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Artistic Director starting 1.11.2027
5.5.2026

Urbane Künste Ruhr initiates contemporary art in public space and connects people across the Ruhr region through exhibition projects. The program has its roots in the European Capital of Culture year RUHR.2010, operates in an interdisciplinary manner, and is organized decentrally. Urbane Künste Ruhr sees itself as an important contribution to the cultural, economic, social, and ecological development of the region. Many projects are realized in collaboration with local, supra-regional, and international partners.

Alongside Ruhrtriennale, Tanzlandschaft Ruhr, and Chorwerk Ruhr, Urbane Künste Ruhr forms the fourth pillar of Kultur Ruhr GmbH, based in Bochum. Its shareholders and public funders are the State of North Rhine-Westphalia and the Regionalverband Ruhr.

We are seeking an Artistic Director for Urbane Künste Ruhr starting November 1, 2027

As Artistic Director, you will be responsible for the conception and implementation of an artistic program in the field of contemporary urban art. You will shape the program through your personal artistic signature and give it international visibility and recognition, while maintaining the highest artistic standards. A key focus of your work will be networking with cultural institutions and engaging in dialogue with the residents of the Ruhr region.

We are seeking an artistic concept that appeals to a broad audience and demonstrates a strong commitment to mediation and outreach. The goal is to achieve lasting visibility and reception among the public.
The integration of the Emscherkunstweg into your artistic concept is possible but not mandatory. The program may be complemented by the support of emerging artists, for example through residency formats.

A key component of the role is contributing to each edition of the Ruhrtriennale, with reference to its respective venues.
The time frame for artistic activities should extend from May through September of each year, with a geographical focus on the cities of Bochum, Dortmund, Duisburg, and Essen. Conceptual variations are possible within this framework.

You are responsible for ensuring that the program is regularly evaluated through appropriate measures.

The Artistic Director works in close coordination with the Managing Director of Kultur Ruhr GmbH, primarily collaborating on-site with the team and maintaining contact with the region’s cultural institutions. An annual project budget of approximately one million euros is allocated, supplemented by the necessary personnel funds. It is expected that these funds will be expanded through the acquisition of third-party funding. In addition, the Artistic Director is supported by a programme advisory board, which is appointed in consultation with the supervisory board.

Your profile includes:
You are an outstanding curator and an experienced leader with extensive expertise in the field of international contemporary art, ideally supported by an academic qualification. You demonstrate a strong ability to communicate complex artistic concepts in a way that is both impactful and accessible. You bring solid practical experience in audience-oriented and inclusive art production and develop concepts that combine high artistic standards with accessibility and openness for a broad audience.

In addition, you have proven experience in the conception and budgeting of large-scale artistic projects. A robust international network completes your profile. Proficiency in German is an advantage but not a requirement.

We offer:
We offer a challenging and diverse role within an inspiring cultural working environment, providing a high degree of creative autonomy alongside an above-standard compensation package. The appointment is for a single term of five years, ending on October 31, 2032. You will be supported by a team of permanent staff members, complemented by project-based positions.

We welcome applications from individuals of all genders and nationalities, regardless of ethnic or social background, religion or worldview, disability, age, or sexual orientation and identity.
The selection process consists of multiple stages. We invite applicants to submit a concise yet meaningful concept proposal, with a particular focus on the artistic programme for the first year. The selection committee may, at its discretion, invite suitable candidates to present their concept in person.
We look forward to receiving your application with a detailed proposal. Please send your application exclusively via email (max. 5 MB) by Monday, 8 June 2026 to baumeister@rvr.ruhr. If you have any questions, please feel free to contact Maria Baumeister.

Kamen

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstler*innen aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Zeichnung, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils, Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese sie visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur 3-jährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten der Region als Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Kamen und sein Kreuz von Kathrin Röggla

1. Vorher, ich will es ja wissen

Sehr viel Geographie in Kamen, zu viel für meine Vorstellung vom Ruhrgebiet. Vom Flüsschen Seseke zum Kurler Busch über das Heerener Holz unweit vom Haarstrang bis zum Kamener Kreuz. Gamer in Kamen, ja sicher. Groyper in Kamen? Keine Ahnung, werde es nicht herausfinden in der kurzen Zeit. Erwartung an Kamen – viel Busch, viel Wind, viel Herbst und Autobahn. Eine Kirche. Häuschen. Google Maps zeigt allerdings viele Cafés, das kann ich nicht glauben. Viermal so groß wie Bebra, das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Ich lese: „Die Hauptverbindungsstrecke zwischen der Kamener Innenstadt und Methler ist die Westicker Straße, die sich nach einem großzügigen Ausbau in den 1970er Jahren zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt hatte. Durch den Bau mehrerer Kreisverkehre wurde dieser Entwicklung begegnet.“ Der Unfallschwerpunkt lässt also grüßen, Kreisverkehre werden mich erwarten.

Es gibt ein Drachenflugfestival im Herbst. Getrennt von der Stadt durch Autobahntrassen.

Kommt man nach Kamen besser mit dem Auto? Das Wahrzeichen der Stadt ist schließlich ihr Autobahnkreuz.

