Magazin

Überdruckfackeln c Heinrich Holtgreve

Überdruckfackeln

Am schönsten ist Duisburg als Muss-Ja-Hoffnung, dass es immer, doch irgendwie geht. Muss ja.

von Nesrin Tanç

Duisburg ist keine Stadt. Duisburg ist eine Maschine. Bruckhausen oder Meiderich, der Wohnraum um den heutigen Landschaftspark herum. Das waren keine Wohngebiete. Bruckhausen, Meiderich, das waren Fabriken mit menschlichen Rädern und Trägerinnen aus Fleisch und Blut. Heute stehen dort nicht Fabrikrohre, sondern Minaretten, Moscheen und Internate, die keine Internate sind und Kulturzentren, in denen keine Kultur drin ist, sondern Überleben. Alles weiß drinnen, draußen alles schwarz vor Ruß, vor Grausamkeit. Du gehörst zu einer Karawane von familiärer Fürsorge und Liebe. Die immer leiblich war. Uns betreffend. Eine Liebe durch Zugehörigkeit, die mit Ausschluss als Strafe droht. Jetzt weiß ich das. In den Ghettos, wie sie hießen, wir nannten es Mahalle. Und es hatte mit Liebe zu tun. Mit Zugehörigkeit. Für jede Gruppe, denn es gab so viele von denen, die alle gleich waren im Grunde. Deshalb wird Duisburg nie eine Metropole sein. Es ist die Mahalle.

Am schönsten ist Duisburg als Muss-Ja-Hoffnung, dass es immer, doch irgendwie geht. Muss ja. Als würde alles ewig weitergehen. Die Mahalle ewig belebt bleiben. Ewig ein Ort an dem unseresgleichen leben und von dem aus die Regeln des Zusammenlebens und Überlebens in Deutschland, im Ruhrgebiet, in Duisburg mit denen der Türkei abgeglichen werden. Das habe ich gedacht. Ich habe nicht an ein Ende, an das Ende gedacht. Bruckhausen.

Damals, da musst Du ca. 15 Jahre alt gewesen sein. Da hast Du zum ersten Mal gefühlt, das Duisburg keine Stadt ist. Du konntest es nur nicht formulieren. Wie auch, wenn es kaum Menschen um Dich herum gab, die solchen Zuständen einen erträglichen Namen oder eine Beschreibung hätten geben können, aus der ein WIR- Gefühl mit einem Grundvertrauen an die Zukunft hätte herauskommen können. Nein, es hatte direkt mit uns zu tun. Bruckhausen, Marxloh, Rheinhausen. Hauptsache Hausen und Hauptsache alle unter sich. Ich hatte gleichzeitig das Gefühl, das etwas passiert mit Dir. Das etwas gewachsen ist in Dir, wie Wut und Verzweiflung und irgendwie auch Extra-Kraft. Danach hast Du ständig gesagt, „das ist, weil wir Türken sind“. Als Dir die vermeintliche Ähnlichkeit mit muslimischen oder irgendwelchen Minderheiten unangenehm wurde, da hast Du ein ganzes Schmink- und Kleidungsvorschirifts-Kommando gegen und für mich und für alle angesetzt. Irre war das. Als setze sich schleichend ein Wandel ein, ein Ausdruck, beginnend an deinem Hals über dein wunderschönen Gesicht auf das ich wirklich stolz bin. Deine Distanz und Deine Wut erbitten sich Ähnlichkeit mit denjenigen, die Dich dazu veranlassen so wütend zu sein. Wie klärt man so etwas auf?

Alle wichtigen Traditionen der Zusammenkunft waren Dir dann, ab einem gewissen Alter zuwider. Wie genau kann ich den Zeitpunkt festmachen? War es dieses WIR? Ich suche noch. Ist es Deine sture Entscheidung, nicht über Deine Herkunft zu reden? Du willst nicht dem Integrationsmarkt dienen – das sei alles Deine Sache. Ist damit eine Distanz oder eine Nähe zu mir verbunden?

Ruhrort beispielsweise, wie schnuckelig. Wir haben versucht dort zu leben. Es ging nicht. Die Kinder haben Euch angegriffen, die Mütter auf den Spielplätzen angespuckt. Wir wurden angerotzt! Und Du, Du willst jetzt, indem Du in MEINE Heimat reist, Dir diesen Rotz abwischen. Als ob das dort ginge! Ich weiß, dass Du Dich nicht erinnern kannst. Du warst zu klein. Ich übertreibe nicht, ich bin nur sehr sensibel und habe durch Euch, dadurch dass ich Euch schützen musste, sehr intensive Antennen entwickelt. Das ist ganz automatisch passiert. Irgendwann und sofort. Das ist nicht Deine Kunst, nicht Deine Strategie oder Deine Theorie, so war MEIN Leben. Ich kann das alles noch viel weniger vergessen als Du. Vielleicht hat meine Angst Dich weggetrieben? Ich war kein Teil, sondern ein Opfer von dem was passierte. Aber das willst Du nicht hören. Zu Recht. Wer will schon rechtlos sein. Wer will schon als Opfer neben Prinzessinnen stehen. Ist es das?

Netzstadt Ruhr: Das Ruhrgebiet als Rhizom

Städte können gelesen werden. Michael Buto beschreibt in La Ville comme texte die Stadt als einen doppelten Text.

Von Schlaglöchern und Zwischenräumen: Wenn die Kunst ins Leben geht

Vor Kurzem war es wieder so weit: Eine weiß gestrichene Schindelfassade im Stil des US-amerikanischen Vorstadt-Einfamilienhauses rollte durch die Straßen Detroits.

Der Raum zwischen uns

Ist der Raum, der als öffentlich bezeichnet wird, wirklich öffentlich? War er das jemals?