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9/SHY DANCE FLOOR

Simon Faithfull

TÄGLICH, 24 STUNDEN
UNTERFÜHRUNG
FUNKESTRASSE/NEUMARKTSTRASSe
eintritt frei

Der Asphaltboden in der Unterführung Funke- / Neumarkstraße wird mit einem an die 1970er Jahre erinnernden Disco-Dancefloor ausgestattet. Die Installation Shy Dance Floor fürchtet sich vor dem Besucher: Nähert man sich dem Tanzboden, verschwinden die Lichteffekte wie eine Fata Morgana, fast, als hätte man sie sich von Weitem eingebildet. Entfernt sich der Besucher wieder, erwachen die Lichter erneut zum Leben.

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Hagen-Mittelstadt und -Altenhagen trennt der Märkische Ring. Ein Stück weit verläuft er an dieser Nabe mehrspurig direkt über der Volme. In Höhe der Grabenstraße entfernen sich die beiden Strecken wieder voneinander. Diese Topografie bewirkte hundert Meter weiter eine interessante Straßenverbindung: Die Neumarktstraße geht an dieser Stelle in einen Fußweg über, welcher zunächst in einem Bogen über die Volme führt, um gleich anschließend unter dem Ring hindurchzuführen und schließlich über eine Treppe hinauf nach Altenhagen.

Trotz der schönen Kombination von Flussbrücke und Tunnel ist diese Stelle vor allem nachts ein Ort, wie geschaffen für melancholische Gedanken und unheimliche Vorahnungen. Simon Faithfull hat ein Faible für solche Unorte. Der aus England stammende Künstler hat weltweit bereits umfangreich ausgestellt. Sein Steckenpferd sind Installationen im öffentlichen Raum, „auf die man stößt, ohne zu wissen, dass es sich um Kunst handelt“.

N

Nach ausgedehnten Erkundungen durch Hagen stieß Faithfull auf den Durchgang unter dem Märkischen Ring und fand: „Dieser Tunnel ist traurig. Ich dachte mir: Er braucht eine Tanzfläche.“ Jedoch keine, wie man sie erwartet, sondern eine, die nur existiert, wenn niemand da ist. Faithfulls »Shy Dancefloor« blinkt und leuchtet in bunten Farben, genau wie in den 1970er-Jahren ein grooviger Disco-Dancefloor. Zunächst aber nur aus der Ferne. Spätestens wenn man, über die Brücke kommend, das andere Ufer erreicht, gehen alle Lichter aus. Die verheißungsvoll lockende Partybeleuchtung ist verschwunden, der Boden zu den Füßen ein ganz normales Trottoir.

Es ist Faithfulls zweite Arbeit in dieser Richtung. Im Canon’s Marsh in Bristol hat er eine ebenso scheue Wasserfontäne installiert. Auch hier kann der neugierige Betrachter nur aus der Ferne erspähen, dass ein Springbrunnen Wassersalven hoch in die Luft schießt. Kaum nähert man sich dieser Augenweide, stoppt der Strahl, und nur die nassen Steine verraten, dass hier eben noch ein Wasserspiel lockte.

»Shy Fountain« wirkt auf den Betrachter genau wie »Shy Dancefloor« mysteriös und verblüffend. Faithfull ließ sich dabei von der philosophischen Frage inspirieren, ob ein Baum, der fällt, auch dann ein Geräusch macht, wenn niemand da ist, es zu hören. Sprich: Wie wirklich ist unsere Wirklichkeit? Ist sie vielleicht nur ein Ergebnis unserer individuellen, sinnesbasierten Interpretation?

W

Wer in der Natur einmal still steht und abwartet, bekommt vieles zu sehen, was sonst verborgen bleibt. Faithfull hatte bei seiner Arbeit auch die Sandkrebse vor Augen: Bewegt man sich nicht, sieht man sie noch seitwärts über den Strand krabbeln. Geht man weiter, huschen sie mir nichts, dir nichts in ihre Löcher zurück. Eine solche Chance bietet sich auch beim »Shy Dancefloor« in Hagen: Wer regungslos auf dem Tanzboden ausharrt, steht bald im bunten Lichtermeer und wird den abgetakelten Tunnel nicht wiedererkennen: Die Unterführung verwandelt sich in einen Ort, an dem man gerne innehält und eine Erfahrung macht, mit der man nicht gerechnet hat.