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Grand Snail Tour in der ARCH+ Ruhr: Vom Gebiet zum Raum
2.7.2026

Die neue Ausgabe der ARCH+ Ruhr: Vom Gebiet zum Raum versteht das Ruhrgebiet als Gefüge unterschiedlicher Räume, Interessen und Zugehörigkeiten. Sie richtet den Blick auf räumliche Praktiken von Austausch und Aushandlung. Wir freuen uns Teil des rechercheintensiven Hefts zu sein: Unter dem Kapitel „Periphere Zentren“ findet ihr eine selbstreflexive Vorstellung des Grand Snail Tour Konzepts von Britta Peters.

Die Ausgabe erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr in Kooperation mit Renée Tribble und dem Fachgebiet StädteBauProzesse der TU Dortmund. Zur Website von ARCH+

Grand Snail Tour

Text: Britta Peters

Urbane Künste Ruhr ist eine Institution für Gegenwartskunst im öffentlichen Raum, die kein eigenes Haus besitzt. Mit dem Trailer für die Grand Snail Tour haben wir einen in mehrfacher Hinsicht mobilen Ort geschaffen, mit dem wir seit September 2024 durchs Ruhrgebiet ziehen. Der im Vorfeld vom Projektteam konfigurierte Marktwagen bietet innen wie außen zahlreiche Halterungen für Einbauten und Transporte. Gleichzeitig lassen sich seine Wände vielseitig aufklappen, bis hin zu dem Punkt, an dem sie nur noch als Dach dienen. Die Tour selbst setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: einem strengen Konzept, einer Handvoll Fluxus und viel Raum für Erfahrungen.

Das Gesetz der Serie

Die Grand Snail Tour ist ein Langzeitprojekt mit einer klaren Struktur, zu der bewusst auch Ausnahmen gehören. Der Wunsch, innerhalb von gut drei Jahren einmal alle 53 Städte des Ruhrgebiets zu besuchen, entstand aus den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie. Daraus ergeben sich, im Sommer wie im Winter, ein bis zwei monatliche Stopps. Damit wir nicht jedes Mal aufs Neue stadträumlich und zeitlich vor zu vielen Möglichkeiten stehen, haben wir den Donnerstag zum festen Veranstaltungstag erklärt. Doch manchmal ist es auch ein Freitag oder es sind gleich mehrere Tage, wie im Sommer 2025 beim Stopp Wertschätzen in Dortmund. Der Rhythmus gibt Halt, ohne uns zu sehr einzuengen.

Reisen im Ruhrgebiet

Jeder Stopp wird vor Ort in Bäckereien, Stadtbüchereien und Sparkassen mit Flyern und DIN-A3-Plakaten angekündigt. Jedes Plakat kombiniert den Namen der Stadt mit einer Tätigkeit zur Aktivierung öffentlicher Räume: Lesen in Wesel, Schunkeln in Schermbeck, Mäandern in Holzwickede, Funken in Breckerfeld, Wüten in Hagen. Die Berliner Agentur Studio Yukiko übersetzt die Verben spielerisch und variantenreich in grafische Motive. Die jeweilige Tätigkeit steht in losem Bezug zum Programm vor Ort, das für jeden Stopp neu konzipiert wird.

Konstellationen finden

Planung und Gestaltung eines Stopps ergeben sich aus einer Vielzahl von Bedingungen: Was wissen wir über die Stadt? Mit wem möchten wir zusammenarbeiten? Wo befinden sich öffentliche Orte? In kleineren Städten hat uns diese Frage nicht nur naheliegenderweise auf Märkte und in Fußgängerzonen geführt, sondern auch in Freibäder und auf zentrale Parkplätze. Unvergessen bleibt die Lesung von Tunay Önder 2025, die wir im Schneegestöber in Marl per UKW auf Autoradios übertragen haben.