90 Menschen leben nordöstlich des Kreuzes. So knapp 50.000 woanders. Eigentlich eine Mogelpackung: Heeren, Rottum, Derne, Heeren-Werve, Kamen-Süd, alles ein einziges Konglomerat. Kamen ist eine Shrinking City, bis 2050 nur noch 39.000. Eine alte SPD-Hochburg, die nun langsam nach Grün abgedriftet ist und jetzt auch AfD-Zuwachs zu verzeichnen hat. In der Kommunalwahl vom Wochenende wurde in Bergkamen per Los zwischen einem AfD-Kandidaten und einer SPD-Kandidatin entschieden. Eine andere Headline: „Darum dauert die Auszählung der Stimmen in Kamen so lang.“ 

Es ist die Stadt der Stauprognosen, ansonsten wie auch anderswo dort: Abibälle – Gesamtschule und Gymnasium, Stadtfeste, Volksfeste, Sparkassen Thriathlon – und irgendwo ein Schild mit „Ruhrpottfritten“.

Der Polizeifunk vermeldet, dass bei einem Einbruch Bargeld „und ein Haartrockner“ entwendet worden sei, sowie eine Cannabisfarm entdeckt und ein Zigarettenautomat gesprengt wurde. Eine Straße heißt „Am Geist“, da werde ich ankommen. Es ist tatsächlich eine Geistersstraße, werde ich feststellen.

 

2. Da sein

10.00: Die Rezeptionistin des Hotels im Süden kommt aus Bergkamen und beschwört täglich das Kamener Kreuz, das tatsächlich immer noch seinen Rang in den Verkehrsnachrichten verteidigt. Sie habe auf einer Urlaubsreise von hier nach Pforzheim 19 Baustellen gezählt. Das sei doch verrückt. Ja, ihre Gäste seien Leute, die hier in dem Industriegewerbe ringsum arbeiteten. Und die Spanier aus dem Frühstücksraum?, frage ich. Die würden zur Messe in Dortmund gehen, das sei zu teuer dort zu wohnen.

10.20: Die Tankstellenfrau aus Heeren-Werve kennt sich hier nicht aus. Sie kommt aus Kamen und das ist 5km entfernt. Ein niedriges Flugzeug erinnert mich daran, dass der Flughafen Dortmund nicht weit entfernt ist.

10.40: Die Apothekerin hält mich für eine Person aus Kamen. Das geht aber schnell hier.

Hinter mir Berichte über die Situation nach der Scheidung auf der Terrasse der Bäckerei Grobe, die beiden Frauenstimmen besprechen das, was man bekommt und was man bezahlt in verschiedenen beruflichen Situationen. Ansonsten Rentner, einer mit einem Cowboyhut, das hat mich interessiert. Wie kann man durch Kamen laufen als 85-jähriger mit Cowboyhut?

Es ist die merkwürdigste Form des Tourismus, die ich jemals machte. Denn natürlich sitze ich entrückt von jeglichem Alltag wie eine Touristin im Café und bestaune die Absonderlichkeiten der Provinz. Eine extrem angreifbare Position.

Ich lese: Wer die Meme Culture nicht versteht, und über den Attentäter von Charlie Kirk schreibt, der richte journalistisch mehr Schaden an als es was bringt, schreibt Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl. [1]

Die Frauen hinter mir sind aufgestanden, sie haben sich zum Abstand noch Komplimente über ihre Kleidung gemacht. Die ältere Frauenrunde drinnen spricht weiter. Sie sind zu viert, Eigentlich könnten sie Kartenspielen, wie meine Oma das gemacht hat. Ich werde Kartenspielen. Ganz sicher.

11.00: Bei Thalia ums Eck habe ich Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ über den Erfurter Amoklauf gekauft, sie hatten eine kleine Auswahl an Literatur da. Ich habe es gewählt, weil es so schön mündlich beginnt. Ein Gespräch im Fluss, das finde ich gut als Romanfang. Es wird dann sehr flüssig, vielleicht zu flüssig. „Gibt dem eine Chance“ sage ich mir auf der Terrasse der Bäckerei Grobe im 1. Stock. 

Von dort aus der Überblick. Gerade wirkt die Szenerie so: Die Leute wachen auf nach ihrem Berufsleben und gehen dann als Rentner durch ihre Städte und wundern sich? Viele haben diese zweifelnden Mienen. Verstärkt wird der Eindruck durch die Tatsache, dass zahlreiche ältere Leute mit kleinen Elektromobilen sich bewegen.

12.26 – der gelbe Prosegurwagen kommt durch, um 12.30 fährt er wieder weiter.

Seit 12.00 vermehrt junge Menschen. Sie sprechen in ihr Handy, sie unterhalten sich, sie schauen nicht misstrauisch drein. Sie telefonieren auch viel mehr als die älteren. Überhaupt viel mehr Stimmen. Es ist erstaunlich, wie sich die Stadt plötzlich füllt. Das Giraffengraffiti in der namenlosen Straße vor mir bleibt aber nach wie vor überraschend.

