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10/UNTITLED

A KASSEN

TÄGLICH, 24 STUNDEN
UNTERFÜHRUNG
NEUMARKTSTRASSE/FUNKESTRASSE
eintritt frei

Die an zwei Brückenpfeilern in Randlage aufgesprühten Signaturen-Graffitis (sogenannte Tags) werden bei Untitled mit Neonröhren in Form und Farbe exakt nachgezeichnet. Dadurch bekommt das, was eigentlich zu den verbotenen, ja vandalistischen, unbeliebten Stadtverzierungen zählt, eine temporäre Feierlichkeit und künstlerische Betonung.

G

Gezwängt zwischen drei Meter hohe Betonwände fließt die Volme durch Hagen. In Verlängerung der Gerberstraße, parallel zum Märkischen Ring, verläuft ein Spazierweg oberhalb ihres unzugänglichen Ufers. Ein unwirtlicher Pflasterpfad, auf dem es nach Hundekot duftet und unter einer Brücke entlang geht. Deren Pfeiler sind mit launisch hingekritzelten Graffiti Tags verziert. Ein stimmiges Gesamtbild. „Leona + Lisa“, steht da unter anderem, ein paar unleserliche Signaturen, auch ein geflügelter Phallus ist auf den zweiten Blick erkennbar und deutlich zu lesen der ironische Satz: „Danke SPD/Grüne für Hartz IV“.

S

Sie sind ein öffentliches Ärgernis: mit Sprühfarbe, Edding-Stiften oder Paintmarkern erstellte ‚Farbschmierereien’ an Brücken, Hauswänden, Geschäften, Telefonzellen, S-Bahnen. Die Schäden gehen laut Zeitungsberichten allein in Hagen in die Hunderttausende. Immer wieder werden einzelne Sprayer dingfest gemacht und unter Strafe gestellt. Darüber wird gerne berichtet, denn: Öffentliches Gut bemalen – das ist Sachbeschädigung und verboten.

Dass Hagen voll ist mit solchen Graffitis, fiel auch Christian Bretton-Meyer und Tommy Petersen auf. Sie sind Teil der dänischen Kunstgruppe A Kassen und arbeiten normalerweise nicht mit Licht. Ihre Spezialität ist es aber, Vorgefundenem, oft ganz Alltäglichem durch die Manipulation des Kontextes eine völlig neue Bedeutung zu verleihen.

Für Bretton-Meyer, so sagt er, ist Graffiti zunächst ganz wertfrei ein Readymade. Freilich wissen beide Künstler, wie unbeliebt solche Hinterlassenschaften sind. Gerade darum wollten sie ein Angebot schaffen, das Ganze einmal neu zu sehen, buchstäblich eine andere Lesart bieten. Es ist ihnen gelungen. „Herausgekommen ist Werbung für Vandalismus“, Petersen lacht. Anders kann man das Ergebnis auch kaum bezeichnen. Die beiden Dänen haben die Aufschriften Eins zu Eins mit filigranen Leuchtröhren nachgezeichnet und genau über ihnen an den Brückenpfeilern angebracht. Grün, rot, pink, blau und in 3D leuchten jetzt die vorher nur mit schwarzer Farbe aufgemalten Statements. Die gesamte Unterführung wirkt durch diese bunte Neon-Collage plötzlich anziehend, fröhlich und schön.

Ü

Über Nacht zum Kunstwerk: „Das ist eigentlich das Schlimmste, was Graffiti passieren kann“, grinst Bretton-Meyer, „dass die Stadt und ihre Bewohner es willkommen heißen. Wer Graffitis im öffentlichen Raum platziert, will ja damit immer provozieren, auf gar keinen Fall gefallen.“ Wie lange diese unerwartete Verschönerung genau so zu sehen ist, wird sich zeigen. Vorsichtshalber haben die Künstler sie mit zwei Plexiglasscheiben abgedeckt. Vielleicht wird bald einfach drübergekritzelt. Die Gassigänger am Volme-Ufer werden auf jeden Fall was zu sehen bekommen. Und Leona und Lisa hätten doch Grund, sich zu freuen.