Das Verfahren bleibt bewusst subjektiv und intuitiv. Es geht eher um ein Herantasten an unterschiedliche (klein-)städtische Situationen als um einen Anspruch auf Vollständigkeit. Manchmal werden bestimmte Genehmigungen nicht erteilt, manchmal überraschen uns Konstellationen, von denen wir gern früher gewusst hätten. Auch diese verpassten Chancen fließen in die weitere Planung ein. Die Tour ist als Prozess angelegt, der sich immer wieder nachjustieren lässt.

Kontinuitäten teilen

Über die drei Jahre hinweg arbeiten wir mit vielen Künstler*innen mehrfach zusammen. Bewusst teilen wir mit ihnen die Möglichkeit, durch das serielle Format mit gleichen oder ähnlichen Settings an unterschiedlichen Orten Erfahrungen zu sammeln. Für die Fotografin Rebecca Racine Ramershoven haben wir ein mobiles Studio gebaut, in dem sie in verschiedenen Städten mit weiblich sozialisierten Personen intime Interviews zum Thema Wut führt. Mona Schulzek funkt mit eigenem Alphabet und einer selbstgebauten Satellitenschüssel gemeinsam mit Bürger*innen und Schulkindern zu Außerirdischen – aus Xanten, Datteln und vom höchsten Berg des Ruhrgebiets in Breckerfeld.

Die Schnecken-Tour

Das Ruhrgebiet ist kein natürlich begrenzter Raum, sondern ein administrativ definierter, der aus dem Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk hervorgegangen ist. Unsere Route folgt einer spiralförmigen Bewegung: Von den ländlichen Rändern im Westen über den Norden, Süden und Osten schraubt sich die Grand Snail Tour in die urbanere Mitte der Region bis nach Herne, wo die Tour im Oktober 2027 endet. Die Strecke verbindet Publikum und Institutionen benachbarter Städte und macht regionale Unterschiede sichtbar: Der dicht besiedelte Norden, wo mit Prosper-Haniel in Bottrop 2018 das letzte aktive Steinkohlebergwerk schloss, ist eine andere Welt als der vergleichsweise wohlhabende, idyllisch entlang der Ruhr gelegene Süden.

Chronik vieler Reisen

Für jeden Stopp laden wir einen Künstlerin aus den Bereichen Fotografie, Zeichnung oder Text ein, mit uns einen Tag in einer Stadt zu verbringen. Es geht also nicht nur um die Aktionen am Trailer, sondern auch um die jeweilige künstlerische Wahrnehmung von Stadt, Reise und Tagesgeschehen. So entstehen über 53 unterschiedliche Perspektiven auf die Städte des Ruhrgebiets. Das Ergebnis ist eine vielstimmige und ästhetisch diverse Reflexion, die sich wie ein Paratext zur eigentlichen Tour verhält.

Soziales und ökologisches Klima

Neben dieser subjektiven Chronik erfassen wir auch faktenbasierte Daten. Seit dem Start im September 2024 in Xanten archivieren wir für jeden Stopp Wetterdaten sowie die Zusammensetzung der kommunalpolitischen Gremien. Uns interessiert, wie sich das globale und politische Klima bis 2027 verändern
wird. Leider gibt es momentan wenig Anlass, optimistisch zu sein. Vor diesem Hintergrund war die Rückeroberung des öffentlichen Raums von Beginn an eine zentrale Motivation der Tour. Wir wollen zeigen, dass auf Straßen und Plätzen mehr möglich ist als Angstmache und Konsum.

Die Magie des Aufbaus

Während der Fußball-EM 2024 in Deutschland ließ sich beobachten, wie viel kommunikative Anlässe schon allein der Aufbau eines Public-Viewing-Settings bieten kann. Aus dieser Erfahrung entwickeln wir eine Aufbau-Performance. Die Neugier auf das, was entsteht, ist der beste Eisbrecher. Denn unser größtes Publikum, das haben die ersten Stopps gezeigt, ist meist zufällig vor Ort. Darüber hinaus stehen wir in Kontakt mit Vereinen, Schulen und Initiativen, die uns als Gastgeber*innen mit offenen Armen empfangen. Manche Menschen reisen uns auch durchs Ruhrgebiet hinterher. Angesichts der großen Entfernungen innerhalb der 4.400 Quadratkilometer umfassenden Region bleibt das jedoch eher die Ausnahme.

