Ermüdung und Versorgung

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Infrastrukturen bilden die materielle Voraussetzung dafür, dass die grundlegenden Prozesse unseres Lebens und Zusammenlebens funktionieren. Sie sichern die Versorgung von Leben, indem sie Rohstoffe, Energie, Güter oder Arbeitskräfte transportieren und verteilen. Zu den Infrastrukturen der Versorgung zählen in einer industrialisierten Umwelt aber nicht nur Verkehrsnetze und Transportmittel, sondern auch die Organisation von Pflege und Betreuung oder die Einrichtung und Unterhaltung von kulturellen Räumen. Infrastrukturen regulieren Wahrnehmungen und Verhalten, Zugänge und Teilhabe, Einschluss und Ausschluss; sie sind ebenso unabdingbar notwendig zur Aufrechterhaltung des Lebens wie Träger systemischer und auch epistemischer Gewalt.

Durch die weltweite Corona-bedingte Zäsur sind Rhythmus und Organisation dieser grundsätzlichen Bereiche in vielfältiger Hinsicht gestört worden: Sie stehen still oder sind – ganz im Gegenteil – überlastet und ermüdet. Aus dieser Situation ergibt sich aber auch das Potential, über den Status Quo und die Rekonfiguration bestehender Infrastrukturen nachzudenken. Denn es sind gerade die Phasen der ruhenden Unterbrechung (des Schlafens), des Rückzugs und der Krise, die es möglich und notwendig machen, über die Frage zu reflektieren: ,,Wie wollen wir leben?“

Mit der Veranstaltungsreihe Ermüdung und Versorgung – einer Kooperation von Urbane Künste Ruhr und dem Institut für Theaterwissenschaft der RUB - richten wir den Blick auf Themen rund um die Begriffe Schlaf und Infrastruktur. Im Zentrum stehen wissenschaftliche wie künstlerische Perspektiven auf Körper und Zeit sowie auf die Wechselbeziehungen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Infrastrukturen.

Konzept: Jörn Etzold, Britta Peters, Alisha Danscher und Rika Sakalak
Organisation: Alisha Danscher, Rika Sakalak


Termine

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Ermüdung und Versorgung finden folgende Veranstaltungen statt:


Hinweise

Die Veranstaltungen finden unter Einhaltung der jeweils aktuell gültigen Corona-Bestimmungen statt. Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen finden Sie auf den jeweiligen Projektseiten.

Termine


  • Mittwoch
    19 Uhr
    Bochum
    Wandersalon
    2.2.

    Schlafende Infrastrukturen

  • Performativer Vortrag und Gespräch mit Alina Schmuch, Jörn Etzold und Beny Wagner

    Inwieweit sind Architektur und Stadt von Technologien und Metadaten geprägt? Wie wirkt sich das Zusammenspiel aus sichtbaren und unsichtbaren Infrastrukturen auf unsere Beziehung zu einem Gebäude aus? Wie werden die zusammenhängenden öffentlichen Strukturen des Austausches gestaltet und welche Rolle spielt die Fotografie in ihren Prozessen? Es sind diese Fragen nach dem Verhältnis zwischen Verborgenem und Offensichtlichem, Innen und Außen, aber auch dem Körperlichen und dem Technologischen, die die Künstlerin Alina Schmuch in ihrer Arbeit beschäftigen. In ihrem aktuellen Projekt Interior Spaces befasst sie sich mit der Geschichte und den Entwicklungen der Wasserinfrastrukturen im Ruhrgebiet. Ihre Ausgangspunkte sind das historische Bildmaterial aus dem fotografischen Archiv der Emschergenossenschaft in Essen und neue bildgebende Verfahren von Inspektionsrobotern. Im Gespräch mit dem Professor für Theaterwissenschaft Dr. Jörn Etzold und dem Filmemacher und Wissenschaftler Beny Wagner gibt Alina Schmuch Einblicke in ihre Recherchen. Gemeinsam fächern sie die vielfältigen Fragen auf, die sich aus dem Aufspüren der „schlafenden“ Infrastrukturen ergeben.

    Die Veranstaltung findet unter Einhaltung der geltenden Corona-Bestimmungen statt. Bitte informieren Sie sich vorab auf unserer Website.

    Veranstalter ist das Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.


  • Mittwoch
    19 Uhr
    Bochum
    Wandersalon
    27.4.

    Industrialisierte Zeit

  • Diskussion mit Julia Schade (Postdoc im Graduiertenkolleg Das Dokumentarische. Exzess und Entzug an der Ruhr Universität Bochum), Rachael Rakes und weiteren Gästen moderiert von Britta Peters

    Anhand welcher zeitlichen Strukturen lässt sich das Leben heute organisieren? Während mit Beginn der Industrialisierung Arbeit und Freizeit in streng voneinander unterschiedenen Bereichen der Taktung der Maschinen folgten, entwickelt sich durch die zunehmenden postmateriellen Arbeitsweisen eine neue Zeiteinteilung: Die wachsende Durchdringung aller Lebensbereiche mit dem Digitalen erschwert die Trennung von Privatem und Öffentlichem, ein geschützter Rückzugsort muss durch einen temporären Ausstieg aus den kommunikativen Netzwerken aktiv erkämpft werden. Denn die globale Infrastruktur selbst mit ihrer Option zum pausenlosen Konsum, Arbeiten und Kommunizieren schläft nie.

    Mit der Veranstaltung Industrialisierte Zeit möchten wir aus wissenschaftlicher und künstlerischer Sicht die historischen Entwicklungen von zeitlichen Infrastrukturen in den Blick nehmen und über Möglichkeiten und Fluchtpunkte für andere Rhythmen und Skalierungen jenseits linearer Zeitrechnungen spekulieren.

    Veranstalter ist das Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.

    Gefördert durch das AnGuS-Programm des Rektorats der Ruhr-Universität Bochum.


  • Donnerstag
    19 Uhr
    Dortmund
    Wandersalon
    19.5.

    Vermessung des Körpers

  • Das Zeitalter des Datensammelns durch Schlaf-, Schritt- oder Zyklus-Apps bringt eine Infrastruktur der Erfassung unserer körperlichen Aktivitäten hervor, stets im Zeichen von Selbstregulation und Optimierung der Leistungsfähigkeit. Auch um Roboter und Menschen ideal zusammenarbeiten zu lassen, muss der Mensch vermessen werden. Diese Vermessungen des Körpers sind von impliziten Vorannahmen geprägt, die gender, Leistungsfähigkeit und Gesundheit betreffen. Zugleich eröffnen die Interaktionen von Mensch und Maschine neue Möglichkeiten, indem sie die Annahme „natürlicher“ Körper in Frage stellen. Wo aber liegen heute ihre Grenzen?

    Die Veranstaltung thematisiert nicht nur, wie intelligente Maschinen unseren Körper ergänzen und formen, sondern blickt auch auf künstlerische Reflexionen der Vermessung des Körpers. Unter anderem gemeinsam mit dem Künstler Yuri Pattison sowie der Künstlerin Alexandra Pirici, die im Rahmen des Ruhr Ding: Territorien 2019 in der Waschkaue der Kokerei Hansa ein Hologramm mit einer menschlichen Performerin interagieren ließ, diskutieren wir, welche infrastrukturellen Voraussetzungen das Verhältnis von Mensch und Maschine prägen und wie sich diese hybride Beziehung auf das Verständnis unseres Körpers und das gesellschaftliche Miteinander auswirkt.

    Die Veranstaltung findet unter Einhaltung der jeweils aktuell geltenden Corona-Bestimmungen statt.