31.05.26
Stell dir vor, gestern saß ich noch im Metamorphose. Und vor der Abreise beschloss ich, ins Nirvana zu gehen. Dabei hatte ich mir vorgenommen: Wenn es mir nicht gelingt, ins Nirvana zu kommen, nachdem ich das Zechengebäude mit der Aufschrift „Со счастьем наверх!“ gefunden habe, ist der Tag verloren. Ich muss es doch noch ins Nirvana schaffen. Das wird sicher die Unruhe ein wenig lindern, die mich daran hindert, die Stadt wahrzunehmen. Und so kam es auch.
Am Sonntag war niemand im Metamorphose. Natürlich will sich an so einem Sommertag niemand verändern. Gestern waren immerhin noch ein paar Leute hier. Vielleicht fällt es am Samstag leichter, Veränderungen zu akzeptieren, sich mit ihnen abzufinden. Aber am Sonntag wird ein ernsthafter Mensch jede Metamorphose meiden. Und nur ich saß, geplagt von meiner wachsenden Unruhe, allein in diesem leeren Café, hatte den Reiseführer und meinen Notizblock vor mir ausgebreitet und blickte auf die in unregelmäßiger Handschrift notierten Sätze, die sich am oberen Seitenrand drängten.
Gegenüber, in der Nische eines kleinen Ladens, saß ein Mann mit einem Stock, und alle, die vorbeikamen, grüßten ihn. Er saß da wie ein einsamer, eindringlicher Gedanke, mit dem man sich abfinden muss und den alle anderen Gedanken höchstwahrscheinlich sogar lieben. Sein Stock war das Komma, das diesen Gedanken trennte. Und seine Augen waren Doppelpunkte. Er bemerkte mich nicht, ich hatte mir vorgenommen, ihn zu fotografieren, aber so, dass man ihn nicht erkennen konnte. Das Vorhaben war töricht, und die Kamera kam mir sehr schwer vor.
Andererseits würde sich der Mann, der in seiner Nische auf einem Stuhl sitzt, sodass die Passanten in einer Reihe an ihm vorbeiziehen, vielleicht sogar über ein Foto freuen, das hartnäckig seine Position auf dem Schachbrett wiederholt und vervielfältigt.
Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr allein war. An dem Tisch hinter mir saßen zwei Menschen und schwiegen einander an. Sie war elegant gekleidet, die Ohrringe mit großen Perlen, über denen kleine lila Steine saßen, standen ihr gut. Sie trug ein leichtes, helles Kleid, das sich im Glanz der lila Steine widerzuspiegeln schien. Mehrmals versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, doch er antwortete nicht, und ich kam zu dem Schluss, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte oder den hartgesottenen, schweigsamen Mann spielte, der der Frau, mit der er schon seit vielen Jahren zusammen war, nichts zu sagen hatte. Sie sahen aus, als wären sie über siebzig.
Nach langem Schweigen begannen sie zu sprechen, aber sie sprachen wenig und sehr leise. Eine Replik, beschwert durch eine kurze Antwort, versank augenblicklich in der Stille.
Ich senkte den Blick auf das Notizbuch, in das ich zufällige Sätze notiert hatte. Das Wort „Metamorphose“ wiederholte sich mehrmals, als würde ich versuchen, durch die Leere, die mich umhüllte, meine Hand nach der Aufschrift auf dem Ladenschild auszustrecken, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte.
An der Wand hing auf einem Bügel ein gelbes Kleid mit Hyazinthenmuster; es stand zum Verkauf, ebenso wie all die anderen Kleinigkeiten, die auf den Regalen verteilt waren und deren einziger Zweck darin bestand, die offenen Schränke in den Wohnzimmern zu füllen. Doch sowohl solche Gegenstände als auch solche Wohnzimmer sind immer seltener anzutreffen. Ganz preiswerte Kristallvasen, Aschenbecher, Statuetten, Gläser, Holzfiguren – die zufällig die Form von Überraschung oder Freude angenommen hatten, etwas wie ein materialisiertes Lächeln.
Ein Mann überquerte die Straße, die Sonne beleuchtete sein Gesicht, es wirkte freundlich und traurig, er schaute aufmerksam auf die Schaufensterfront des Cafés und winkte mir plötzlich lachend zu. Ich winkte zurück, als wären wir alte Bekannte. Er bog ab und ging auf das Café zu, in dem wir drei saßen. Ich vorn am Schaufenster, und die beiden weiter hinten, in der Tiefe des Raumes, hinter den zusammengeschobenen Tischen.
Er nickte mir freundlich zu und ging schnurstracks auf die beiden zu.