Sammlung an Bord

Wie die Chronik gehört auch unsere Sammlung von Beginn an zum Konzept. Der Trailer fungiert als mobiler Aktions- und Ausstellungsraum. Auf Einladung haben internationale Künstler*innen nahezu alles zur Ausstattung beigetragen, was wir benötigen: Alle Objekte sind Kunstwerke, und die Sammlung wächst kontinuierlich. Wir reisen unter anderem mit einem Kronleuchter von Aram Bartholl, Decken von Anna Haifisch, Kissen von Kasia Fudakowski, Tischen von Nils Norman, einem Leuchtschriftzug von Anna Viebrock und einer Ruhrgebietskarte von Jordi Colomer. Cem A. hat uns mit Schildern und Absperrbändern ausgestattet, Stefan Marx mit Vorhängen und einem Malbuch. Die Duisburger Autorin Lütfiye Güzel begleitet jeden Stopp zudem mit einem sogenannten Blackout: kurze poetische Textfragmente, entwickelt aus ihrer persönlichen Lektüre der jeweiligen Lokalzeitung. Haiku-artig bleiben wenige Wörter zwischen geschwärzten Zeilen stehen und setzen sich beim Lesen in Beziehung zur Umgebung.

Gastfreundschaften

Die Gespräche rund um den Trailer verstehen wir auch als Antwort auf die zunehmende Einsamkeit unserer Zeit. Das Team von Urbane Künste Ruhr ist bei allen Stopps präsent. Die Gespräche drehen sich um Kunst, das Ruhrgebiet, Lokalpolitik oder die Stimmung in der Stadt. Auch die Tour selbst bietet immer wieder Anknüpfungspunkte: Wo wart ihr zuletzt? Was habt ihr erlebt? Was kommt als Nächstes? Ein vorbereitender Workshop zum Umgang mit Stammtischparolen hilft uns, schwierige Gespräche aufmerksam zu begleiten und uns gegenseitig zu unterstützen. So entsteht nach und nach ein Netz aus Freundschaften und Unterstützer*innen, das sich stetig verdichtet.

Der öffentliche Raum als juristischer Raum

Wie nebenbei konfrontieren wir die Verwaltungen der Städte und Bezirke mit dem Antrag auf Genehmigung einer Kunstaktion im Außenraum. Obwohl wir mit einem herkömmlichen Marktwagen unterwegs sind, erweist sich die Sachlage oftmals als sehr herausfordernd: Nahezu alle Städte übertragen in ihren Genehmigungen mit der einmaligen Nutzung eines Ortes die gesamte Haftung auf den Antragsteller. Das heißt, hätte man als Marktbeschicker*in neben der Dresdner Carolabrücke gestanden, als diese 2024 teilweise eingestürzt ist, wäre man für entstandene Schäden selbst verantwortlich. Als große öffentliche Institution können wir die Verträge neu verhandeln und für die künftigen Nutzer*innen den Boden bereiten. Am Ende der Tour haben wir in 53 Stadtverwaltungen unsere Spuren hinterlassen.

Was bleibt

Die Frage nach dem materiellen oder immateriellen Erbe künstlerischer Projekte gehört seit den späten 1990er-Jahren zum kulturpolitischen Standard, greift aber häufig zu kurz. Die Wirkung von Kunst im öffentlichen Raum lässt sich kaum messen. Es gibt keine Zählautomaten, keine Klicks, die sich erfassen lassen. Erlebte Situationen bleiben im Gedächtnis, manchmal unterschwellig. Vertrautes erscheint in neuem Licht, wodurch weitere Bezüge entstehen. Ortsspezifische Projekte, etwa das Live-Radio-Projekt der Hochschulklasse von Ari Benjamin Meyers in der Lünener Fußgängerzone, vertiefen das Wissen über Geschichte und Gegenwart eines Ortes.

