann tritt erstmals der Lebensraum in Gegensatz zu der Arbeitsstätte. Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement.“ (Walter Benjamin, 1978)

Die Industrialisierung brachte die 8-Stunden-Schicht und die radikale Trennung von Heim und Büro beziehungsweise Fabrik, von Erholung und Arbeit, Nacht und Tag. Die Postindustrialisierung drängt die Arbeit zurück ins Heim, weiter in die Schlafzimmer und bis in die Betten selbst hinein. Das ganze Universum ist in einem kleinen Bildschirm gebündelt, das Bett treibt in einem unendlichen Informationsmeer. Liegen bringt keine Ruhe, sondern Bewegung. Das Bett ist jetzt ein Ort des Handelns.

Der freiwillige Invalide benötigt keine Beine mehr. Das Bett ist zur ultimativen Prothese geworden, und eine ganze neue Industrie stellt Produkte bereit, die das Arbeiten im Liegen erleichtern – Lesen, Schreiben, Texten, Aufnehmen, Senden, Zuhören, Reden und natürlich Essen, Trinken, Schlafen oder Sex – Aktivitäten, die seit Neuestem ebenfalls als Arbeit betrachtet werden. Unzählige Ratgeber schlagen vor, wie man an persönlichen Beziehungen ‚arbeiten’, Sex mit dem*der Partner*in ‚einplanen’ kann. Auch das Schlafen ist für Millionen Menschen mittlerweile harte Arbeit, und die Psychopharmaindustrie stellt dafür jedes Jahr neue Pillen zur Verfügung, während ein Heer von Schlafexpert*innen Ratschläge gibt, wie sich dieses anscheinend immer flüchtigere Ziel erreichen lässt – natürlich alles im Namen der Produktivitätssteigerung. Alles, was man im Bett macht, ist Arbeit geworden.

Diese Philosophie wurde bereits in der Gestalt von Hugh Hefner verkörpert, der bekanntermaßen sein Bett und erst recht sein Haus nur sehr selten verließ. Als er 1960 die Playboy-Villa am 1340 North State Parkway, Chicago, bezog, sie zum Epizentrum seines Imperiums machte und seine Seidenpyjamas und Morgenmäntel zur Geschäftsgarderobe erklärte, verlegte er buchstäblich sein Büro in sein Bett. „Ich gehe überhaupt nie aus dem Haus!!! ... Ich bin ein moderner Eremit“, erzählte er Tom Wolfe und schätzte, dass er das Haus zuletzt vor dreieinhalb Monaten und in den vergangenen beiden Jahren insgesamt auch nur neun Mal verlassen hatte. Der Playboy verwandelt das Bett in einen Arbeitsplatz. Seit Mitte der 1950er-Jahre ist das Bett immer raffinierter gestaltet, mit allerlei Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräten ausgestattet und in eine Art Kommandozentrale transformiert worden.

Hefner war nicht der Einzige. Mitte des letzten Jahrhunderts war das Bett fast so etwas wie das ultimative amerikanische Büro. Truman Capote wurde 1957 in einem Interview mit der Paris Review gefragt, „Haben Sie bestimmte Schreibgewohnheiten? Sitzen Sie an einem Schreibtisch? Nutzen Sie eine Schreibmaschine?“, worauf er antwortete, „Ich bin ein gänzlich horizontaler Autor. Ich kann nur im Liegen denken, entweder liege ich im Bett oder auf einem Sofa ausgestreckt, eine Zigarette und einen Kaffee in Reichweite.“

Auch Architekten bezogen Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Bettbüros. Richard Neutras Arbeitstag begann mit dem Moment des Aufwachens. Mithilfe von ausgetüftelten Apparaturen war er in der Lage, im Bett Entwürfe anzufertigen, zu schreiben oder Interviews zu führen. Neutras Bett im VDL-Haus in Silver Lake, Los Angeles war mit zwei Telefonen sowie drei Kommunikationsstationen ausgestattet, von denen aus man mit anderen Räumen im Haus und sogar einem fünfhundert Meter weit entfernten Büro Verbindung aufnehmen konnte, mit drei verschiedenen Anrufklingeln, mit Zeichenbrettern und Staffeleien, die über das Bett geklappt wurden; das Licht und ein Radio-Grammofon wurden von einem am Kopfende angebrachten Armaturenbrett aus betätigt. Ein rollender Nachttisch enthielt ein Aufnahmegerät, eine elektrische Uhr und Schubladen für Zeichen- und Schreibmaterialien, damit Neutra, wie er seiner Schwester in einem Brief schrieb, „von morgens bis spät in die Nacht hinein jede Minute nutzen kann“.