„Wie geht’s?“, fragte er. „Wie war’s in Bochum?“
„Die Operation ist gut verlaufen“, antwortete sie. „Jetzt sind wir wieder zurück. Eine Arterie ist verstopft bei ihm. Es ging aber schnell und jetzt geht’s wieder nach Hause. Bochum ist gut! Alles haben sie da neu gemacht.“
Ich hörte, wie sie das Krankenhaus in begeisterten Tönen beschrieb. Er hatte eine Operation hinter sich, deshalb war er so schweigsam. Es fiel ihm schwer zu sprechen, und er durfte sich nicht aufregen. Und doch wirkten sie wie ein älteres Paar, das sich zu einem Rendezvous verabredet hatte.
„Und wie geht es Ihnen?“ wandte sie sich an den neuen Besucher. „Gut im Geschäft?“
Er antwortete, dass er sich zuerst einen Espresso bestelle.
„Manchmal hoch, manchmal runter, wie es so ist“, sagte er und fragte mich, woher ich käme und ob ich für längere Zeit hier sei. Und dann, was genau ich da eigentlich in meinen Block schreibe.
Ich fühlte mich ertappt, weil ich versucht hatte, das gesamte vorangegangene Gespräch mitzuschreiben. Es gelang mir fast nichts, weil ich gleichzeitig in mehreren Sprachen mitschrieb und immer wieder zu den dümmsten Kommentaren über meinen Zustand abglitt – „Ich weiß immer noch nicht, was ich glauben soll“, «не понимаю, где я и не представляю, как понять».
Der neue Besucher sprach mit Akzent und erzählte im selben Atemzug, dass er aus Syrien stamme, aber schon seit über zehn Jahren in Sprockhövel lebe. Ihm gehöre der Laden, dessen Werbung ich unmöglich übersehen konnte: „Aber natürlich! Gleich hier um die Ecke! Eine Frau und ein Mann über die ganze Hauswand. Und das ist mein Geschäft!“
Ich war schon mehrmals an diesem großen Werbeplakat vorbeigegangen, konnte mich aber nicht erinnern, was darauf eigentlich abgebildet war.
„Meine Eltern wollten nicht, dass wir zusammen sind“, erzählte die Frau dem Besucher und mir zugleich. „Mein Vater wollte unbedingt, dass ich einen Deutschen heirate, und er hat regelrecht darauf bestanden. Aber ich war eine eigenständige Frau, wenn auch noch sehr jung, und ich sagte ihm, dass ich tun würde, was ich für richtig hielt.“
„Dein Vater hat getrunken! Er war ein Säufer!“, warf ihr Mann plötzlich ein wenig ärgerlich ein.
„Ja, du hast recht, er hat getrunken. Wir haben uns an einem freien Tag kennengelernt. Unsere Familie und viele andere saßen im Café an den Tischen und spielten Karten. Und er stand von seinem Tisch auf, an dem er mit Freunden spielte, kam zu uns herüber und lernte mich kennen. Und später begannen wir, zusammenzuleben. Solche Entscheidungen traf ich selbst, ich habe niemanden um Erlaubnis gefragt.
„Und meine Oma hat sich gefreut! Sie mochte ihn so gerne, von Anfang an. Da hat sie eine schöne Flasche Wein auf den Tisch gestellt, sie hat auch Bretzeln gekauft und wartete auf uns beide.“
„Sie war eine kluge Frau!“, fügte er hinzu.
„Aber wir wohnten nicht hier, wir wohnten in der Nähe, weil meine Fabrik und seine Arbeit dort waren. Und wir zogen erst hierher, als die Fabrik verlegt wurde. Wie lange sind wir schon nicht mehr gemeinsam in Italien gewesen!“
„Mehr als zehn Jahre!“, erwiderte er.
„Ja, mit dem Auto schafft man es nicht, denn er muss alleine fahren, ich habe keinen Führerschein. Aber bald werden wir hinfliegen – nur zwei Stunden, und schon sind wir bei unserer italienischen Familie. Wir werden endlich alle wiedersehen, wir haben sie schon so lange nicht mehr gesehen!“
Auf diese optimistische Äußerung antwortete er mit Schweigen.
„Einst kamen Leute mit einer Bibel zu uns und behaupteten, wir müssten uns trennen, weil wir nicht verheiratet waren. Sie wollten uns auseinanderbringen.“
„Aber sie hat sie einfach aus dem Haus geworfen!“
„Ja, ich habe sie rausgeworfen. Sie verlangten von uns, dass wir heiraten. Aber das war unsere Sache, nicht ihre. Und ich habe nicht zugelassen, dass sie uns noch einmal besuchen.“
Sie kam mir vor wie ein Ritter in Rüstung, der fähig war, das Visier zu senken und jedem die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wenn es nötig war.
Der kürzlich eingetroffene Mann lächelte, trank seinen Espresso und sprach mit dem Paar weiter über das Wetter.