Wenn man Öffentlichkeit nicht nur als Zugänglichkeit, sondern auch als öffentlichen Austausch begreift, muss dieser Zustand jedes Mal aufs Neue hergestellt werden. Mit der Grand Snail Tour zeigen wir viele Wege dazu auf: durch Kommunikation, Lesungen, Theater, Konzerte, ein urbanes Minigolf-Set, Roboter-Performances und einen elektrischen Samowar. Die eng getaktete, serielle Praxis fungiert wie eine Lockerungsübung, Raum nicht zu bespielen, sondern hervorzubringen. Gemeinsam mit allen Anwesenden begeben wir uns mit jedem Stopp auf einen Weg ins Offene: Unerwartete Begegnungen, Handlungen und Gespräche mit erstaunlichen Wendungen, Fragen und Unterschiede, die ausgehalten werden müssen – wenn uns all das zusammen gelingt, ist schon viel gewonnen.

Sprockhövel und Gevelsberg

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Metamorphose von Yevgenia Belorusets

29.05.26 Die Wiege der Kohle
Am Abend erzählte Boris Sieverts, den wir am Tag vor unserem Spaziergang zufällig getroffen hatten, dass Sprockhövel die Wiege des Ruhrbergbaus sei. „Hier hat alles angefangen!“, fügte er hinzu und reihte einige historische Fakten aneinander. Er zeigte die Lage der wertvollen Kohleflöze, indem er seinen Arm beugte. Sein Ellbogen bildete die Spitze der kostbarsten Schicht, der Fettkohle, und ich folgte der Krümmung seines Arms, um zu begreifen, wie die Erdschichten in Bewegung gerieten und warum die wertvollste Kohle an die Oberfläche drängte. Seine Handkante stieß immer wieder gegen diese oder jene Stelle des Berges – so wurde die Kohle gewonnen. Ohne in die tiefsten Erdschichten einzudringen. Es reichte nicht an die tausend Meter heran – höchstens vierhundert, meistens aber nur zweihundert. Ich stellte mir eine Stadt vor, die über den unterirdisch gezeichneten und längst verschütteten unterirdischen Gängen lag.

Drei riesige schwarze Kohlebrocken – Fettkohle, Gaskohle und Magerkohle – wiegen in einer kleinen, gemütlichen Wiege ein winziges, schwaches, laut weinendes Köhlchen. Es liegt inmitten von weißer, gestärkter Wäsche, einem Spitzenkissen und einer weichen Decke, schreit und kann sich einfach nicht beruhigen.

Fettkohle legt einen kleinen, runden Erdkloß, ein Spielzeug, in die Wiege. Das kleine Köhlchen betrachtet es eine Weile, mustert es ganz aufmerksam, und fängt dann nur noch bitterer an zu weinen. Da schenkt ihm Magerkohle, die dicker aussieht als Fettkohle, einen leichten, zärtlichen Methankuss. Der Kleine ist überrascht und träumt eine Weile davon, dass man ihn so oft und zärtlich küssen wird. Doch schon bald erinnert er sich wieder daran, warum er geweint hat, und fängt von vorne an. Es ist unmöglich, ihn zu beruhigen. 

Die Großen beraten sich und beschließen, dass nur absolute Dunkelheit helfen kann. Die Kohle liebt sie, sie ist für sie so etwas wie reiner Zucker oder absolute Süße. Aber sie haben nicht mehr viel von dieser Dunkelheit übrig. Ihre Vorräte sind in den letzten vierhundert Jahren aufgebraucht worden, doch für den Kleinen ist noch etwas griffbereit. Gaskohle verschwindet irgendwo auf dem Flur und kehrt mit einem kleinen Sack voll Dunkelheit zurück, der sofort eine festliche Atmosphäre im Raum verbreitet. Und schon weint der Kleine nicht mehr, sondern betastet die Dunkelheit neugierig. Viele andere, die sich in der Nähe dieser Gesellschaft aufhalten, beschließen ebenfalls, näher zu kommen, um „in der Dunkelheit zu klopfen“. So nennen sie ihr Lieblingsvergnügen.