Das Nachkriegsamerika führte das High-Performance-Bett als Epizentrum der Produktivität ein, eine neue Form der Industrialisierung, die in die ganze Welt exportiert wurde und heutzutage einer internationalen Armee verstreuter, aber miteinander vernetzter Produzent*innen zur Verfügung steht. Kompakte Elektronikgeräte und Extrakissen bilden eine neue Art von Fabrik ohne Wände für die 24/7-Generation.

Die Gerätschaften, die Hefner sich ausmalte (einige davon, wie beispielsweise der Anrufbeantworter, existierten damals noch nicht), sind für die Internet- und Social-Media-Generation noch erweitert worden, die nicht nur im Bett arbeitet, sondern dort auch Kontakte pflegt, Sport treibt, die Nachrichten liest und sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, die sich meilenweit entfernt von diesem Bett befinden. Die Playboy-Fantasie des netten Mädchens von nebenan wird heutzutage eher mit jemandem auf einem anderen Kontinent als im selben Haus oder in der Nachbarschaft Wirklichkeit – mit einem Menschen, den man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht nie wiedersehen wird und von dem man nur raten kann, ob er*sie echt oder eine elektronische Erfindung ist. Macht das einen Unterschied? In dem Film Her, eine bewegende Darstellung des Lebens in jenem weichen, gebärmutterartigen Zustand, der die logische Folge unserer neuen mobilen Technologien ist, ist die betreffende ‚Her’ (Sie) ein Betriebssystem, das sich als bessere Partnerin erweist als ein Mensch. Der Protagonist liegt mit ‚Her’ im Bett, sie reden, streiten, haben Sex und trennen sich schließlich, immer noch im Bett.

Wenn der Spätkapitalismus, wie Jonathan Crary meint, das Ende des Schlafens bedeutet und jede Minute unseres Lebens für Produktion und Konsum vereinnahmt, ist das Verhalten des freiwilligen Eremiten am Ende doch nicht so freiwillig. Die in der Stadt des 19. Jahrhunderts bestehende Trennung von Freizeit und Arbeit könnte bald überholt sein. Das Internet und die sozialen Medien haben nicht nur unsere Gewohnheiten und unseren Wohnraum verändert, auch die Prognose, dass neue Technologien und Robotisierung das Ende menschlicher Arbeit zur Folge haben, wird nicht länger als futuristisch abgetan. COVID hat den Stellenwert von Arbeit weiter verschoben und diese durch die Möglichkeit, zwischen flexiblem Arbeiten, reinem Homeoffice oder gar nicht arbeiten zu wählen, noch komplizierter gemacht.

Ökonom*innen fragen sich, welches Wirtschaftsmodell diese Realität hervorbringen wird: wachsende Ungleichheit mit hoher Massenarbeitslosigkeit oder umfangreiche Umverteilung in Form eines allgemeinen Grundeinkommens, wie es in der Schweiz vor einigen Jahren in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren haben Constant, Superstudio und Archizoom in utopischen Projekten das Ende der Lohnarbeit und ihre Ablösung durch kreative Freizeitaktivitäten ausgemalt, mitsamt hyperausgestatteten Betten. Sollten Architekt*innen sich nicht wieder dieser Frage widmen?