Die Anzeige für die Busabfahrten am Marktplatz ist so gehängt, dass man sie am besten aus dem Backcafé sehen kann.  Auf dem Einbahnstraßenschild klebt endlich ein Borussia-Dortmund-Aufkleber – darauf habe ich gewartet!

12.47: Der Mann, der die Zunge immer rausstreckt, kommt nochmal auf die ganz genau gleiche Weise vorbeigefahren, ich frage mich, ob das ein Glitch ist, eine Schleife.

13:08: Zuerst einzelne, jetzt ganze Gruppen an Schulkindern unterwegs. Die Stadt füllt sich schlagartig mit Stimmen.

14:20 Die Inhaberin des Asia Wok Laden und ich stellen fest, dass wir beide vor fünf Jahren aus Berlin weggezogen sind. Wir freuen uns, sind Artgenossen. Sie aus Pankow, ich aus Neukölln, sie habe aber eine Tante in Neukölln. Es sei hier in Kamen so wie in Pankow, grün und ruhiger. Ich befrage sie zur Geisterstraße „Am Geist“, denn da steht jede Menge leer. Coronaerbe, meint sie, nach Corona gab es einige Pleiten, darunter auch das große Hotel, das ihr gegenüber ist. Die ganze Straße ist sehr gespenstisch.

15:00 Ausflug nach Bergkamen und hinauf auf die Halde Großes Holz, um einmal von oben alles zu sehen: das ist das Ruhrgebiet von oben. Der Schock des großen ehemaligen Zechengeländes und der Industriekomplexe in Bergkamen weicht hier einem grünen Eindruck. „Das Ruhrgebiet ist von oben grün“ wird auch jemand später sagen. Mit mir Hundebesitzer, Radler, unten dann Jugendliche, die im Auto sitzen bleiben, auf dem Rückweg der Partyservice am Straßenrand. Die vielen Buslinien. 

16.00: Der Marktplatz, das würde ich zurück in Kamen im Café erfahren, sei abends von Alkis besetzt, da gab es oft Schlägereien, man müsse alles reinräumen, rechtsrum ist die Drogenszene, aber jetzt sei das Ordnungsamt am Platz, und das hilft. Im Grunde wiederholt sie die immer wieder gehörte Erzählung einer shrinking city, wie Alles immer schlechter, die Läden machten alle schon um 16.00 zu und seien zum größten Teil abgewandert. Deichmann, Karstadt, Schlecker. Alles weg, die Boutiquen, die Kneipen, der Bäcker am Platz, alles weg, keine Leute finde man mehr, keine Arbeitskräfte, aber das sei überall so. Später werde ich sehr wohl Deichmann finden und auch sehen, dass einige Geschäfte noch offen haben.

Die Cafébetreiberin erzählt, sie habe früher das Krankenhauscafé gemacht, jetzt sei sie seit fünf Jahren hier, die fünf Jahre, die Zeit der Pandemie scheint alles verändert zu haben in dieser Stadt. Der Platz sei nicht schön, da sei nichts bunt, sie würde am liebsten alles betonieren und Schulklassen den Asphalt bunt bemalen lassen. Warum denn das? Die alten Leute stürzten hier bei dem Pflaster. Was sie schon für Stürze gesehen habe! Sie lebe von 80% Stammkunden, morgens war das Café übervoll. „Unna ist ganz anders.“

18.00 Verschränkter Herbst: Mal kalt, mal warm, die Luft ist durcheinander. Gleich gibt es die Afterworkparty organisiert von der „Familienbande“, die uns vielleicht Konkurrenz machen wird. Aber es wird alles ganz anders. Alle Stühle und Sitzgelegenheiten sind besetzt, als die Kolumnen der Kamenerin Esra Canpalat zu hören sind. Hinter ihr werden die wunderbaren Fotos von Fatih Kurçeren projiziert, Portraits der oft jugendlichen Bewohner*innen, Sites. Sie zeigen mir die involvierte Seite der Beobachtung, die meine touristischen Schnappschüsse blass aussehen lassen, denn natürlich habe ich gemacht, was Großstädterinnen immer machen, nämlich das Skurrile der Provinz zu fotografieren. Hinter mir sitzen die beiden Verantwortlichen aus der Stadtbibliothek. Irgendwer sagte den Satz. „Das Beste an Kamen ist, dass man mit der Bahn in nur zehn Minuten nach Dortmund kommt.“ Ich glaube dieser Aussage nicht.

 

3. Fortfahren

 

[1] https://www.moment.at/story/was-ist-ein-groyper/

Stops

Open "Kamen"
Photograph by Fatih Kurçeren: A child hangs from a metal bar on a playground while other children play nearby.

Pithead © Fatih Kurçeren

18.9.25, 18–21 h

Watching in Kamen

Kamen

Artist

Open Artsit

Kathrin Röggla

Kathrin Röggla (born in Salzburg in 1971) lives in Cologne and works as a writer of prose and plays. Her most recent publications are her essay collection Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen. (S. Fischer, 2025), her novel Laufendes Verfahren (S. Fischer, 2023), and her play Kein Plan (Kafkas Handy), which premiered this February.

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