31.05.26 
Stell dir vor, gestern saß ich noch im Metamorphose. Und vor der Abreise beschloss ich, ins Nirvana zu gehen. Dabei hatte ich mir vorgenommen: Wenn es mir nicht gelingt, ins Nirvana zu kommen, nachdem ich das Zechengebäude mit der Aufschrift „Со счастьем наверх!“ gefunden habe, ist der Tag verloren. Ich muss es doch noch ins Nirvana schaffen. Das wird sicher die Unruhe ein wenig lindern, die mich daran hindert, die Stadt wahrzunehmen. Und so kam es auch.

Am Sonntag war niemand im Metamorphose. Natürlich will sich an so einem Sommertag niemand verändern. Gestern waren immerhin noch ein paar Leute hier. Vielleicht fällt es am Samstag leichter, Veränderungen zu akzeptieren, sich mit ihnen abzufinden. Aber am Sonntag wird ein ernsthafter Mensch jede Metamorphose meiden. Und nur ich saß, geplagt von meiner wachsenden Unruhe, allein in diesem leeren Café, hatte den Reiseführer und meinen Notizblock vor mir ausgebreitet und blickte auf die in unregelmäßiger Handschrift notierten Sätze, die sich am oberen Seitenrand drängten.

Gegenüber, in der Nische eines kleinen Ladens, saß ein Mann mit einem Stock, und alle, die vorbeikamen, grüßten ihn. Er saß da wie ein einsamer, eindringlicher Gedanke, mit dem man sich abfinden muss und den alle anderen Gedanken höchstwahrscheinlich sogar lieben. Sein Stock war das Komma, das diesen Gedanken trennte. Und seine Augen waren Doppelpunkte. Er bemerkte mich nicht, ich hatte mir vorgenommen, ihn zu fotografieren, aber so, dass man ihn nicht erkennen konnte. Das Vorhaben war töricht, und die Kamera kam mir sehr schwer vor. 

Andererseits würde sich der Mann, der in seiner Nische auf einem Stuhl sitzt, sodass die Passanten in einer Reihe an ihm vorbeiziehen, vielleicht sogar über ein Foto freuen, das hartnäckig seine Position auf dem Schachbrett wiederholt und vervielfältigt. 

Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr allein war. An dem Tisch hinter mir saßen zwei Menschen und schwiegen einander an. Sie war elegant gekleidet, die Ohrringe mit großen Perlen, über denen kleine lila Steine saßen, standen ihr gut. Sie trug ein leichtes, helles Kleid, das sich im Glanz der lila Steine widerzuspiegeln schien.  Mehrmals versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, doch er antwortete nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte oder den hartgesottenen, schweigsamen Mann spielte, der der Frau, mit der er schon seit vielen Jahren zusammen war, nichts zu sagen hatte. Sie sahen aus, als wären sie über siebzig.

Nach langem Schweigen begannen sie zu sprechen, aber sie sprachen wenig und sehr leise. Eine Replik, beschwert durch eine kurze Antwort, versank augenblicklich in der Stille. 

Ich senkte den Blick auf das Notizbuch, in das ich zufällige Sätze notiert hatte. Das Wort „Metamorphose“ wiederholte sich mehrmals, als würde ich versuchen, durch die Leere, die mich umhüllte, meine Hand nach der Aufschrift auf dem Ladenschild auszustrecken, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte. 

An der Wand hing auf einem Bügel ein gelbes Kleid mit Hyazinthenmuster; es stand zum Verkauf, ebenso wie all die anderen Kleinigkeiten, die auf den Regalen verteilt waren und deren einziger Zweck darin bestand, die offenen Schränke in den Wohnzimmern zu füllen. Doch sowohl solche Gegenstände als auch solche Wohnzimmer sind immer seltener anzutreffen. Ganz preiswerte Kristallvasen, Aschenbecher, Statuetten, Gläser, Holzfiguren – die zufällig die Form von Überraschung oder Freude angenommen hatten, etwas wie ein materialisiertes Lächeln. 