Inzwischen hat die Umgestaltung der Stadt begonnen. In der heutigen überstimulierten Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit ein immer flüchtigeres Gut wird, haben wir entdeckt, dass wir besser in kurzen Stößen arbeiten, gefolgt von Ruhepausen. Um die Produktivität zu maximieren, stellen viele Firmen in ihren Büros inzwischen Schlafnischen zur Verfügung. Bett und Büro sind in der 24/7-Welt nie weit voneinander entfernt. Für Büroräume sind spezielle, in sich geschlossene Betten erfunden worden, die sich in kompakte Kapseln verwandeln lassen, in Miniraumschiffe, die einzeln genutzt oder zum synchronisierten Schlafen zu Clustern oder Reihen aufgestellt werden können, und die als Teil, nicht als Gegenteil von Arbeit verstanden werden. Arianne Huffington sagte 2018 voraus, dass „Auftankräume so normal wie Konferenzräume sein werden“. Und nicht nur in Büroräumen halten diese Entspannungsbereiche und -technologien Einzug. In den Städten entstehen neuartige Gebäude, die ganz allein dem Schlafen dienen. Die Frage des Betts ist zu einer urbanen Frage geworden, zu einem der urbanen Themen, derer wir uns heutzutage annehmen müssen. 

Das Internet und die Sozialen Medien haben unsere Lebensräume, unsere Beziehung zu den Dingen und zueinander grundlegend verändert. Social Media ist eine neue Form der Urbanisierung, die Architektur unseres Zusammenlebens. Betten stellen die wichtigsten Verknüpfungspunkte in dem riesigen, unsichtbaren Netz des globalen Kommunikationssystems dar, das die reale Stadt von heute formt.

von Beatriz Colomina

Hagen

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Hagen von Miedya Mahmod

HAGEN 20.2.2026

Du beginnst nicht hier; willst schon aufhören bei der Suche nach einem Ausgangspunkt. 
Aber Texte brauchen einen Ausgangspunkt, verstehst du?

Im RE16 tippe ich ihren/seinen Namen ins Handy, als könnte dieser amateurhafte Akt der Distanzierung durch Fakten meinen eigenen hier raushalten. Als könnte das, was für alle sichtbar ist, die Fiktion zum Nebenschauplatz machen. Als könnte das leicht Auffindbare das Erinnern verhindern.

Hagen ist eine kreisfreie Großstadt. Ist im Westen oder am südöstlichen Rand, je nachdem, wer guckt. Ist ‚Tor zum Sauerland‘. Ist eine gelbe Eiche auf blauem Grund.

Erste Vorschläge, unter Weitere Fragen gefasst, generiert die bekannte Suchmaschine wie von unsichtbarer Hand:

Wie hoch ist der Ausländeranteil in Hagen?
Wo wohnen die Reichen in Hagen?
Für was ist Hagen bekannt?
Ist Hagen noch Ruhrpott?

Ich steige aus. Hagen Hauptbahnhof. Wie oft ich im letzten Jahrzehnt Unterhaltungen zum Wie und Wo – für was eigentlich? – mit müden Lachern ins Leere laufen ließ:

Ah, vom Umsteigen kennst du’s? Gut für dich.
Ja, wie gut angebunden es ist wurde schnell der beste Teil der Stadt.
Wie schnell man rauskommt.
Aufgewachsen? In Hagen, buchstabiert wie in Unbehagen.

Synonym zu Aufwachsen wird gern groß werden verwendet. Verwandter fühlt sich für mich klein gemacht haben an. Auf dem Berliner Platz, denn die Stadt hat einen Berliner Platz, jedes dritte deutsche Oberzentrum im Westen scheint dazu verpflichtet einen Berliner Platz zu haben, orientiere ich mich als Erstes an den Gestalten – dem Stadtbild, den Problemen und dornigen Chancen (zwei meiner damaligen Mitschüler*innen waren Kandidatenkinder, eine CDU-Mutter und ein FDP-Vater) eines urbanen wie weißen Flecks im nordrhein-westfälischen Bewusstsein – und als Zweites am jobcenter, Berliner Platz 2. 

Diese Stadt, ihre Brennpunkte, deine Entzündungsherde, kreisfrei.

Gegenüber davon, über den ganzen weiten Platz, vorbei am McDonalds und einer Reihe blauweißer Kleinbusse der Polizei, das Gesundheitsamt, das Jugendamt. Ich könnte etwas über den neobarocken Bau, aus dem Zugreisende und Pendler*innen treten, schreiben. Wie er gerade abgeschnitten ist vom Fernverkehr, über fünf Monate auch der Regionalverkehr stark eingeschränkt. So schnell kommt man gerade eben doch nicht raus. Aber was wäre das für ein Ablenkungsmanöver? Wie untypisch wäre das für mich und für diese Stadt, die keinen Hehl aus ihren Tallagen machen? 