„Heute Morgen gab es ein Gewitter, habt ihr es gehört? In der Nähe unseres Hauses ist eine riesige Buche umgestürzt, die angeblich schon dreißig Jahre alt war.“
„Ich habe große Angst vor Donner, Blitzen und Gewittern,“ – sagte die Frau und sah ihren Mann an.
Er nickte, als würde er ihre Worte bestätigen:
„Sie hat große Angst.“
„Wirklich ihr ganzes Leben lang, von Kindheit an bis heute?“, fragte die Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.
„Ich habe panische Angst vor Knallkörpern, Feuerwerkskörpern, Böllern – vor allem, was zu Neujahr explodiert. Aber ich habe all das selbst hergestellt, als ich in einer Fabrik arbeitete, in der Feuerwerkskörper produziert wurden.
„Meine Hände waren oft bis zum Ellbogen verbrannt, die Beine voller Verbrennungen, aber ich habe weitergearbeitet. Dort habe ich vierzig Jahre lang gearbeitet! Dafür habe ich jetzt eine Rente. Und mein Mann arbeitete in der Fabrik nebenan. Ohne Unterbrechung. Zweiundfünfzig Jahre, hat er gearbeitet, samstags, sonntags, er wollte nichts anderes tun. Ich bin dann zu ihm gegangen, habe ihm Essen gebracht. Mit fünfzehn habe ich angefangen, ich wollte schon mit vierzehn, meine Mutter hat mich mitgenommen, ich wollte sofort für immer da in der Fabrik bleiben und arbeiten.“
„Ja, ich habe ohne Pause und ohne freie Tage gearbeitet, Doppelschicht, Dreifachschicht, ich wollte von nichts anderem wissen“, sagte der Mann. „Aber jetzt …“ Und er lächelte glücklich.
„War die Arbeit wirklich so gefährlich?“, fragte ich die Frau.
„Drei Frauen sind ums Leben gekommen, verbrannt. Und einmal kam ein Mechaniker schlecht gelaunt zur Arbeit, er war wütend, rasend, und seine Wut übertrug sich auf die Maschine, er machte alles unaufmerksam. Ich bat ihn: „Seien Sie nicht so wütend, machen Sie ruhiger“, aber er schrie nur: „Sie verstehen doch gar nichts!“ Da fing die Maschine Feuer. Und er war, wie immer, mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub bedeckt. Er bereitete sie für uns Frauen vor, und wir erledigten den Rest. Man versuchte, ihn zu retten, aber er hat es nicht geschafft; man brachte ihn ins Krankenhaus, und er starb eine Woche später. Ich hatte Verbrennungen an den Beinen, den Armen, mein Hals war verbrannt. Und so ging es oft.
„Man musste sehr auf die Kleidung achten – keine Synthetik – nur Baumwolle! Aber wir liebten unsere Arbeit. Hören Sie, kehren Sie nicht dorthin zurück, woher Sie kommen, in den Krieg. Sie sind doch aus der Ukraine. Dort dauert der Krieg an. Bleiben Sie hier, bei uns.“
„Oh! Da ruft mich jemand an!“, rief der Besucher aus Syrien fröhlich aus. „Das ist mein Schwager! Er ist im Libanon!“
„Was ist denn mit Ihrem Schwager? Ist er in Sicherheit?“
„Machen Sie sich keine Sorgen, er ist mitten im Zentrum, dort ist alles vor Beschuss geschützt! Sie sind in Sicherheit!“
Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ihn selbst über mein Haus gesagt, das fast im Zentrum von Kyjiw liegt: «не беспокойтесь, центр защищен от обстрелов».
Der Besucher ging zu einem abseits stehenden Tisch und sprach laut auf Arabisch.
Irgendwann hielt er sein Handy in unsere Richtung. Ich sah ein angenehmes Gesicht und dunkles Haar und sprach hinein: „Hallo in den Libanon!“ Der Mann am Telefon lächelte und antwortete mir auf Arabisch.
Das Telefonat war beendet, und der Mann schickte sich an zu gehen.
„Ich heiße Ammar, mit zwei „m““, sagte er. „Vergessen Sie die beiden „m“ nicht.“
Die Frau holte ein Foto aus ihrer Handtasche und zeigte es mir: „Hier bin ich noch ganz jung, ich stehe da, glücklich, und schaue irgendwohin. So war ich damals. Ich hatte lange Haare.“ Und dann: „Können Sie das nach Gehör aufschreiben? Ich heiße Erika.“
„Und Sie?“
„Vincenzo!“, sagte der Mann, als würde er viel Kraft in diesen Namen legen. Er klang klar und hell.
„Und das Gewitter, das gerade jetzt beginnen sollte, wird nicht kommen. Sie können losgehen und sich die Stadt ansehen!“