Ein Mann überquerte die Straße, die Sonne beleuchtete sein Gesicht, es wirkte freundlich und traurig, er schaute aufmerksam auf die Schaufensterfront des Cafés und winkte mir plötzlich lachend zu. Ich winkte zurück, als wären wir alte Bekannte. Er bog ab und ging auf das Café zu, in dem wir drei saßen. Ich vorn am Schaufenster, und die beiden weiter hinten, in der Tiefe des Raumes, hinter den zusammengeschobenen Tischen.

Er nickte mir freundlich zu und ging schnurstracks auf die beiden zu.

„Wie geht’s?“, fragte er. „Wie war’s in Bochum?“

„Die Operation ist gut verlaufen“, antwortete sie. „Jetzt sind wir wieder zurück. Eine Arterie ist verstopft bei ihm. Es ging aber schnell und jetzt geht’s wieder nach Hause. Bochum ist gut! Alles haben sie da neu gemacht.“

Ich hörte, wie sie das Krankenhaus in begeisterten Tönen beschrieb. Er hatte eine Operation hinter sich, deshalb war er so schweigsam. Es fiel ihm schwer zu sprechen, und er durfte sich nicht aufregen. Und doch wirkten sie wie ein älteres Paar, das sich zu einem Rendezvous verabredet hatte.

„Und wie geht es Ihnen?“ wandte sie sich an den neuen Besucher. „Gut im Geschäft?“

Er antwortete, dass er sich zuerst einen Espresso bestelle.

„Manchmal hoch, manchmal runter, wie es so ist“, sagte er und fragte mich, woher ich käme und ob ich für längere Zeit hier sei. Und dann, was genau ich da eigentlich in meinen  Block schreibe. 

Ich fühlte mich ertappt, weil ich versucht hatte, das gesamte vorangegangene Gespräch mitzuschreiben. Es gelang mir fast nichts, weil ich gleichzeitig in mehreren Sprachen mitschrieb und immer wieder zu den dümmsten Kommentaren über meinen Zustand abglitt – „Ich weiß immer noch nicht, was ich glauben soll“, «не понимаю, где я и не представляю, как понять».

Der neue Besucher sprach mit Akzent und erzählte im selben Atemzug, dass er aus Syrien stamme, aber schon seit über zehn Jahren in Sprockhövel lebe. Ihm gehöre der Laden, dessen Werbung ich unmöglich übersehen konnte: „Aber natürlich! Gleich hier um die Ecke! Eine Frau und ein Mann über die ganze Hauswand. Und das ist mein Geschäft!“

Ich war schon mehrmals an diesem großen Werbeplakat vorbeigegangen, konnte mich aber nicht erinnern, was darauf eigentlich abgebildet war.

„Meine Eltern wollten nicht, dass wir zusammen sind“, erzählte die Frau dem Besucher und mir zugleich. „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich einen Deutschen heirate, und er hat regelrecht darauf bestanden.  Aber ich war eine eigenständige Frau, wenn auch noch sehr jung, und ich sagte ihm, dass ich tun würde, was ich für richtig hielt.“

„Dein Vater hat getrunken! Er war ein Säufer!“, warf ihr Mann plötzlich ein wenig ärgerlich ein. 

„Ja, du hast recht, er hat getrunken. Wir haben uns an einem freien Tag kennengelernt. Unsere Familie und viele andere saßen im Café an den Tischen und spielten Karten. Und er stand von seinem Tisch auf, an dem er mit Freunden spielte, kam zu uns herüber und lernte mich kennen. Und später begannen wir, zusammenzuleben. Solche Entscheidungen traf ich selbst, ich habe niemanden um Erlaubnis gefragt.

„Und meine Oma hat sich gefreut! Sie mochte ihn so gerne, von Anfang an. Da hat sie eine schöne Flasche Wein auf den Tisch gestellt, sie hat auch Bretzeln gekauft und wartete auf uns beide.“

„Sie war eine kluge Frau!“, fügte er hinzu. 