Du aber krochst in den Keim, 

Ich könnte sagen: hier habe ich gelebt. Ich könnte sagen: hier wurde ich versetzt. Ich könnte sagen: hier habe ich eine Klasse wiederholen müssen. Ich könnte sagen: hier war ich lange alles, was ich sein durfte. Ich könnte sagen: ein Mädchen, eine Tochter, Klassenbeste, Schülersprecherin. Ich könnte sagen: eins von vier nichtweißen Kindern zur Einschulung; nicht in der Klasse, sondern auf der gesamten Schule. Könnte darüber schweigen, wo ich alles überlebt habe. Im Auto des Oberstufenschülers, im Gebüsch vor einer Kirche, vor dem Musikzimmer, auf einer Toilettenkabine, während einer Geburtstagsparty. Ich könnte darüber schweigen, wie mir das Nicht-Erzählen erst in die Wiege gelegt, dann vorgeworfen, dann auf den unsicheren Mund geklebt wurde, der mal als vorlaut galt. 

 den einer nicht offenkundig ersticken darf.

Ich will sagen: die Eichen wissen längst, dass der blaue Himmel nie weg, nur kurz verhangen von Rauchwolken aus rotbraunen Backsteintürmen, war. 

Ich will glauben: die Blauen Reiter wussten sicher, dass Ultramarin (von ultramarinus: überseeisch; über das Meer) nur eine Nuance des großen Raubbaus war. 

Ich will erzählen, dass das historisch wertvollste blaue Pigment, Ultramarin, gewonnen aus Lapislazuli-Steinen, auch ‚blaues Gold‘ genannt wurde. Sein Ursprung liegt in den Minen Sar-e-Sangs und das Lösen der Partikel aus dem Gestein ist extrem arbeitsintensiv. Die europäische Malerei importierte das Blau; letztlich afghanischer Staub. Überseeisch, über das Meer, hierher gekommen.

Ich will erzählen, dass in ziemlich genau einem Monat Newroz ist. Frühling, Neujahr, inshallah ein neuer Tag. Ich habe noch nie Newroz in Hagen gefeiert und im Schreiben erkenne ich, weil wir im Schreiben sagen, was sonst nirgends angebracht scheint, vor allem das Banale: Das stimmt mich traurig. 

Manche springen über das Feuer, andere fackeln es an, wieder andere singen den Dienstag zuvor Zardi-ye man az to, sorkhi-ye to az man1

Ich will: dass das Gelb im Wappen, in den Ärmchen und Ästchen der Eiche, und das Gelb in dieser anderen, bekannteren Flagge, ihrer zwölf kreisrund aufgestellten Sternchen, einem prallen Rot weichen.

Ich will: in die 527, Richtung Loxbaum. Jahrelang die beste Linie, um sich ins Elternnest zu schleppen. Ich kenne den Busfahrplan eines vergangenen Jahrzehnts noch immer besser als die ICE-Verbindungen zwischen Bochum und Berlin, obwohl ich diese heute viel häufiger fahre. Was man als Kind lernt, bleibt einfach anders drin. 

Aus Loxbaum ist nun Loxbaum über Wasserturm geworden. Wir fahren aufwärts, wortwörtlich, es geht hinauf, hinauf auf: Emst. Man wohnt nämlich nicht in Emst, man wohnt auf Emst. Das ist wichtig in einer Stadt, deren Mittelschicht meiner anekdotischen Evidenz nach viel früher schon die Klippe hinab oder das mittelständische Unternehmertum hinauf ist. Die Arm-Reich-Schere ist in Wahrheit eine Feuerzange.

Du kommst aus diesem Brand. Mach dir nichts vor.

Stadthalle
 Wasserloses Tal
  Am Waldesrand
   Felsental
Richtung Loxbaum über Wasserturm

Am Erlenbusch vorbei, eine Kirche, genannt Bleistift, bereits hinter uns, um an der nächsten – Emst Kirche – kurz zu halten. Die Türen swoofen auf, swoofen zu und der Bus fährt weiter. Cunostr., Arbeitsadresse – und am altbekannten Ausstieg raus: Zeppelinweg. 