„Aber wir wohnten nicht hier, wir wohnten in der Nähe, weil meine Fabrik und seine Arbeit dort waren. Und wir zogen erst hierher, als die Fabrik verlegt wurde. Wie lange sind wir schon nicht mehr gemeinsam in Italien gewesen!“

„Mehr als zehn Jahre!“, erwiderte er.

„Ja, mit dem Auto schafft man es nicht, denn er muss alleine fahren, ich habe keinen Führerschein. Aber bald werden wir hinfliegen – nur zwei Stunden, und schon sind wir bei unserer italienischen Familie. Wir werden endlich alle wiedersehen, wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen!“

Auf diese optimistische Äußerung antwortete er mit Schweigen. 

„Einst kamen Leute mit einer Bibel zu uns und behaupteten, wir müssten uns trennen, weil wir nicht verheiratet waren. Sie wollten uns auseinanderbringen.“

„Aber sie hat sie einfach aus dem Haus geworfen!“

„Ja, ich habe sie rausgeworfen. Sie verlangten von uns, dass wir heiraten. Aber das war unsere Sache, nicht ihre. Und ich habe nicht zugelassen, dass sie uns noch einmal besuchen.“ 

Sie kam mir vor wie ein Ritter in Rüstung, der fähig war, das Visier zu senken und jedem die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wenn es nötig war.

Der kürzlich eingetroffene Mann lächelte, trank seinen Espresso und sprach mit dem Paar weiter über das Wetter.

„Heute Morgen gab es ein Gewitter, habt ihr es gehört? In der Nähe unseres Hauses ist eine riesige Buche umgestürzt, die angeblich schon dreißig Jahre alt war.“

„Ich habe große Angst vor Donner, Blitzen und Gewittern,“ – sagte die Frau und sah ihren Mann an.

Er nickte, als würde er ihre Worte bestätigen:

„Sie hat große Angst.“

„Wirklich ihr ganzes Leben lang, von Kindheit an bis heute?“, fragte die Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.

„Ich habe panische Angst vor Knallkörpern, Feuerwerkskörpern, Böllern – vor allem, was zu Neujahr explodiert. Aber ich habe all das selbst hergestellt, als ich in einer Fabrik arbeitete, in der Feuerwerkskörper produziert wurden.

„Meine Hände waren oft bis zum Ellbogen verbrannt, die Beine voller Verbrennungen, aber ich habe weitergearbeitet. Dort habe ich vierzig Jahre lang gearbeitet! Dafür habe ich jetzt eine Rente. Und mein Mann arbeitete in der Fabrik nebenan. Ohne Unterbrechung. Zweiundfünfzig Jahre, hat er gearbeitet, samstags, sonntags, er wollte nichts anderes tun. Ich bin dann zu ihm gegangen, habe ihm Essen gebracht. Mit fünfzehn habe ich angefangen, ich wollte schon mit vierzehn, meine Mutter hat mich mitgenommen, ich wollte sofort für immer da in der Fabrik bleiben und arbeiten.“

„Ja, ich habe ohne Pause und ohne freie Tage gearbeitet, Doppelschicht, Dreifachschicht, ich wollte von nichts anderem wissen“, sagte der Mann. „Aber jetzt …“ Und er lächelte glücklich.

„War die Arbeit wirklich so gefährlich?“, fragte ich die Frau.

„Drei Frauen sind ums Leben gekommen, verbrannt. Und einmal kam ein Mechaniker schlecht gelaunt zur Arbeit, er war wütend, rasend, und seine Wut übertrug sich auf die Maschine, er machte alles unaufmerksam. Ich bat ihn: „Seien Sie nicht so wütend, machen Sie ruhiger“, aber er schrie nur: „Sie verstehen doch gar nichts!“ Da fing die Maschine Feuer. Und er war, wie immer, mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub bedeckt. Er bereitete sie für uns Frauen vor, und wir erledigten den Rest. Man versuchte, ihn zu retten, aber er hat es nicht geschafft; man brachte ihn ins Krankenhaus, und er starb eine Woche später. Ich hatte Verbrennungen an den Beinen, den Armen, mein Hals war verbrannt. Und so ging es oft. 

„Man musste sehr auf die Kleidung achten – keine Synthetik – nur Baumwolle! Aber wir liebten unsere Arbeit. Hören Sie, kehren Sie nicht dorthin zurück, woher Sie kommen, in den Krieg. Sie sind doch aus der Ukraine. Dort dauert der Krieg an. Bleiben Sie hier, bei uns.“

„Oh! Da ruft mich jemand an!“, rief der Besucher aus Syrien fröhlich aus. „Das ist mein Schwager! Er ist im Libanon!“

„Was ist denn mit Ihrem Schwager? Ist er in Sicherheit?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, er ist mitten im Zentrum, dort ist alles vor Beschuss geschützt! Sie sind in Sicherheit!“

Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ihn selbst über mein Haus gesagt, das fast im Zentrum von Kyjiw liegt: «не беспокойтесь, центр защищен от обстрелов».

Der Besucher ging zu einem abseits stehenden Tisch und sprach laut auf Arabisch.

Irgendwann hielt er sein Handy in unsere Richtung. Ich sah ein angenehmes Gesicht und dunkles Haar und sprach hinein: „Hallo in den Libanon!“ Der Mann am Telefon lächelte und antwortete mir auf Arabisch. 

Das Telefonat war beendet, und der Mann schickte sich an zu gehen.

„Ich heiße Ammar, mit zwei „m““, sagte er. „Vergessen Sie die beiden „m“ nicht.“

Die Frau holte ein Foto aus ihrer Handtasche und zeigte es mir: „Hier bin ich noch ganz jung, ich stehe da, glücklich, und schaue irgendwohin. So war ich damals. Ich hatte lange Haare.“ Und dann: „Können Sie das nach Gehör aufschreiben? Ich heiße Erika.“

„Und Sie?“

„Vincenzo!“, sagte der Mann, als würde er viel Kraft in diesen Namen legen. Er klang klar und hell. 

„Und das Gewitter, das gerade jetzt beginnen sollte, wird nicht kommen. Sie können losgehen und sich die Stadt ansehen!“

Am selben Tag, aber am Morgen. Ein Gewitter

An diesem Tag begann um halb sieben Uhr morgens ein Gewitter. Das kleine Mädchen, die Tochter der Gastgeber, sagte, sie habe deshalb nicht schlafen können, aber der Donner habe ihr sehr gut gefallen. 

Wenig später machte sich ein Chirurg, der neben meinem Hotel wohnte, auf den Weg in den Wald, um die Äste eines vom Wind beschädigten Baumes zu stutzen. 

Das Mädchen hieß Malene, vielleicht aber auch hieß sie Marlene – das „r“ blieb unhörbar und unsichtbar, versank in ihrem Lachen, mit dem sie jeden ihrer Sätze begleitete. Am Tag vor unserem Spaziergang bat sie Boris Sieverts, das Alter ihrer älteren Schwester zu erraten. Er nannte sofort Malenes eigenes Alter, verpasste aber beim Erraten des Alters ihrer Schwester eine einzige Ziffer – die Acht. 

Als er alle anderen Zahlen nacheinander nannte, hörte er als Antwort ein lautes, langgezogenes „Neeeeein!“ und dann folgte ein immer ansteckenderes Lachen, das es mit einem Donnerschlag aufnehmen konnte. 

Glückauf 

Ein alter Gruß, der in Städten verbreitet war, in denen Kohle abgebaut wurde. Allein wegen dieser Inschrift wollte ich mir das Zechengebäude ansehen. Sie thronte über dem Eingang der Zeche, die ein wenig an einen Palast erinnerte. Ein einziges Wort, untrennbar, in dem das Glück mit dem Aufstieg und mit dem Finden verbunden ist.

Künstler*in

Open Artsit

© Yao Tsy

Yevgenia Belorusets

Yevgenia Belorusets' Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst und Aktivismus und lenken oft die Aufmerksamkeit auf die verletzlicheren Teile der ukrainischen Gesellschaft.

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