Die letzte Werbung auf dem Busbildschirm: Westhof, das Kaufhaus für alle. Oxymoron. Ein Stadtteil wie ein Gedicht, das zurückschrei(b)t.

Unsere Wohnung – Eigentum der ha.ge.we., Hagener Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH lag oder liegt, die Frage der Zeitlichkeit ist schwierig, weil von damals vier darin lebenden Personen, ganz klassisch alles, Mutter Vater Tochter Sohn, nur eine Person geblieben ist, jedenfalls unsere Wohnung lag oder liegt in der Eckenerstraße, eine der drei Sackgassen der Fluggeschichte auf Emst. Benannt nach Graf von Zeppelin, Otto Lilienthal und eben Hugo Eckener. 

Wie gern du dich im Flackern der Zeit mit in Rauch aufgelöst hast.

Hugo Eckener, seines ruhmreichen Zeichens vielleicht manchen durch den Absturz der Hindenburg bekannt, wurde u.a. durch Theodor Heuss vom Verdacht der Mitwirkung am nationalsozialistischen Regime entlastet. Wir haben in Hagen natürlich auch ein Theodor-Heuss-Gymnasium, aber da waren v.a. die sportlichen Kids drauf. 

Eckener war wohl, so auch zuletzt Ergebnisse aus einem ‚Endbericht der ExpertInnenkommission für Straßennamen Graz‘ aus dem Jahr 2017, in erster Linie Kapitalist. Und KapitalistInnen zur Verantwortung ziehen, wo wären wir denn dahin gekommen als Nachkriegs-BRD?

Einer muss schon vollends überzeugter Nationalsozialist gewesen sein, um keinen simplen Straßennamen – es ist ja auch nur eine Sackgasse – mit einem Haufen Luftfahrtverdiensten und einem kleinen Feuerball-Fauxpas am Horizont (der Material für zwei Spielfilme abwarf, wenn man es mal so sieht) hinterhergeworfen zu kriegen.

Du endest nicht hier. Du kriechst zurück in den Keim, den einer offenkundig nicht ersticken darf.

Ich wandere an diesem Tag hinter meinen Schatten her. Der Weg von der Sackgasse zur Cunostraße, die Anzahl an Schritten zwischen Bäckereifiliale und Kiosk, die Stunden, die ich ziellos über die kleinen Steigungen und Trampelpfade spaziert bin. Ich weiß nicht, was ich versuche zu messen. Vielleicht den Abstand zwischen dem Heute und der Vergangenheit. Vielleicht die Nähe zwischen meinem Körper, diesem Container, und seinen Schatten, diesen flachen Hüllen. 

Ich krieche nicht wirklich. Ich nehme den Bus, diesmal die 518, weil die schneller zum Kern der Stadt kommt, ich habe keinen Durst, ich faste nicht, ich brauche den Wasserturm nicht. Ich steige am Hauptbahnhof aus und nehme erstmal keinen Zug, raus, raus raus. 

Unsere Kunst wie unsere Wut
sind nicht zu deiner Unterdrückung da, 
verstehst du?

 

1Mein Gelb sei deines, dein Rot sei meines. (Sprechgesang an Tschahar Schanbe Suri bzw. Kola Čowāršamba, ein vornehmlich iranisches Fest am letzten Dienstag/Mittwoch vor Nouroz, bei dem die bösen Energien aus dem alten Jahr vertrieben werden. Gelb kann auch als Blässe übersetzt werden und steht für Krankheit, Schwäche, Leiden. Das Rot bzw. die Röte kann als Lebenskraft bzw. reinigende Energie des Feuers, das eine signifikante Rolle bei den Festritualen spielt, verstanden werden)

Stops

Open "Hagen"
20.2.26, 14–21 Uhr

Wüten in Hagen

Hagen

Künstler*in

Open Artsit

© Jerome Hoffmeister

Miedya Mahmod

Seit 2016 beschäftigt sich Miedya Mahmod mit Lyrik, leitet Schreibwerkstätten, konzipiert und moderiert Gesprächs- und Lesungsformate.

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